Für Buchmann beginnt die Tour de France erneut

Emanuel Buchmann

Frankreich-Rundfahrt erreicht die Pyrenäen

Für Buchmann beginnt die Tour de France erneut

Von Michael Ostermann (Bagnères de Bigorre)

Die Tour de France erreicht die Pyrenäen. Dort werden sich die Klassementfahrer erstmals richtig miteinander messen müssen. Mittendrin Emanuel Buchmann, der in der Gesamtwertung den fünften Platz belegt und dennoch ganz unaufgeregt bleibt.

Wohl fühlt sich Emanuel Buchmann nicht - das ist deutlich zu spüren. Sein Blick wirkt verschreckt, so als müsse er eine Art Prüfung absolvieren. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass er die ganze Aufregung nicht versteht, weil er selbst nicht aufgeregt ist. Ganz sicher aber ist er schlau genug, nicht in die Fallen zu tappen, die ihm von den Journalisten gestellt werden.

Klöden 2009 der letzte Deutsche unter den Top Ten

Wann man denn mal von ihm höre, dass er die Tour gewinnen wolle, hat ein Journalist vom Boulevard ihn am Ruhetag der Tour de France in Albi gefragt. "Nach der 20. Etappe, wenn ich das Gelbe Trikot habe. Vorher nicht", hat Buchmann geantwortet. Wohl wissend, dass es dazu nicht kommen wird. Und auch die Frage, ob er als Kind vom Toursieg geträumt habe, hatte keinen Erfolg. "Eigentlich nicht", lautete die Antwort.

Emanuel Buchmann liegt nach elf Etappen der Tour de France auf dem fünften Rang der Gesamtwertung und erst jetzt kommt das Terrain, in dem er seine Stärken hat - das Hochgebirge. Der Radprofi und sein Team haben vor der Tour das Ziel Top Ten ausgegeben. Das hat seit 2009 kein deutscher Radprofi mehr geschafft, damals beendete Andreas Klöden die Tour auf Rang sechs.

Noch unter dem Radar der internationalen Medien

Nun also Buchmann, 26, ein junger Mann aus Ravensburg, dem man seine oberschwäbische Herkunft anhört und der sich nicht für fettgedruckte Schlagzeilen eignet. Vertreter einer neuen Generation. "Ich habe mich jedes Jahr kontinuierlich weiterentwickelt und in diesem Winter nochmal einen kleinen Schritt nach vorne gemacht", erklärt Buchmann seinen Weg in die Topriege der Klassementfahrer. Ein Leistungssprung sei das nicht gewesen.

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Noch fliegt Buchmann trotz Platz fünf in der Gesamtwertung unterhalb des Radars. Die internationalen Medien interessieren sich nicht für ihn. Als der Franzose Thibaut Pinot nach der achten Etappe in Saint-Étienne als bestplatzierter Mitfavorit auf Rang drei der Gesamtwertung geführt wurde, listete die französische Sportzeitung L'Equipe seinen Abstand zu den wichtigsten Klassementfahren auf. Anders als der Niederländer Steven Kruijswijk, derzeit Vierter, war Buchmann nicht aufgeführt.

Anerkennung im Peloton

Pinot ist inzwischen zurückgefallen auf Rang elf, weil sein Team bei Seitenwind auf der zehnten Etappe nicht aufpasste, als das Feld zerriss. Anders als Bora-hansgrohe, das Buchmann vorne platzierte. Innerhalb des Pelotons hat man den jungen Deutschen aber ohenhin auf dem Schirm. "Emanuel Buchmann hat sich gewaltig entwickelt. Er ist sicher zu beachten“, sagt etwa Vorjahressieger Geraint Thomas. Und auch Buchmann selbst spürt den gestiegenen Stellenwert innerhalb des Feldes. "Es ist jetzt normal, dass ich da vorne mit rumfahre. Man wird nicht mehr komisch angeguckt, was man hier macht", sagt er.

Am Donnerstag (18.07.19) erreicht die Tour de France nun die Pyrenäen. Am Samstag steht dort die Gipfelankunft auf dem legendären Tourmalet an. Dazwischen gibt es noch ein 27,2 Kilometer langes Zeitfahren in Pau. Buchmann findet, die Tour gehe jetzt erst richtig los. Und für diesen zweiten Start der Rundfahrt hat er eine glänzende Ausgangsposition, denn viele der Mitfavoriten liegen in der Gesamtwertung hinter ihm. "Verrückte Dinge muss ich nicht machen, ich muss nicht selber angreifen“, sagt Buchmann.

Realistisch bleiben

Eine defensive Fahrweise kommt ihm entgegen. Denn dass Buchmann keine offensiven Ansagen macht, hängt auch damit zusammen, dass er und seine Mannschaft Bora-hansgrohe durchaus realistisch darauf blicken, zu was der Kapitän in der Lage ist. "Träumen tun wir nicht, wir sind Realisten", sagt Teammanager Ralph Denk. "Wir wissen, was er kann und was nicht. Man darf den fünften Platz nicht überbewerten. Das Ziel bleiben die Top Ten."

Buchmann hat im vergangenen Jahr bei der Spanien-Rundfahrt schon einmal versucht bei einer Drei-Wochen-Rundfahrt unter die Top Ten zu fahren. Auch bei der Vuelta fuhr er in der ersten Woche stark, ließ in der dritten Woche dann aber nach und beendete das Rennen auf Rang zwölf. Damals habe er seinen Kohlenhydrat-Haushalt nicht mehr im Griff gehabt und dadurch Wasser eingelagert, wodurch er während der dritten Woche Gewicht zugenommen habe, hat Buchmann vor dem Start der Tour in Brüssel erzählt.

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Mit dem Gewicht am unteren Limit

Das Gewicht spielt eine große Rolle für die Klassementfahrer, die so wenig Kilo wie möglich über die Berge schleppen möchten. Buchmann wiegt nach eigenen Angaben 60 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,81 Meter. Das entspricht einem Body Mass Index von 18,3. Ein Wert, der deutliches Untergewicht anzeigt. Bei einem BMI von 17,5 beginnt laut Definition die Magersucht. "Das ist schon am unteren Limit", gibt Buchmann zu. "Es ist ein Teil des Jobs, aber es ist nicht so, dass man das ganze Jahr verzichten muss, man kann sich da auch mal was gönnen."

Buchmann hat hautnah erlebt, wohin es führen kann, wenn man zu sehr auf das Gewicht fixiert ist. Bei seiner ersten Tour de France 2015 war Dominik Nerz der Kapitän des Teams, das damals noch Bora-Argon18 hieß. Auch er sollte damals unter die Top Ten fahren. Nerz litt damals an Magersucht und kam nicht klar mit dem Druck, in der Gesamwertung vorne landen zu sollen. "Da habe ich schon einiges mitbekommen, wie man es nicht macht, das man da ein bisschen aufpassen muss", sagt Buchmann.

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Nicht in fremden Fußstapfen

Dass ihm der Druck zu groß werden könnte, glaubt er auch nicht. Auf die Schlagzeilen und die Erwartungen gibt er nichts. "Ich weiß gar gut, was ich kann und was ich nicht kann. Wenn dann jemand schreibt, ich soll die Tour gewinnen und ich weiß, das ist unrealistisch, dann ignoriere ich das einfach. Dann denke ich nicht: Oh, jetzt muss ich 120 Prozent geben", sagt er.

Buchmanns Antworten sind meist wortkarg, aber das ist in diesem Fall ein Vorteil. Denn so verhindert er einen überzogenen Hype um seine Person. Und so lässt er sich auch nicht locken, wenn der Vergleich mit Jan Ullrich herangezogen wird, dem bis heute einzigen deutschen Toursieger, der inzwischen ein tragisches Leben führt und dem ebenfalls der Doping-Makel anhaftet. "Ich will in keine Fußstapfen treten. Ich fahre mein eigenes Rennen.“ Damit ist er in jeder Hinsicht gut beraten.

Stand: 18.07.2019, 07:15

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