Tour de France: Die Kunst, ein Baroudeur zu sein

Ausreißergruppe bei der Tour de France

Letzte Chance für Allrounder

Tour de France: Die Kunst, ein Baroudeur zu sein

Von Michael Ostermann (Gap)

Niemand beherrscht die Kunst des Ausreißens so gut wie der Belgier Thomas De Gendt. Er weiß genau, wann es sich lohnt, als Allrounder eine Flucht zu initiieren. Am Mittwoch haben Baroudeure wie er nochmal die Chance. Und auch zwei Deutsche setzen auf diesen Tag.

Alle Augen werden am Mittwoch (24.07.2019) auf Thomas De Gendt gerichtet sein. Der Belgier ist der Experte, wenn es darum geht, eine Flucht erfolgreich zu Ende zu bringen. Ein Baroudeur mit dem richtigen Instinkt. Ausreißen ist seine Spezialität. Er gehört zu den wenigen Radprofis, die bei allen drei großen Landesrundfahrten eine Etappe gewonnen haben - immer als Ausreißer. Bei dieser Tour de France ist ihm das auch schon wieder gelungen. De Gendt gewann die achte Etappe in Saint-Étienne.

Fluchtgruppe muss sich lohnen

Darum wird er derjenige sein, auf den auf der 17. Etappe alle achten. Denn dies ist die letzte Chance für die Allrounder, einen Etappensieg zu landen. "Ich bin nicht gut genug im Sprint, ich bin nicht gut genug in den Bergen, ich bin nicht gut genug gegen die Uhr. Der einzige Weg für mich, Rennen zu gewinnen, besteht darin, die Flucht zu ergreifen", sagt De Gendt, der zu Beginn seiner Karriere Rundfahrer sein wollte. 2012 beendete er den Giro d'Italia auf Rang drei, merkte aber bald schon, dass ihn der Kampf um das Klassement zu sehr stresste.

Die Streckenanimation der 17. Etappe Sportschau 28.06.2019 01:33 Min. Verfügbar bis 30.07.2020 Das Erste

Seitdem sucht De Gendt sein Heil in der Flucht. Und heute ist der 32-Jährige der führende Experte auf diesem Gebiet. Er geht nur dann in die Attacke, wenn es eine Chance gibt, erfolgreich zu sein. Auf einer Etappe wie am Dienstag rund um Nimes, bei der die Sprinter-Teams die Fluchtgruppe an der kurzen Leine halten, würde jemand wie De Gendt keine Energie verschwenden, um auszureißen. Natürlich auch weil einer der besten Sprinter in seinem Team fährt.

Aber wer an solchen Tagen vorne mit dabei ist, tut das in der Regel, damit der Mannschafts-Sponsor TV-Präsenz bekommt. Oft sind es die Teams, die ihre Teilnahme einer Wildcard zu verdanken haben, die dann ihre Fahrer nach vorne schicken. Und derjenige, der besonders engagiert versucht, das Unvermeidliche, einen Massensprint zu vermeiden, darf zur Belohnung aufs Podium und bekommt dort den Preis für den kämpferischsten Fahrer - immerhin.

Nur noch wenige Chancen

Doch Fahrern wie De Gendt geht es um Etappensiege. Und deshalb werfen sie schon ein paar Tage vorher einen Blick ins Roadbook, in dem die Streckenprofile zu finden sind. Es muss eine Etappe sein, die für die Sprinter zu schwer, für die Kletterspezialisten zu leicht ist. Dann gilt es für sie.

Doch diese Teilstücke sind rar gesäht bei der Tour de France. "Der Streckenverlauf ist für die Allrounder diesmal nicht ganz so gut", findet Nikias Arndt vom Team Sunweb, der als Ausreißer 2017 eine Etappe der Tour schon mal als Zweiter beendet hat. Der Kölner Nils Politt, auch ein Allrounder und Klassikerspezialist, findet, dass die meisten Etappen entweder "zu schwer für Ausreißer oder zu einfach sind, so dass es zum Sprint kommt."

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Intensiver Kampf, um dabei zu sein

Politt hat ein paar Mal versucht, in die Fluchtgruppe zu kommen - bislang vergeblich. Genau wie Arndt hat er sich deshalb die 17. Etappe vorgemerkt. So wie vermutlich das halbe Peloton. Der Kampf um den Sprung nach vorne wird dann sehr intensiv, weil die meisten Teams vertreten sein wollen. Das macht es nicht einfacher, in die Gruppe des Tages zu kommen. "Wenn da 70 Kilometer Gespringe ist, dann ist es halt schon so ein bisschen wie Lotterie", sagt Politt.

Fahrer wie De Gendt schauen nicht danach, wer vielleicht ein guter Fluchtpartner sein könnte, mit dem sie dann mitgehen. Überhaupt müssen natürlich die Beine gut sein, damit man es versucht. Wer müde ist, rollt besser nur im Feld mit. In der dritten Woche der Tour ist das besonders relevant.

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Wer versteckt sich?

Hat sich die Ausreißergruppe dann einmal formiert, gilt es, die Zusammenarbeit zu organisieren und fair zu verteilen. Nicht alle Fahrer sind jedoch bereit, ihren Teil der Arbeit zu leisten. Der Portugiese Rui Costa, der Weltmeister von 2013, gilt zum Beispiel als eher unangenehmer Fluchtkumpel, weil er sich, um Kräfte zu sparen, in der Gruppe lieber hinten aufhält anstatt vorne im Wind. Je größer die Gruppe, desto leichter ist es, sich zu verstecken. Deshalb wird häufig versucht, die Gruppe an Anstiegen zu verkleinern.

Im Finale werden die Karten dann neu gemischt. Je nachdem wieviel Vorprung die Gruppe vor dem Peloton hat, beginnt diese Phase früher oder später. Wer über einen weniger guten Sprint verfügt, wird versuchen, die endschnellen Fahrer loszuwerden. Auf der neunten Etappe nach Brioude wären die verbliebenen Fluchtgefährten deshalb gerne den Südafrikaner Daryl Impey losgeworden. Doch der kam zurück und feierte dann auch den Etappensieg.

Aussterbende Kunst

Jemand wie Thomas De Gendt hat die Kunst des Ausreißens perfektioniert. Er weiß genau, wer was im Sinn hat, und wie das Peloton reagiert. Er profitert dabei von seiner Erfahrung. Deshalb lässt ihn das Feld auch nicht mehr so gerne ziehen.

Es ist eine aussterbende Kunst, weil es weniger Chancen gibt, und das Peloton eine Fluchtgruppe dank der Informationen über Funk deutlich besser kontrollieren kann. "Mit meiner Art zu fahren, hätte ich mehr Rennen gewonnen, wenn ich 20 Jahre früher geboren worden wäre", glaubt De Gendt. Am Mittwoch haben er und die anderen Baroudeure noch einmal die Chance. De Gendt wird es versuchen, Arndt und Politt auch.

Stand: 24.07.2019, 08:05

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