Kommentar zur Tour de France: Die Blase hält

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Tour de France im Zeichen der Pandemie

Kommentar zur Tour de France: Die Blase hält

Von Michael Ostermann (Paris)

Die Tour de France hat es tatsächlich geschafft: Nach drei Wochen sportlichen Spektakels ist sie in Paris zu Ende gegangen. Die Blase für die Radprofis und ihre Betreuer hat gehalten. Die Frage ist, zu welchem Preis. Ein Kommentar.

Eine merkwürdige Stille lag am Sonntag (20.09.2020) über den Champs-Èlysées. Man hörte die Räder und die Begleitfahrzeuge über das Pflaster rollen und vereinzelte Jubelrufe. Dort wo sonst im Juli hundertausende Fans und Touristen die Heimkehr der Tour de France feiern, herrschte nun im September fast gähnende Leere. Die Aufgeregtheit entlang des Boulevards, die freudige Begeisterung des Ankommens in Paris, das den Tour-Tross begleitet - das alles war diesmal nicht zu spüren.

Dass die Tour 2020 unter besonderen Bedingungen stattgefunden hatte, war - anders als beim Finale in Paris - in den Tagen zuvor nicht selten in Vergessenheit geraten. Manchmal sah es entlang der Strecke so aus, wie sonst im Juli: viele Menschen, große Begeisterung. Nur die Masken erinnerten daran, dass sich Frankreich und die Welt noch immer mitten in der Corona-Pandemie befinden. Wie so oft schaffte es der Sport, Normalität vorzugaukeln, wo es diese nicht gibt.

Nicht die Fahrer, die Fans waren in Gefahr

Dass die Tour de France es tatsächlich bis Paris schaffen würde, davon war vor drei Wochen nicht unbedingt auszugehen. Viele Unwägbarkeiten begleiteten den Grand Départ in Nizza. Die französischen Behörden hatten die Cote d'Azur kurz vorher wegen steigender Infektionszahlen zur roten Zone erklärt. Das bedeutete weniger Zuschauer im Zielbereich der ersten beiden Etappen - weniger Volksfest.

Rundfahrt trotz Corona: Die mutige Tour de France Sportschau 20.09.2020 01:52 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

Über allem schwebte zudem die Gefahr, dass der sportliche Wettbewerb verzerrt werden könnte. Vor dem Start und rund um die Ruhetage gab es Corona-Tests für Fahrer und Funktionsträger der Mannschaften, die abgeschottet in ihrer Blase nur wenig Kontakt nach außen haben durften. Zwei positive Tests innerhalb eines Teams hätten zum Ausschluss der kompletten Equipe geführt.

Dazu kam es nicht. Vier Betreuer von vier verschiedenen Teams wurden nach dem ersten Ruhetag nach Hause geschickt. Und der Tourdirektor Christian Prudhomme musste das Rennen nach einem positiven Test ebenfalls für sieben Tage in die Isolation verlassen. Unterm Strich hat das Hygienekonzept, dass die Veranstalter sich für die Tour ausgedacht haben, funktioniert. Alle Teams erreichten Paris.

Ob es verantwortlich war, das Rennen trotzdem durch ein Land zu jagen, in dem die Infektionszahlen in den vergangenen drei Wochen explodiert sind, bleibt fraglich. Die Radsportfans in den Dörfern und Städten trugen zwar überwiegend Masken, aber Distanz zu halten, vergaßen sie in ihrer Euphorie gerade in den Pyrenäen und vor allem beim Bergzeitfahren nach La Planche des Belles Filles am Samstag meist vollends. Nicht die Fahrer in ihrer Blase, sondern das Publikum war vor allem gefährdet.

Es ging um den Radsport, nicht um Hoffnung

Die Tour sei in ihrer Geschichte nur von zwei Weltkriegen gestoppt worden, hatte Tourchef Prudhomme schon zu Beginn der Pandemie erklärt, als sich Europa im Frühjahr zu großen Teilen in den Lockdown begab. Er hat Recht behalten. Vielleicht hat die verspätete Tour den Menschen vor allem in Frankreich tatsächlich ein wenig Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität gemacht. Auch das ist sicher wichtig in Zeiten wie diesen. Darum war die Durchführung der Rundfahrt auch politisch gewollt.

Vor allem aber hat die Tour de France den Radsport gerettet. Ohne sie hätten viele Teams ihren Sponsoren nicht den nötigen Werbewert als Gegenleistung für deren Engagement generieren können. Das war es, um was es wirklich ging: nicht die Hoffnung für die Menschen, sondern die ökonomische Basis eines Sports - und auch die des Veranstalters. So betrachtet war die Tour de France 2020 ein Erfolg. Zu welchem Preis wird man vermutlich nicht erfahren.

Stand: 20.09.2020, 19:35

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