Expertenrunde Tour de France: Erkenntnisse nach der ersten Bergankunft

Primoz Roglic

Expertenrunde Tour de France

Expertenrunde Tour de France: Erkenntnisse nach der ersten Bergankunft

Primoz Roglic gewinnt die erste Bergankunft der Tour de France 2020. Die ARD-Experten Florian Naß, Fabian Wegmann, Holger Gerska und Michael Ostermann über die wichtigsten Erkenntnisse der 4. Etappe.

Die erste Bergankunft der Tour de France liegt hinter uns. Was ist die wichtigste Erkenntnis des Tages?

Florian Naß

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator): Bei Roglic scheint nichts zurückgeblieben zu sein, außer einem großen Pflaster am Arm nach seinem Sturz. Das war ein ganz starkes Signal heute von ihm.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Fabian Wegmann

Die wichtigste Erkenntnis des heutigen Tages ist für mich, dass wir jetzt gesehen haben, dass Primoz Roglic der stärkste Fahrer ist im Feld und auch die stärkste Mannschaft an seiner Seite hat.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Holger Gerska

Vergessen wir mal alles, was wir über Verletzungen und über Unwohlsein von Primoz Roglic gehört haben. Der ist genauso gut in Form wie bei der Dauphiné. Mein Tipp für den Gesamtsieg ist ja Egan Bernal. Aber der heutige Tag hat gezeigt, dass es für den Kolumbianer nicht ganz leicht wird gegen Jumbo-Visma und vor allem gegen Roglic.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Michael Ostermann

Primoz Roglic macht da weiter, wo er vor dem Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt aufgehört hat. Der Weg ins Gelbe Trikot führt nur über ihn und das Team Jumbo-Visma, das ganz offensichtlich gewillt und in der Lage ist, das Kommando zu übernehmen.

Emanuel Buchmann hatte im Ziel neun Sekunden Rückstand. Was bedeutet das für seine Ambitionen?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator):

Das Finale mit der Explosivität der Konkurrenten kam ihm nicht entgegen. Die neun Sekunden sind natürlich ärgerlich, aber sind bei längeren Anstiegen noch zu kompensieren.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Zu den neun Sekunden Rückstand im Ziel kommen noch die zehn Sekunden Zeitbonifikation für Roglic. Auf ihn hat Emanuel jetzt also 19 Sekunden Rückstand. Das ist noch nicht die Welt. Aber zu den ersten Zehn in der Gesamtwertung hat er jetzt eben diese neun Sekunden. Das ist ein kleiner Dämpfer. Ich glaube nicht, dass das ausschlaggebend sein wird. Aber psychologisch ist das schon mal nicht so schön.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Grundsätzlich bedeuten neun Sekunden erst einmal gar nichts. Die Frage ist, wie er mental damit umgeht. Denn schließlich waren alle Top-Favoriten vorne in der ersten Gruppe - 15, 16 Fahrer. Er, direkt dahinter, konnte das Loch nicht schließen. Ich hoffe, dass er nicht lange darüber nachdenkt. Aber letztlich ist diese Art der Berge ja für diese Tour de France auch nicht entscheidend. Das wird nachher in den Hochalpen passieren, und bis dahin kann er auch wieder in Form kommen. Aber er ist tatsächlich nicht bei hundert Prozent. Das hat er jetzt endgültig gemerkt. 

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Neun Sekunden sind nicht viel, aber sie dürften Buchmann dennoch zu denken geben. Er selbst hat ja vor der Tour de France schon befürchtet, dass der Sturz bei der Dauphiné seiner Form geschadet hat. Und bei aller Zuversicht, die er nach den ersten drei Tagen der Tour geäußert hat, dürften die Zweifel in ihm nun wieder wachsen.

Fabians Fazit - Roglic überzeugt, Buchmann hinten dran Sportschau 01.09.2020 02:34 Min. Verfügbar bis 01.09.2021 Das Erste

Wer hat überrascht, wer hat enttäuscht?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator):

Die Unterstützung für Buchmann war unzureichend. Das war eine Enttäuschung. Denn bei einem sieben Kilometer Schlussanstieg kann und muss er mehr Unterstützung erwarten.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Ganz ehrlich, herausragend überrascht hat mich eigentlich gar keiner. Die Favoriten waren alle vorne in der Gruppe. Da ist keiner drin gewesen, den ich nicht auf dem Zettel hätte. Enttäuscht hat ein bisschen Emanuel Buchmann mit neun Sekunden, klar. Aber vor allem das Team. Dass er zum Schluss über lange Zeit alleine fahren musste, dass keiner aus seinem Team noch irgendwie helfen konnte, das war nicht gut.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Die positive Überraschung: Guillaume Martin. Wenn er nicht die Nerven verloren und so früh attackiert hätte, dann wäre es knapp geworden für Roglic - ein toller Sprint. Cofidis hat ja extra Elia Viviani eingekauft, um mal wieder eine Etappe zu gewinnen nach mehr als 10 Jahren, und wird sich jetzt wahrscheinlich ein bisschen umorientieren. Martin könnte mit um die vorderen Plätze fahren, und bei gutem Verlauf vielleicht diese eine Etappe für Cofidis gewinnen.

Die negative Überraschung: Für mich definitiv das Team Bora. Dass Emanuel Buchmann so alleine war auf den letzten Kilometern, war schon ein bisschen frustrierend. Nichts zu sehen von Kämna, nichts zu sehen von Mühlberger. Das war voriges Jahr ganz anders und ist auch kein gutes Signal.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Überrascht hat mich der Antritt von Guillaume Martin kurz vor dem Ziel. Dass er ein Kandidat für die Top 10 sein würde, damit durfte man rechnen. Aber dass er sich schon jetzt derart mutig - wenn in diesem Fall auch zu früh - in die Attacke stürzen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Enttäuschend war, das Emanuel Buchmann so früh schon keinen Helfer mehr an seiner Seite hatte.

4. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 01.09.2020 07:13 Min. Verfügbar bis 01.09.2021 Das Erste

Stand: 01.09.2020, 19:25

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