Radsport und E-Sport: Virtuelle Tour-de-France-Etappen?

Radprofis auf der Rolle vor dem Bildschirm

Neues Publikum gesucht

Radsport und E-Sport: Virtuelle Tour-de-France-Etappen?

Von Michael Ostermann (Brüssel)

Der Radsport will sich den Boom des E-Sports zunutze machen und ein junges Publikum anlocken. Dafür müssen die Profis vielleicht bald virtuelle Etappen bestreiten, doch die Fahrer sind skeptisch.

Ist das die Zukunft des Radsports? 176 Fahrer nebeneinander auf der Rolle, vor ihnen ein Bildschirm mit einem virtuellen Kurs, auf dem Sie gegeneinander fahren. Dieses Szenario könnte schon bald real werden. Der Radsport diskutiert, wie er auf die E-Sport-Welle aufspringen und damit ein junges Publikum und neue Sponsoren anlocken kann.

Virtueller Prolog beim Giro d'Italia in Planung

"E-Sport hat ein großes Potenzial für unseren Sport", sagt der Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, David Lappartient, im Interview mit der ARD. Beim Giro d'Italia werden derzeit schon Pläne für einen virtuellen Prolog geschmiedet, dessen Sieger dann das erste Rosa Trikot überreicht bekommt. Die Zeit allerdings soll dann nicht für die Gesamtwertung zählen, das soll dann weiter nur auf der Straße passieren. Die Fans können via Internet und der entsprechenden Soft- und Hardware live gegen die Profis antreten.

"Wir arbeiten daran", bestätigte Giro-Direktor Maurizio Vengi bereits im Mai gegenüber dem Magazin "Velo News" entsprechende Pläne. Vor dem Start der Italien-Rundfahrt in diesem Jahr gab es in Bologna bereits einen Show-Event dieser Art mit vier Profis. "Man sollte das ernst nehmen", meint auch UCI-Präsident Lappartient. "Das kann eine tolle Ergänzung sein."

Radprofis sind skeptisch

Bei den meisten Fahrern jedoch herrscht Skepsis, wenn es darum geht, dass sie künftig virtuell Rennen fahren sollen. "Klar, man will alles modernisieren, mit der Zeit gehen, aber ob das wirklich Sinn macht, uns alle auf die Rolle zu setzen?", fragt sich nicht nur Roger Kluge vom Team Lotto-Soudal.

Auch Tourdebütant Lennard Kämna vom Team Sunweb ist kein Freund der Idee, sich künftig vor einem Bildschirm mit der Konkurrenz zu messen. "Ich persönlich habe ganz wenig Spaß daran, auf der Rolle zu fahren und ich kann mir auch nicht vorstellen Radrennen auf der Rolle zu fahren. Die Hektik fehlt, die Rennstrategie", sagt er. "Da geht ein bisschen die Romantik des Radsports verloren."

Mühe mit der Moderne

Kämna ist 22 Jahre alt, gehört also zur Generation der "Digital Natives", die mit dem Internet groß geworden ist. Doch auch er ist Traditionalist, wenn es um seinen Sport geht. Der Radsport ist ohnehin sehr in seinen Traditionen verhaftet und hat sich immer schon schwer getan, sich modernen Entwicklungen zu öffnen.

Dennoch gibt es auch Befürworter für neue Wege. Eusebio Unzué, 64, der Teamchef der spanischen Equipe Movistar ist einer davon. "Der Radsport wird immer ein Sport der Wahrheit bleiben, aber ich bin ein Verteidiger der Idee, dass wir den Sport modernisieren müssen", hat er gegenüber "Velo News" erklärt. Und der Ex-Profi Matt White, sportlicher Leiter beim Team Mitchelton-Scott ergänzte: "Alles, was unseren Sport größer macht und einem neuen Publikum öffnet, ist positiv."

Zuschauer werden Teil des Rennens

Tanja Erath

Tanja Erath

Wie groß das Potenzial ist, eine neue Generation mit eher kurzer Aufmerksamkeitsspanne über virtuelle Plattformen zum Straßenradsport mit seinen vier, fünf Stunden langen Etappen zu locken, ist unklar. Zwift, der größte Anbieter für virtuelle Radsportsysteme, hat weltweit derzeit 1,27 Millionen registrierte Nutzerkonten. An diese Leute denkt UCI-Chef Lappartient, wenn er sagt. "Man kann am TV Radsport gucken und gleichzeitig Teil des Rennens selbst sein, bei den Olympischen Spielen 2024 oder der Tour de France."

Und vielleicht sogar irgendwann nicht nur virtuell, sondern ganz real. Denn Teil der PR-Stragtegie von Zwift ist eine Academy, bei der sich Männer und Frauen über ein achtwöchiges Trainingsprogramm für einen Profivertrag empfehlen können. Bei den Frauen gelang es der Deutschen Tanja Erath 2018, einen Zweijahresvertrag beim Team Canyon-SRAM zu ergattern. Bei den deutschen Straßenradmeisterschaften auf dem Sachsenring wurde sie Ende Juni Fünfte im Einzelzeitfahren.

Bei den Männern ist das Team Dimension Data der Partner. Der Slowene Martin Laviric bekam einen Vertrag in der U23-Mannschaft der südafrikanischen Equipe. Ob Laviric einmal bei der Tour de France am Start stehen und dort dann eine virtuelle Etappe fahren wird, ist noch nicht abzusehen. Aber dass der Radsport sich in die virtuelle Welt bewegt, scheint keine Utopie zu bleiben.

Stand: 07.07.2019, 09:00

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