Emanuel Buchmann: In aller Ruhe ans Ziel

Emanuel Buchmann

Gesamtvierter bei der Tour de France

Emanuel Buchmann: In aller Ruhe ans Ziel

Von Michael Ostermann (Paris)

Emanuel Buchmann beendet die Tour de France auf einem beeindruckenden vierten Platz. Der 26 Jahre alte Radprofi hält drei Wochen lang mit den Besten mit, weil er sich weder auf noch neben dem Rad aus der Ruhe bringen lässt.

Die größte Gefahr, Paris doch nicht zu erreichen, lauerte für Emanuel Buchmann vor dem Teamhotel in Val Thorens. Die vorletzte Etappe der Tour de France war gerade zu Ende gegangen, das finale Klassement gemacht, als einer der kräftigen Betreuer seines Teams Bora-hansgrohe - ein Mann wie ein Baum - den schmächtigen Radprofi in den Arm nahm und zu erdrücken drohte. Buchmann konnte sich gerade noch rechtzeitig aus der Umklammerung befreien.

25 Sekunden fehlen aufs Podium

So wird der 26 Jahre alte Ravensburger nun also unbeschadet durch Paris radeln. Als Vierter der Gesamtwertung. Nur drei deutsche Radfahrer sind in der 116 Jahre langen Geschichte der Tour de France besser platziert gewesen als Buchmann: Kurt Stöpel 1932 als Zweiter, Jan Ullrich, der Toursieger von 1997, und Andreas Klöden, der 2004 und 2006 auf dem Podium in Paris gestanden hatte.

Einen Platz auf dem gelb getünchten Podium auf den Champs-Élysées hat Buchmann nur um 25 Sekunden verpasst. Dort wird jetzt der Niederländer Steven Kruijswijk als Dritter neben dem Toursieger Egan Bernal und dessen Teamkollegen Geraint Thomas stehen. Aber Buchmann ist dennoch zufrieden. "Richtig geil" fand er selbst seinen vierten Platz sogar. "Ich brauche noch ein bisschen, bis ich das realisiert habe, wie gut ich hier gefahren bin."

20. Etappe - Buchmann: "Vierter ist natürlich richtig geil" Sportschau 27.07.2019 01:54 Min. Verfügbar bis 27.07.2020 Das Erste

Ein Kletterer, kein Clown

Auch das Publikum muss ersteinmal sacken lassen, das Deutschland nach Jahren der Herrschaft von Sprintern und Zeitfahrern nun auch wieder einen Radprofi hat, der bei der Tour de France weit vorne in der Gesamtwertung landet und an den Bergen mit den Besten mithält. "Er gehört zu den besten Kletterern weltweit, das hat er gezeigt hier", sagt sein Trainer Dan Lorang.

Buchmann ist kein Fahrer, der die Fantasie der Menschen beflügelt. Keiner wie der Franzose Julian Alaphilippe, der vor allem das französische Publikum in diesem Jahr mit 14 Tagen im Gelben Trikot, seinen explosiven Attacken und waghalsigen Abfahrten begeisterte, um dann mit wehenden Fahnen unterzugehen. Buchmann taugt auch nicht zum Clown wie sein Teamkollege Peter Sagan, der sich auf dem Rad und medial spektakulär in Szene setzt.

Fleißig, akribisch, fokussiert

Buchmann geht einfach seiner Arbeit als Radprofi nach. Mehr nicht. Auf der Reise durch Frankreich wurde er einmal gefragt, womit er sich denn abseits des Rades gerne beschäftige. "Ich habe keine Hobbys", erklärte er trocken. Am liebsten habe er gemeinsam mit seiner Freundin Claudia Eder seine Ruhe.

Radfahren ist Buchmanns Beruf. Und bei der Arbeit ist er fleißig, akribisch, fokussiert. "Er ist kein Überflieger, er erarbeitet sich seinen Erfolg", sagt der Luxemburger Lorang. "An den langfristigen Leistungsaufbau denken und weiter an sich glauben, das kann er. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen."

Lange unterhalb des Radars

Buchmann ist ganz selbstverständlich mitgefahren mit den Besten in diesen drei Wochen. Er wusste, dass das funktonieren würde, um sein Ziel zu erreichen - einen Platz unter den ersten zehn der Gesamtwertung. Er ist davon auch nicht abgerückt, als das Podium in Reichweite kam. Er hielt sich weiter an den Plan und flog damit lange unterhalb des Radars.

Es dauerte bis zum zweiten Ruhetag in Nimes zu Beginn der dritten Tourwoche, bis auch die internationalen Medien aufmerksam wurden auf diesen unscheinbaren Deutschen, der sich einfach nicht abschütteln ließ. Buchmann hatte kein Problem mit dem fehlenden Interesse, aber er fand es auch nicht schlimm, als man begann, ihn etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. "Das tut ihm gut", meint Lorang. "Das formt ihn weiter als Persönlichkeit und auch das ist ja unser Ziel."

Unter der Oberfläche blitzt es

Buchmann bleibt in seinen Antworten meist einsilbig. Ein großer Entertainer wird der 26-Jährige vermutlich nicht mehr. Aber manchmal blitzt unter der Oberfläche ein trockener Humor auf, mit dem man nicht rechnet. Ob er Abfahren trainiert habe, wollte einmal jemand von Buchmann wissen. "Wer viel bergauf fährt, fährt auch viel bergab", lautete die Antwort.

Ähnlich ist es auf dem Rad. Buchmann verliert während des Rennens in der Hitze des Gefechts nicht die Nerven. Er beobachtet, bleibt dran. Aber auch auf der Straße blitzte in Frankreich manchmal noch etwas anderes durch die Oberfläche. Etwa auf dem Tourmalet, als er das Tempo verschärfte und damit dafür sorgte, dass Vorjahressieger Geraint Thomas aus der Favoritengruppe zurückfiel. Doch auch da ließ er sich nicht davontragen von der eigenen Stärke, sondern kalkulierte genau seine Chancen. "Die anderen waren direkt am Hinterrad und ich fahre die ja nicht zum Ziel", erklärte er.

Nur eine brenzlige Situation

Sein ruhiges Naturell hilft ihm, die Dinge mit Bedacht zu analysieren, nicht in Panik zu geraten. Er besitzt darüber hinaus eine strategische Intelligenz auf dem Rad. "Er kann sehr gut Rennsituationen vorhersagen und hat meistens recht damit", sagt Lorang. Beides sind wichtige Voraussetzungen dafür, bei einer dreiwöchigen Rundfahrt erfolgreich zu sein.

Nur zu Beginn der Tour musste Buchmann eine brenzlige Situation überstehen, als er kurz vor dem Ziel der ersten Etappe stürzte und sich die Lippe blutig schlug. Danach erlebte er drei Wochen, in denen er keine Schwäche zeigte. "Die Konstanz war der Schlüssel", sagt Lorang. "Das war auch das, was wir trainiert haben. Dass das so aufgeht, weiß man natürlich im Vorfeld nicht."

"Noch nicht das Ende"

Buchmann wird nun also als Vierter der Tour de France 2019 in die Annalen eingehen. Bleibt die Frage, ob das schon das Limit war, oder es noch weiter nach vorne gehen kann. "Er ist ein sehr intelligenter Fahrer, der bei diesen Rennen in den kommenden Jahren eine Rolle spielen wird", glaubt der Toursieger Egan Bernal aus Kolumbien. Sein Trainer sagt, man habe noch "ein paar Pfeile im Köcher. Von daher sind wir ganz zuversichtlich, dass das noch nicht das Ende war."

Egan Bernal - Kolumbiens erster Tour-de-France-Sieger Sportschau 27.07.2019 02:10 Min. Verfügbar bis 27.07.2020 Das Erste

Buchmann glaubt das auch. Er ist bereit, weiter zu arbeiten: hart, diszpliniert und in aller Ruhe. "Mir fällt das leicht. Das ist einfach ein Teil meines Lebens und es fühlt sich nicht so an für mich, als wären es Entbehrungen", sagt er über sein Leben als Radprofi. "Aber jetzt freue ich mich erstmal, dass es vorbei ist."

Stand: 28.07.2019, 08:30

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