Sunweb bei der Tour: Jung, aggressiv, erfolgreich

14. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 12.09.2020 03:25 Min. Verfügbar bis 12.09.2021 Das Erste

Tour de France - deutsches Team bestimmende Kraft

Sunweb bei der Tour: Jung, aggressiv, erfolgreich

Von Michael Ostermann (Lyon)

Mit dem zweiten Etappensieg binnen drei Tagen sorgt das deutsche Team Sunweb bei der Tour de France für Furore. Die junge Mannschaft sucht und findet ihre Chancen, während dem anderen deutschen Team Bora-hansgrohe noch das Glück fehlt.

Da standen sie wieder in ihren weißen Trikots uns herzten sich - schon wieder. Søren Kragh Andersen wurde in den Arm genommen, abgeklatscht, gefeiert und nahm die Glückwünsche seiner Kollegen vom Team Sunweb entgegen. "Ich finde keine Worte, es sind pure Emotionen", erklärte der Däne, nachdem er am Samstag (12.09.2020) die 14. Etappe der Tour de France mit einem beherzten Solo auf den letzten drei Kilometern in Lyon gewonnen hatte.

Jedem seine Chance

Es war binnen drei Tagen bereits der zweite Tageserfolg der mit deutscher Lizenz fahrenden Equipe, nachdem der Schweizer Marc Hirschi am Donnerstag die 12. Etappe als Sieger beendete hatte. Auch er war in Sarran Corrèze als Solist ins Ziel gekommen.

Zwei Etappensiege sind mehr als man sich bei Sunweb vor der Tour erhoffen durfte. Das Team ist in den ersten 14 Tagen der Rundfahrt eine der prägenden Kräfte. Neben den beiden Tagessiegen fuhr die Mannschaft noch zwei zweite und drei dritte Plätze ein. Neben Hirschi und Kragh Andersen hatte auch der Niederländer Ces Bol seinen Anteil daran. "Wir wollen aggressiv fahren, jeder bekommt seine Chance", fasste Kragh Andersen in Lyon die Ausrichtung des Teams zusammen.

Etappensieger Andersen: "Dass wir so gut sind, überrascht uns alle" Sportschau 12.09.2020 01:36 Min. Verfügbar bis 12.09.2021 Das Erste

Übergangsjahr von Dumoulin zu Bardet

Für das Team Sunweb ist 2020 ein Übergangsjahr - und das hat nur wenig mit der Corona-Pandemie und der zwischenzeitlichen Rennpause zu tun. In den vergangenen Jahren war die Mannschaft bei den großen Drei-Wochen-Rundfahrten wie der Tour vor allem auf den Niederländer Tom Dumoulin und dessen Ambitionen in der Gesamtwertung ausgerichtet. Dumoulin hat die Equipe jedoch Ende 2019 in Richtung Jumbo-Visma verlassen, wo er nun wichtige Arbeit für den Mann im Gelben Trikot, Primoz Roglic, verrichtet. Für 2021 hat sich Sunweb bereits die Dienste des Franzosen Romain Bardet gesichert - auch er ein Mann für das Gesamtklassement.

Bei der Tour de France ist die Mannschaft von Teamchef Iwan Spekenbrink, die im Kern niederländisch geprägt ist, in diesem Jahr mit einem jungen Kader angereist. "Wir sind hier für die Zukunft", sagte Kragh Andersen nach seinem Etappensieg. Das Durchschnittsalter des achtköpfigen Aufgebots beträgt 25,1 Jahre, wobei der Ire Nicholas Roche,36, den Altersschnitt deutlich anhebt. "Wir passen aufeinander auf, Sprinter auf Kletterer, Kletterer auf Sprinter", sagt Roche. "Es geht nicht darum, wer von uns es schafft, sondern dass einer von uns es schafft."

Gefühl für den perfekten Moment

Gut zu sehen war das im Finale der 14. Etappe. Als Erster versuchte es Tiesj Benoot, 26, mit einer Attacke am Fuß des vorletzten kategorisierten Anstieg des Tages, der Côte de la Duchère, 15 Kilometer vor dem Ziel. Als das Feld den Belgier wieder eingeholt hatte, war Hirschi an der Reihe, bis schließlich Kragh Andersen der entscheidende Angriff gelang. "Es war der perfekte Moment", merkte er später zurecht an.

Das Gefühl für den perfekten Moment scheint beim anderen deutschen Team Bora-hansgrohe derweil ein wenig verloren gegangen zu sein. Die Mannschaft musste nach dem Einbruch von Emanuel Buchmann in den Pyrenäen nach der ersten Tourwoche seine Ziele neu definieren. Statt den nach seinem Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt geschwächten Buchmann aufs Podium in Paris zu geleiten, fährt man nun auch um Tageserfolge und versucht, Peter Sagan zum achten Mal im Grünen Trikot in die französische Hauptstadt zu bringen.

Viel Aufwand für nur 23 Punkte

Diesem Ziel galt auch die Arbeit der Mannschaft auf der 14. Etappe. Sagan hatte vor der Etappe 66 Punkte Rückstand auf den Iren Sam Bennett - bevor sich die Tour nun in die Alpen begibt, musste Sagan diesen Abstand unbedingt verringern. Und so setzte sich Bora-hansgrohe schon am ersten Anstieg des Tages, dem Côte du château d'Aulteribe, an die Spitze des Feldes, um Bennett und die anderen schweren Sprinter abzuschütteln. Sagan machte beim anschließenden Zwischensprint fünf Zähler gut. Aber der Hauptpreis wartete im Ziel in Lyon, wo es für den Etappensieg 50 Punkte gab.

Im Finale konnte die Mannschaft das Geschehen dann aber nicht mehr kontrollieren. "Am Ende hat uns ein Mann gefehlt, vielleicht auch zwei, damit es hier zu einem Sprint kommt. Aber so war es ein offenes Rennen und so ist alles außer Kontrolle geraten", sagte Lennard Kämna, der in dem Durcheinander selbst eine Attacke setzte. Sagan rollte schließlich als Vierter für weitere 18 Zähler ins Ziel. "23 Punkte ist nicht wirklich das, was wir geplant hatten", sagte Kämna. Der Kraftakt habe sich dafür nicht wirklich gelohnt.

Buchmann arbeitet im Wind

Für Sagan wird es nun schwierig, den Rückstand im Kampf um das Grüne Trikot bis zur Schlussetappe am 20. September in Paris in einen Vorsprung umzuwandeln. Auch die Zeit für einen Etappensieg wird von Tag zu Tag knapper. Nah dran sind sie bei Bora-hansgrohe ja schon gewesen, mt Platz zwei und drei auf der 13. Etappe durch Lennard Kämna und Maximlian Schachmann. Und auch Emanuel Buchmann, der auf dem Weg nach Lyon viel Arbeit für das Team im Wind verrichtete, scheint sich langsam zu erholen.

Im Gesamtklassement beträgt sein Rückstand mittlerweile mehr als 52 Minuten. Das verschafft ihm die Möglichkeit, in den Alpen auf einen Etappensieg zu fahren. Wie das gehen könnte, dafür müssen er und sein Team sich eigentlich nur ein Beispiel an Sunweb nehmen.

Stand: 12.09.2020, 21:12

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