Tour de France: Zwei Slowenen und eine Dampfwalze

Tadej Pogacar (vorne) und Primoz Roglic

Roglic und Pogacar kämpfen um Gelb

Tour de France: Zwei Slowenen und eine Dampfwalze

Von Michael Ostermann (Culoz)

Auf der 15. Etappe der Tour de France wird klar, dass der Toursieger diesmal aus Slowenien kommen wird. Ob Primoz Roglic oder Tadej Pogacar entscheidet sich in den kommenden Tagen. Bei Ineos Grenadiers müssen sie die Niederlage von Vorjahressieger Egan Bernal verarbeiten.

Ein paar Zuschauer hatten es irgendwie doch auf den Gipfel des Grand Colombier geschafft. Das Départment de l'Ain hatte die Anstiege der 15. Etappe der Tour de France wegen der ansteigenden Zahl an Corona-Infektionen eigentlich für das Publikum gesperrt und Bußgelder angedroht. Doch einige wenige hatten sich auch davon nicht abschrecken lassen. Sie wurden dort oben Zeugen einer erstaunlichen Sprintentscheidung: Tadej Pogacar besiegte den Träger des Gelben Trikots Primoz Roglic - zwei Slowenen unter sich.

Pogacars Plan: Toursieg

Roglic und Pogacar werden nach Lage der Dinge in den kommenden Tagen unter sich ausmachen, wer von ihnen am Ende der Tour de France in Paris einen historischen Triumph feiern wird als erster slowenischer Gesamtsieger. 40 Sekunden trennen die beiden im Klassement vor dem zweiten Ruhetag. Im Moment sehe Roglic zwar "unantastbar" aus, gab Etappensieger Pogacar auf dem Grand Colombier zu Protokoll. Aber die Tour zu gewinnen, das sei jetzt natürlich auch sein Plan.

15. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 13.09.2020 03:20 Min. Verfügbar bis 13.09.2021 Das Erste

Das Gelbe Trikot nach Paris zu tragen, war von Beginn an auch Roglics Bestreben. Er galt schon vor dem Start der Tour vor zwei Wochen als der Topfavorit. Sein Team Jumbo-Visma hat die Machtverhältnisse im Peloton ins Wanken und nun auf dieser ersten schweren Alpenetappe endgültig zum Umsturz gebracht. Statt des Teams Ineos Grenadiers, das schon als Team Sky über Jahre hinweg die Konkurrenz beherrschte, sind es nun die gelben Trikots von Jumbo-Visma, die vornewegfahren.

Bernal erlebt einen "jour sans"

Das Tempo, das die niederländische Equipe am Schlussanstieg mit fünf Fahrern an der Spitze anschlug, sortierte viele der Fahrer aus, die es bis dahin noch geschafft hatten dranzubleiben. "Heute haben wir die Dampfwalze gezeigt", sagte Roglic nach der Machtdemonstration nicht ohne Stolz. Selbst Wout Van Aert, Gewinner zweier Sprintetappen, schaffte es am dritten und letzten schweren Anstieg des Tages, die Geschwindigkeit bis acht Kilometer vor dem Ziel derart hochzuhalten, dass sogar Vorjahressieger Egan Bernal den Anschluss verlor. "Ich musste ihnen nicht sagen, dass sie schneller fahren sollen, sie waren schnell genug", erklärte Roglic.

Zu schnell vor allem für Bernal, der schon früh den Anschluss verlor. Der Kolumbianer schüttelte immer wieder den Kopf, ließ seine Zunge raushängen und blies resigniert die Backen auf. Mehr als sieben Minuten betrug sein Rückstand im Ziel. In der Gesamtwertung fehlen ihm jetzt schon mehr als acht Minuten. Bernal erlebte das, was die Franzosen einen "jour sans" nennen. "Um ehrlich zu sein, ich habe mich schon am ersten Anstieg nicht wohl gefühlt. Ich war blockiert", sagte Bernal. "Gestern habe ich mich noch gut gefühlt. Ich weiß nicht, was los war."

Fabians Fazit - Das war's für Bernal und für das gesamte Team Sportschau 13.09.2020 01:30 Min. Verfügbar bis 13.09.2021 Das Erste

Ineos Grenadiers muss sich neu sortieren

Drei Jahre seines Lebens habe ihn dieser Tag gekostet, vermutete Bernal. Zum Glück ist der Kolumbianer erst 22 Jahre alt. Ihm bleibt noch Zeit für einen weiteren Toursieg. Diesmal stand Bernal aber unter dem Druck, als Titelverteidiger am Start zu stehen. Und anders als im Vorjahr war das Team diesmal ganz auf ihn ausgerichtet, nachdem der viermalige Toursieger Christopher Froome und Geraint Thomas, der Sieger von 2018, nicht nominiert wurden.

Bernal hatte im Frühjahr deutlich gemacht, dass er nicht bereit sei, die Kapitänsrolle für die Tour abzugeben. Nun ist er gescheitert. "Die Wahrheit ist, ich habe heute die Tour verloren", musste er einräumen. Bei Ineos Grenadiers werden sie sich am Ruhetag neu sortieren und versuchen, zumindest noch einen Etappensieg zu landen, um diese Tour noch zu einem versöhnlichen Ende zu bringen.

Erste Dopingfragen an Roglic

Roglic seinerseits bekommt nun zu spüren, welche Last das Gelbe Trikot sein kann. Die Dominanz seines Teams ruft jetzt auch die Skeptiker auf den Plan, denen ein dominanter Auftritt angesichts der Dopinggeschichte des Radsports suspekt vorkommt. Nach der Zielankunft auf dem Grand Colombier musste sich Roglic erstmals Fragen zum Thema Doping gefallen lassen. "Ich habe nichts zu verbergen. Das bin ich", beteuerte der 30-Jährige. "Man kann mir auf jeden Fall vertrauen."

Im Radsport ist das mit dem Vertrauen allerdings so eine Sache. Und Roglic wird sich deshalb an die Skepsis gewöhnen müssen. Sein drängendstes Problem auf der Straße ist Pogacar, dem er gerne schon am Grand Colombier den Etappensieg weggeschnappt hätte. "Ich bin ein bisschen enttäuscht, aber er war stärker", erklärte Roglic, der seinen erst 21 Jahre alten Landsmann nun am meisten fürchten muss.

Dass die anderen Konkurrenten dem slowenischen Duo noch gefährlich werden könnten, scheint ausgeschlossen. Obwohl die Abstände auf die folgenden Plätze sich bis Rang sieben noch im Bereich von zwei Minuten bewegen. Doch fehlt es den anderen Anwärtern auf das Podium an der nötigen Explosivität, um Pogacar und Roglic abzuhängen. Die Jumbo-Visma-Dampfwalze wird sich nun also zur Aufgabe machen, Pogacar aus dem Weg zu räumen. Gelegenheit dazu bieten die beiden nach dem Ruhetag anstehenden Bergetappen.

Stand: 13.09.2020, 20:30

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