Toursieger Egan Bernal: Die Zukunft beginnt jetzt

Egan Bernal - mit 22 auf dem Gipfel Sportschau 28.07.2019 01:47 Min. Verfügbar bis 28.07.2020 Das Erste

Kolumbianer in Gelb nach Paris

Toursieger Egan Bernal: Die Zukunft beginnt jetzt

Von Michael Ostermann (Paris)

Egan Bernal fährt im Gelben Trikot nach Paris. Er ist der erste Kolumbianer, der die Tour de France gewinnt und der jüngste Sieger seit 1909. Der Radsport steht vor dem Beginn einer neuen Ära.

Die Zukunft des Radsports kam erst noch ein bisschen ungläubig daher. Egan Bernal blickte nach rechts, nach links, und es lag immer noch ein Staunen in seinen Augen, als er dort in dieser Sporthalle in Val Thorens saß, wo er als designierter Sieger der Tour de France Einblicke geben sollte in sein Seelenleben. Aber wie sollte das gehen, wo er doch selbst noch so durcheinander war angesichts dessen, was da gerade für ihn begann.

Ein historischer Sieg

"Campione", nannten ihn die Journalisten aus seiner kolumbianischen Heimat, bevor sie, versteckt in einer Dankesrede, ihre Fragen an den Mann im Gelben Trikot richteten. "Ich kann das alles noch nicht glauben", wiederholte Bernal mehrmals. "Es ist alles so schnell passiert, ich hatte noch keine Zeit, das zu analysieren." Es wird wohl auch noch eine Weile dauern, bis ihm die ganze Dimension dieses Sieges klar sein wird.

Bernal, 22, aus Zipaquira in Kolumbien, ist ein Erfolg gelungen, dem man, ohne sich des Pathos verdächtig zu machen, das Etikett historisch anheften kann. Er ist der jüngste Toursieger seit 1909 und der erste aus Kolumbien, diesem nach Radsport verrückten Land, das schon so viele talentierte Kletterer hervorgebracht, aber auch ein massives Dopingproblem hat. Erst im Mai zog sich das kolumbianische Pro-Continental Team Manzana Postobon zurück, nachdem zwei seiner Fahrer binnen kurzer Zeit positiv getestet worden waren. Doch für diese Seite des kolumbianischen Radsports interessiert sich im Moment wohl kaum noch jemand.

Tourprämie für den Entdecker

"Wir haben es verdient, die Tour de France zu gewinnen. Kolumbien hat lange darauf gewartet, jetzt ist es endlich soweit", sagte Bernal. "Ich bin sehr stolz und kann es kaum erwarten, das Gelbe Trikot nach Kolumbien zu bringen." Seit den achtziger Jahren haben sich kolumbianische Radprofis daran versucht, das wichtigste Radrennen der Welt zu gewinnen. Zuletzt hatte man geglaubt, Nairo Quintana werde die Sehnsucht seiner Landsleute nach einem Sieg bei der Tour de France erfüllen. Quintana gewann den Giro d’Italia, die Vuelta á España, aber bei der Tour blieb ihm ein Erfolg verwehrt.

Der historische Triumph gelang nun stattdessen dem Wunderkind Bernal, das seine Karriere einst auf dem Mountainbike begann, inklusive Medaillen bei der Junioren-WM. 2016 holte ihn der italienische Teammanager Gianni Savio nach Europa. Zwei Jahre lang fuhr Bernal auf der Straße für dessen Pro-Continental-Team, für das er 2017 die Tour de l’Avenir gewann, die wichtigste Nachwuchs-Rundfahrt. Danach kaufte ihn das Team Sky aus seinem laufenden Vertrag heraus. Savio, das bestätigte er im vergangenen Jahr dem britischen "Cycling Podcast", ließ sich damals eine Zusatzzahlung zusichern für den Fall, das Bernal die Tour de France gewinnen würde.

Schlüsselbeinbruch vor dem Giro

Diese Prämie wird nun fällig. Früher als erwartet. Denn Bernal hätte in diesem Jahr eigentlich den Giro fahren sollen, um sich erstmals bei einer Drei-Wochen-Rundfahrt als Kapitän zu versuchen, nachdem er bei seinem Tourdebüt 2018 als Edelhelfer in den Bergen für den diesmal verletzt fehlenden Christopher Froome und Geraint Thomas auf einen beachtlichen 15. Rang in der Gesamtwertung gefahren war. Doch kurz vor dem Start des Giro brach er sich bei einem Trainingssturz das Schlüsselbein. "Zwei Stunden später, als ich immer noch unter starken Schmerzen litt, habe ich meinen Trainer gefragt, wie viel Zeit uns bis zur Tour de France bleibt", erzählte Bernal. "Ich habe da schon direkt an die Tour gedacht."

Dort startete er mit der frischen Empfehlung eines Sieges bei der Tour de Suisse als einer der Topfavoriten und als Co-Kapitän des Teams Ineos an der Seite des Vorjahressiegers Thomas in ein Rennen, das bis zum Schluss wilde Kapriolen schlug. Schließlich mischte sich sogar Mutter Natur ein, als sie einen Hagelsturm durch die Alpen jagte und Schlammlawinen über die Straße goss, so dass die 19. Etappe abgebrochen werden musste.

Als Sieger aus dem Chaos hervorgegangen

Da war Bernal gerade losgestürmt am Anstieg zum Col de l’Iseran hinauf auf 2.770 Meter, wo den anderen die Luft knapp wurde, er sich jedoch wohl fühlte, weil er daheim in Kolumbien auf 2.600 Metern Höhe zuhause ist. "Er ist geboren, um schnell die Berge hochzufahren", sagte Thomas, der auch nicht mitgekommen war. Als Bernal den Gipfel überquerte, hatte er 2:10 Minuten Vorsprung auf Julian Alaphilippe im Gelben Trikot. Und als das Rennen gestoppt wurde, war es dieser Punkt, der für die Gesamtwertung zählte. Bernal übernahm erstmals in seinem Leben das begehrteste Stück Stoff des Radsports, was ihn hemmungslos weinen ließ vor Glück.

Egan Bernal - der Tour-Sieger aus den Bergen Kolumbiens

Sportschau 28.07.2019 02:17 Min. Verfügbar bis 28.07.2020 ARD

Am Tag darauf musste sein Team das Geschehen auf der wegen des Wetters auf 59,5 Kilometer verkürzten 20. Etappe nur noch kontrollieren, damit Bernal in Gelb nach Paris fahren konnte. Und wenn es eine Mannschaft gibt, die diese Art von Kontrolle in den vergangenen Jahren zur Perfektion gebracht hat, dann ist es die aus dem Team Sky hervorgegangene Equipe Ineos. Sieben der acht letzten Toursieger hat das britische Team gestellt. Bradley Wiggins 2012, vier Mal Christopher Froome, im vergangenen Jahr Geraint Thomas und nun Bernal. Nur der Italiener Vincenzo Nibali, Etappensieger in Val Thorens, konnte die Serie 2014 einmal unterbrechen.

Beginn einer neuen Ära

"Am Ende hat die Strategie über das Chaos gesiegt", hielt Teammanager Dave Brailsford all jenen vor, die schon einen Abgesang auf seine Mannschaft angestimmt hatten, weil das Team diesmal nicht jene Dominanz auf die Straße brachte wie in der Vergangenheit. Das Ergebnis war dennoch erdrückend. Bernal als Sieger, Thomas auf Rang zwei. Und die Zukunft gehört Ineos ebenfalls.

Denn an Bernal in Gelb wird man sich vermutlich gewöhnen müssen. Er ist ja noch so jung. Die Tourgeschichte ist reich an Fahrern, die eine Ära prägten. Von Anquetil über Merckx, Hinault und Indurain bis hin zur dunklen Epoche Armstrong. Mit Bernal, da sind sich viele Beobachter einig, beginnt nun die nächste Ära. "Er ist 22, wer weiß, wie oft er die Tour gewinnen kann", sagte Thomas, der selbst erfahren hat, wie schwer es ist, einen Sieg bei der Tour de France zu wiederholen.

Bernal spürt den Hunger

Thomas klopfte Bernal im Ziel der 20. Etappe in Val Thorens anerkennend auf die Schulter, als sie gemeinsam über die Ziellinie fuhren. "Genieße es, saug alles auf und habe keine Angst zu weinen… alle echten Männer weinen", habe er Bernal geraten, berichtete Thomas. Doch weinen musste der Kolumbianer dort nicht mehr. Stattdessen spürte er schon einen Hunger nach mehr. "Als Radprofi willst du immer mehr, man ist nie zufrieden", sagte Bernal, "Man will ein zweites, ein drittes Mal gewinnen. Es ist ein bisschen wie eine Droge, man wird süchtig danach." Der Unglaube war da schon fast aus seinem Blick gewichen. Die Zukunft erschien plötzlich in klaren Konturen.

Stand: 28.07.2019, 15:02

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