Tour - Ein Budgetdeckel für mehr Attraktivität

Die Fahrer des Teams Ineos auf der 6. Etappe der Tour de France

Radsport diskutiert Salary Cap

Tour - Ein Budgetdeckel für mehr Attraktivität

Von Michael Ostermann (Chalon-sur-Saône)

Sechs der vergangenen sieben Ausgaben der Tour de France wurden von Fahrern aus einem Team gewonnen. Die Dominanz des in Ineos umbenannten Teams Sky war erdrückend. Deshalb diskutiert der Radsport eine Budgetbeschränkung.

Die Machtdemonstration ist ausgeblieben. Das Team Ineos hat nicht gleich die erste Bergankunft der Tour de France in La Planche des Belles Filles genutzt, um das Rennen an sich zu reißen. Es bleibt also Hoffnung auf einen anderen Ausgang als in den Jahren zuvor. Sechs der vergangenen sieben Toursieger stellte die britische Equipe, die bis Mai diesen Jahres noch unter dem Namen Team Sky unterwegs war.

Und auch diesmal stellt sie - selbst ohne den verletzten viermaligen Sieger Christopher Froome - mit dem Titelverteidiger Geraint Thomas und Egan Bernal gleich zwei der Topfavoriten auf das Gelbe Trikot.

Große Schere bei den Budgets

Dominanz eines oder weniger Teams kann einen Sport erdrücken. Eine Fußballliga, in der immer das selbe Team Meister wird, gilt schnell als langweilig. In der Formel 1 zieht Mercedes einsam seine Kreise und befreit den Kampf um den WM-Titel von jeglicher Spannung. Bei Radrennen ist das nicht viel anders.

Das Team Sky erdrückte die Tour de France zuletzt mit seiner Dominanz, weil die Breite des Kaders dazu führte, dass der Kapitän in den Bergen immer noch zwei, drei Fahrer zur Seite hatte, wenn die anderen Leader bereits isoliert waren. Attacken auf der Straße blieben da aussichtlos.

Dass Ineos sich einen Topkader leisten kann, in dem die Helfer ihren Kapitänen fast ebenbürtig sind, liegt an einer großen Schere bei den Budgets der Mannschaften. Der durchschnittliche Etat eines World-Tour-Teams liegt laut UCI bei rund 18 Millionen Euro. Ineos verfügt alleine über rund 40 Millionen Euro.

Teammanager Denk befürwortet Budgetgrenze

Seit ein paar Jahren diskutiert der Radsport deshalb nun schon eine Beschränkung der Budgets der Teams, eine Salary Cap, wie in den amerikanischen Profiligen. Damit sollen die Gehaltsausgaben, die ein Team für seine Fahrer ausgeben darf, gedeckelt werden. In der Hoffnung, dass die Topstars sich dann auf mehrere Mannschaften verteilen und der Kampf um den Toursieg offener wird.

Zu den Befürwortern einer solchen Beschränkung gehört Ralph Denk, der Teamchef der deutschen World-Tour-Mannschaft Bora-hansgrohe. "Ich bin eigentlich gegen Beschränkungen in der Wirtschaft", sagt Denk: "Aber hier geht es auch um Sport. Und Sport ist immer interessanter, wenn sich möglichst gleichwertige Gegner miteinander messen. Der Fan will keine Machtdemonstration sehen von einem Team, das in der Lage ist, sich die besten Fahrer zu kaufen." Denk meint, dass der derzeitige Durschnittsetat von rund 18 Millionen Euro eine gute Grenze wäre.

Ineos-Chef will den Kuchen größer machen

Wenig überraschend hält Sir David Brailsford, der Chef des Teams Ineos, wenig davon, die Etats der Mannschaften zu deckeln. "Statt einzelne Stücke des Kuchens kleiner zu machen, sollten wir versuchen, den Kuchen größer zu machen, von dem dann alle mehr abbekommen", sagt Brailsford. Man solle lieber dafür sorgen, dass der Radsport insgesamt besser dasteht im Vergleich zu anderen Sportarten.

Das rührt an den ökonomischen Grundlagen des Radsports und der Frage, wie man die Einnahmen verteilt. Diese Diskussion gibt es ebenfalls schon seit Jahren. Doch die Interessen der verschiedenen Parteien im Radsport gehen weit auseinander.

Abhängig von Sponsoren

Wie in kaum einer anderen Sportart sind Radsportteams von der Unterstützung durch Sponsoren abhängig. Rund 90 Prozent des Etats einer Mannschaft kommen von Werbepartnern. TV-Gelder spielen dagegen kaum eine Rolle - zumindest nicht für die Teams. Die Folge: Sobald sich ein Sponsor zurückzieht, ist die Existenz der Mannschaft in Gefahr und damit die Arbeitsplätze der Radprofis und der übrigen Angestellten. In den vergangenen Jahren haben immer wieder Teams ums Überleben gekämpft, nachdem Sponsoren ihr Engagement beendet haben.

Für Iwan Spekenbrink, den Teamchef des Teams Sunweb und Vorsitzenden der Teamvereinigung AIGCP, ist die Diskussion um eine Deckelung der Budgets, deshalb der falsche Ansatz. "Das wichtigste Thema ist, dass wir das ökonomische Modell ändern müssen", sagt Spekenbrink: "Die Teams dürfen nicht mehr nur Teilnehmer sein, sondern müssen Teilhaber werden."

Eine Frage der Verteilung?

Das geht an die Adresse der Rennveranstalter wie die Aumaury Sport Organisation (ASO), den Veranstalter der Tour de France. Dort äußert man sich nicht im Detail, erkennt aber immerhin an, dass sich die finanzielle Stabilität der Teams verbessern muss. Allerdings hat die ASO, die bei der Tour insgesamt rund 2,5 Millionen Euro Preisgeld verteilt, in der Vergangenheit nicht zu erkennen gegeben, dass sie gewillt wäre, einen Teil ihrer Einnahmen abzugeben.

Mit der Tour de France machte die ASO im Jahr 2017 45 Millionen Euro Gewinn. Das ist nicht viel und selbst wenn die ASO bereit wäre 50 Prozent des Profits an die Teams auszuschütten, bliebe für jede der 22 Mannschaften nur etwas mehr als eine Million Euro. Das würde die Situation der Teams nicht wesentlich verbessern.

"TV-Geld macht es nicht fett"

Die Tour ist das umsatzstärkste Radrennen der Welt. Bei den anderen Rennen dürfte die Gewinnspanne eher geringer sein. Und TV-Einnahmen spielen im Radsport auch kaum eine Rolle. "Das einzige Rennen, das nennenswerte TV-Einnahmen generiert, ist die Tour de France, vielleicht noch der Giro d'Italia. Alle anderen Rennen müssen sogar Geld in die Hand nehmen, um Livebilder zu produzieren", sagt Teammanager Denk: "Das TV-Geld macht es nicht fett."

Denk gibt zu, dass auch er keine Idee hat, wie man die Abhängigkeit von Sponsorengeldern reduzieren und die Einnahmen der Teams auf eine breitere Basis stellen könnte. Vielleicht müsse man darüber nachdenken, künftig von den Zuschauern am Streckenrand Eintritt zu verlangen, sagt er. Wie das funktionieren soll, bleibt allerdings ein Rätsel.

Weniger Top-Stars, mehr Spannung bei der Tour?

Sportschau 06.07.2019 02:19 Min. ARD Von Kerstin Hermes

UCI gibt Studie in Auftrag

Die Teams blicken deshalb auf den Radsport-Weltverband UCI. Der solle eine Strategie erarbeiten, die den Profiradsport auf eine breitere ökonomische Basis stellt. UCI-Präsident David Lappartient gilt als Befürworter einer Budgetbeschränkung. Derzeit aber lässt er erstmal eine Studie zur Attraktivität des Radsports durchführen, aus deren Ergebnis dann Vorschläge abgeleitet werden sollen, wie sich das ökonomische Fundament des Radsports stärken lässt.

David Brailsford, der Manager des Ineos-Teams, sagt, es gebe genug Investoren, die bereit wären, Geld in den Radsport zu stecken und den Kuchen damit größer zu machen. Zumindest habe er das festgestellt, als sein langjähriger Sponsor Sky Ende vergangenen Jahres seinen Rückzug erklärt habe und er einen neuen Geldgeber suchen musste. "Es gab viel Bereitschaft, in den Radsport zu investieren", sagt Brailsford. Vielleicht galt diese Bereitschaft aber auch nur für das Team, das sechs der vergangenen sieben Ausgaben der Tour de France gewonnen hat.

Stand: 12.07.2019, 09:54

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