Tourdirektor Prudhomme und die ungewöhnliche Tour 2020

Christian Prudhomme

Tour de France vor dem Start in Nizza

Tourdirektor Prudhomme und die ungewöhnliche Tour 2020

Von Michael Ostermann (Nizza)

Die Tour de France 2020 findet unter besonderen Umständen der Corona-Pandemie statt - als eins der wenigen Sport-Großereignisse in diesem Jahr. Tourdirektor Christian Prudhomme spricht über Isolation in der Blase, die Chancen auf einen französischen Toursieg, die Strecke 2020 und Emanuel Buchmann.

Als die Corona-Pandemie noch ganz am Anfang stand und Frankreich wie andere europäische Länder auch einen Lockdown verhängte, machte Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France, frühzeitig klar, dass es schon sehr viel mehr bräuchte, als ein neuartiges, lebensbedrohliches Virus, um das wichtigste Radrennen der Welt zu stoppen. Nur zwei Weltkriege hätten die Tour bislang aufhalten können, betonte Prudhomme im März mit dem ihm eigenen Pathos.

Abgeschotteter Wanderzirkus Tour de France

Recht behalten hat er aber auch. Als einziges Sport-Großereignis - neben den French Open in Paris - in diesem Jahr wird die Tour de France am Samstag (29.08.2020) zwei Monate später als geplant in Nizza starten - Covid 19 zum Trotz. In einer Region, die das Auswärtige Amt zu Beginn der Woche als Risikogebiet eingestuft hat. Die Tour soll dennoch - und auch das gehört zu ihrem Selbstverständnis - ein Zeichen der Hoffnung und der Normalität sein, in diesen unnormalen Zeiten. Das Peloton und der dazugehörige Tross werden dafür zu einer Blase, die weitgehend isoliert werden soll. Strikter noch, als das bei den anderen Radrennen, die seit Ende Juli stattgefunden haben, der Fall war, bei denen die Isolation bisweilen etwas laxer gehandhabt wurde.

Die Tour de France, im Normalfall ein Wanderzirkus, bei dem das Publikum hautnah dabei sein kann, schottet sich diesmal ab. "Es wird wirklich alles getan, um die Blase von dreißig Leuten für jede der 22 Mannschaften zu schützen", sagt Prudhomme. "Ich will nicht sagen, dass wir uns isolieren, sondern dass wir so weit wie möglich entfernt sein werden und den Kontakt für alle vermeiden. Keine Selfies, keine Autogramme, wirklich standardisierte Interviews."

Weniger Touristen, mehr Bildschirme am Streckenrand

Dennoch soll das Publikum nicht ausgeschlossen sein. Die Verlegung in den September nach dem Ende der Ferien wird - so die Hoffnung - den Zuschauerstrom ohnehin verringern. "An der Toustrecke stehen normalerweise bis zu 20 Prozent Ausländer, an manchen Pässen sogar bis zu 50 Prozent", sagt Prudhomme. Doch diesmal werden Fans aus Übersee und anderen europäischen Ländern wegen der Quarantänebestimmungen bei Ein- und Ausreisen kaum zu finden sein.

Für diejenigen, die dennoch kommen, wird es diesmal nicht nur an Start und Ziel große Bildschirme geben, an denen bis zu den in Frankreich bei Veranstaltungen erlaubten 5.000 Menschen das Geschehen verfolgen können. "Es soll solche Bildschirme auch an etwa 20 Anstiegen geben", erklärt Prudhomme. An manchen Stellen würden zudem nur Zuschauer zugelassen, die zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen.

Beständig mittelschwer bis schwer

Das alles soll garantieren, dass das Rennen über die kompletten drei Wochen stattfinden und in Paris, einem weiteren Corona-Hotspot, enden kann. Dort soll dann wie immer der Sieger im Gelben Trikot auf den Champs-Élysées geehrt werden. Und am liebsten wäre es Prudhomme natürlich, dass die Blase dem Fernsehpublikum und all jenen, die mit Maske am Straßenrand stehen, auch in Zeiten der Pandemie ein ordentliches Spektakel bietet. Der Sport, nicht das Virus soll das Hauptthema sein.

Christian Prudhomme: "Die Person wird isoliert, die Kontaktfälle ebenfalls" Sportschau 27.08.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Die Voraussetzungen für ein spannendes Rennen sind auf den ersten Blick tatsächlich hervorragend. Die Strecke konzentriert sich in diesem Jahr ganz auf den Süden Frankreichs, der flache Norden und der Nordwesten des Landes werden großräumig umfahren. Was dazu führt, dass die Sprinter diesmal kaum auf ihre Kosten kommen, dafür aber beständig mittelschwere bis schwere Anstiege zu bewältigen sein werden. Und das vom Start weg. Die Strecke vom einen auf den anderen Tag zu variieren und eine schwierige Tour de France zu gestalten sei nicht möglich, "wenn wir in der großen Ebene im Westen Frankreichs sind", erklärt Prudhomme.

Angeschlagene Favoriten nach Stürzen bei der Dauphiné

Es soll ein Kletterer gewinnen, auch das ist klar angesichts des Kurses, der nur ein Zeitfahren beinhaltet und das auch noch mit einer Bergankunft auf La Planche des Belles Filles. Und die Auswahl an guten Bergfahrern, die zu den Favoriten zählen, ist groß. Angefangen von Vorjahressieger Egan Bernal über den Slowenen Primoz Roglic bis hin zu Emanuel Buchmann, der es in Paris nach seinem vierten Platz im Vorjahr diesmal aufs Podium schaffen will. "Ein herausragender Fahrer, sehr diskret", urteilt Prudhomme über den zurückhaltenden Deutschen. "Ich erinnere mich vor allem an die Etappe auf den Tourmalet im vergangenen Jahr, als er nah dran war."

Doch einige der Favoriten kommen angeschlagen nach Nizza. Roglic etwa steht zwar im Aufgebot der niederländischen Equipe Jumbo-Visma, doch die Folgen seines Sturzes bei der Dauphiné-Rundfahrt, bei der er sich am Steißbein verletzte, beeinträchtigt ihn kurz vor dem Start der Tour offenbar weiter erheblich. Nicht anders ergeht es Buchmann, der bei der Dauphiné-Rundfahrt ebenfalls stürzte. Roglic muss zudem auf einen seiner wichtigsten Helfer, den Tourdritten von 2019, Steven Kruijswijk verzichten, der sich beim selben Rennen einen Schulterbruch zuzog.

Prudhomme: Fehler der ASO, Fehler der Fahrer

Das angeschlagene Favoritenfeld könnte die Spannung schmälern, zumal schon am zweiten Tag der Tour die erste Bergetappe rund um Nizza ansteht. Einrollen ist also nicht möglich. Und die ASO hat sich das möglicherweise selbst zuzuschreiben. Denn dass so viele Fahrer bei der Dauphiné-Rundfahrt, einem von Tour-de-France-Veranstalter ASO organisierten Rennen, zu Fall kamen, lag auch an der schlechten Straße auf der Abfahrt vom Col de Plan Bois auf der vierten Etappe.

Prudhomme räumt ein, dass die Strecke dort nicht in einem idealen Zustand gewesen sei, will aber die Schuld für die Stürze nicht alleine bei der ASO sehen. Die Route habe wegen eines Erdrutsches geändert werden müssen und diese Abfahrt mit einer "nicht perfekten Straße" sei die Alternative gewesen. "Ich gebe zu, dass das nicht ideal war", sagt Prudhomme. "Tatsächlich gab es aber an der gefährlichen Stelle keinen Sturz, sondern erst danach." Roglic etwa sei an einer ganz anderen Stelle gestürzt und habe "eindeutig einen Fehler" gemacht. "Es gibt natürlich den Kurs, und wir sind nicht immer perfekt, denn niemand ist perfekt", sagt Prudhomme. "Aber dann gibt es noch das, was die Fahrer tun, ob sie eine schnelle Abfahrt wollen oder nicht."

Ein Franzose in Gelb?

All diese Geschichten und Fragen werden in den Hintergrund treten, wenn das Rennen einmal läuft. Das weiß auch Prudhomme. Und schon in der ersten Woche wird man erkennen können, wer weiterhin zum erweiterten Favoritenkreis zu zählen ist und wer doch nicht in der Verfassung ist, beim Kampf um das Gelbe Trikot mitzumischen.

In Frankreich ist die Hoffnung groß, dass auch Thibaut Pinot dabei sein wird beim Kampf um den Toursieg und diesmal nicht wieder einen Schicksalsschlag erleiden muss. "Er weiß, dass er jeden schlagen kann, zu jeder Zeit", sagt Prudhomme, "aber auch einen Misserfolg, eine Verletzung zu irgendeinem Zeitpunkt haben kann. Aber natürlich stehen Frankreich, die Franzosen stehen hinter ihm, wie sie hinter Julian Alaphilippe, Romain Bardet und Warren Barguil oder dem jungen Guillaume Martin stehen werden."

Ein Franzose in Gelb in Paris das erste Mal nach 35 Jahren? Es wäre eine besondere Pointe für eine Tour, die in vielerlei eine besondere sein wird. Aber angesichts der langen Geschichte des Rennens dürfte es noch nicht einmal die ungewöhnlichste Tour werden.

Stand: 27.08.2020, 10:22

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