Greipel: "Jeder möchte nach Paris kommen"

André Greipel

Interview mit André Greipel

Greipel: "Jeder möchte nach Paris kommen"

Radprofi André Greipel musste die Tour de France auf der 18. Etappe von einer Krankheit geschwächt beenden. Im Interview spricht er darüber, wie er sich vorher von Etappe zu Etappe geschleppt hat, und warum die Ankunft auf den Champs-Élysées gerade für Sprinter so besonders ist.

Herr Greipel, wie geht es Ihnen gesundheitlich und wie haben Sie den Ausstieg aus der Tour mental verkraftet?

André Greipel: Naja, insgesamt ist beides jetzt nicht auf dem besten Level. Mental nimmt einen das natürlich schon noch ein bisschen mehr mit. Aber es bringt jetzt nicht so viel, sich weiter damit aufzuhalten, weil man es ja nicht ändern kann. Man muss halt einfach versuchen, es zu akzeptieren. Es gibt schlimmere Dinge im Leben.

Was genau war das Problem, das zum Ausstieg geführt hat?

Greipel: Ich bin in einer guten Form in die Tour gestartet, aber durch den Sturz auf der ersten Etappe, drei Kilometer vor dem Ziel, habe ich einen erheblichen Schlag gegen das Knie bekommen und musste genäht werden. Das hat zu einem unrunden Tritt geführt. Ich konnte nicht so belasten, wie ich wollte. Dazu kamen verschiedene Abschürfungen am ganzen Körper, die sich nach fünf, sechs Tagen entzündet haben. Darum musste ich Antibiotika nehmen. Das bedeutet, dass der Körper dann noch mehr geschwächt wird. Und wenn man dann mit meinem Körpergewicht noch durch die Berge fährt, ist das alles andere als leicht. Ich habe das Antibiotikum auch nicht vertragen, ziemliche Verdauungsprobleme bekommen und habe nachts stundenlang auf der Toilette verbracht. Aber irgendwie habe ich mich bis zum ersten Ruhetag geschleppt. Der kam zur richtigen Zeit und ist mir auch wirklich gut bekommen. Am Tag danach bin ich dann Sechster im Sprint geworden und habe gedacht: Okay, jetzt bin ich wieder auf dem Dampfer, jetzt gehts wieder. Aber ich war immer noch geschwächt und habe ich mich danach wieder von Etappe zu Etappe geschleppt. Das macht dann was mit einem. Vom Kopf her möchte man gerne dabei sein, aber der Körper sagt: Nee, das funktioniert hier nicht.

Gorilla Greipel und die verflixte zehnte Tour Sportschau 20.09.2020 01:33 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

Wie ist das, wenn man am Ende einsehen muss, dass es nicht weitergeht, dass man in Paris nicht sprinten wird, sondern vorher absteigen muss?

Greipel: Jeder, der die Tour startet, möchte nach Paris. Mein Kopf hat mich schon während der Pyrenäen überhaupt auf dem Fahrrad sitzen lassen. Natürlich weiß ich, dass ich in meinem Alter nicht mehr oft die Tour fahren werde. Deshalb wollte ich unbedingt nach Paris kommen, klar. Das war dann ein Prozess, der am zweiten Ruhetag begonnen hat, da habe ich Fieber bekommen. Der zweite Tag in den Alpen war für mich dann wirklich die Hölle. Ich bin direkt bei Kilometer 30 allein gewesen. Bin dann zwar wieder ins Feld zurückgekommen, aber dann am Col de la Loze mit bis zu 24 Prozent Steigung wieder alleine gefahren. Die letzten 22 Kilometer habe ich mich wirklich ins Ziel geschleppt. Ich wusste nicht, ob ich im Zeitlimit ankommen würde oder nicht. Ich bin eigentlich kein emotionaler Mensch, aber im Ziel bin ich dann wirklich emotional geworden, weil mir bewusst war, dass es eigentlich vorbei ist und der nächste Tag mit 4.500 Höhenmetern nicht zu bewältigen sein wird für mich. Ich wollte es trotzdem nochmal probieren, aber habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass der Körper nicht mehr die Leistung abrufen kann. Da muss man dann den Verstand einschalten und die nötigen Entscheidungen treffen.

18. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 17.09.2020 05:47 Min. Verfügbar bis 17.09.2021 Das Erste

Der Sprint in Paris ist eine Weltmeisterschaft

Sie sind jetzt 38 Jahre alt, Ihr Team Israel Start Up Nation wird sich im kommenden Jahr mit dem viermaligen Tour-Sieger Christopher Froome neu ausrichten. Sie haben ihren Vertrag vor kurzem um zwei Jahre verlängert. Haben Sie dennoch das Gefühl, das könnte ihre letzte Tour de France gewesen sein?

Greipel: Ich bin jetzt zum zehnten Mal die Tour gefahren und hatte vorher schon gedacht, wenn ich noch einmal nach Paris kommen würde, hätte ich einen guten Abschluss für mich selbst. Jetzt ist es anders gekommen.

Sie haben 2016 auf den Champs-Élysées gewonnen. Was macht die letzte Etappe für Sprinter so besonders?

Greipel: Generell ist diese Etappe für alle Fahrer etwas Besonderes nach drei Wochen Quälerei, vier Wochen von der Familie, von Freunden getrennt. Man hat sich vorher strikt an Ernährungs- und Trainingspläne halten müssen. Da fällt einem deshalb eine Last von den Schultern. Aber gerade für die Sprinter ist es dann noch das wichtigste Radrennen, das es für uns gibt. Da werden noch einmal alle Kräfte mobilisiert. Man ist nochmal hochkonzentriert und findet irgendwo noch ein paar Körner. Das ist nicht so einfach, weil alle anderen drumherum schon feiern, aber 20 Fahrer wollen nochmal sprinten. Wenn man dann auf die letzten Runden geht, ist man wieder im Rennmodus. Für die Sprinter ist das dann die Weltmeisterschaft.

Warum ist das so?

Greipel: Weil es die Tour ist, in Paris, einer Weltstadt, mit dem für mich schönsten Boulevard, den es im Radsport gibt, vielleicht sogar auf der Welt. Es ist eine super Kulisse, wenn man vor einem Millionenpublikum dort noch einmal seine Ehrenrunden drehen darf. Man hat Gänsehaut, wenn man das erste Mal auf die Champs-Élysées kommt. Das sind Momente, die vergisst man nicht. Und wenn man dann noch einer derjenigen ist, die dort gewinnen konnten, ist das natürlich das Nonplusultra einer Karriere.

Die tolle Kulisse wird es dort diesmal vermutlich nicht geben. Es sind wegen der Corona-Beschränkungen offiziell nur 10.000 Personen auf den Champs-Élysees zugelassen. Wie haben Sie die Tour de France in Zeiten der Pandemie erlebt?

Greipel: Die ersten Tage in Nizza waren nicht schön. Da habe ich gedacht, wenn das so weitergeht, dann wird das auf jeden Fall eine sehr bescheidene Tour. Aber als wir dann aus der Region raus waren, hat man wieder gesehen, was die Tour ausmacht: viele Leute am Straßenrand, die einem zujubeln. Dann die Masken - man gewöhnt sich an alles, aber die Masken stören. Andererseits konnte man sich ganz auf das Wesentliche, das Radfahren konzentrieren, weil man vor allem von den Medien abgeschottet war. Dadurch ist vieles leichter gefallen.

Der Trubel war geringer. Das ist einerseits weniger Stress, aber fehlt dann nicht auch die Nähe zum Publikum, für die der Radsport bekannt ist?

Greipel: Bei den Etappen war die ja schon gegeben. Aber vor dem Start und im Ziel war es schon angenehmer für uns Rennfahrer, dass dort weniger Leute an den Bussen waren. Ich bin sicher, dass die ein oder anderen Dinge, was die Abschottung der Teams betrifft, auch nach der Pandemie beibehalten werden.

Wie geht es für Sie persönlich in dieser Saison noch weiter?

Greipel: Damit beschäftige ich mich jetzt noch gar nicht. Ich werde jetzt erst mal ein paar Tage das Fahrradfahren sein lassen, und dann gucken, was die Saison noch hergibt oder auch nicht. Grundsätzlich macht mir der Radsport immer noch sehr viel Spaß, aber die letzten Wochen waren auch nicht einfach.

Das Gespräch führte Michael Ostermann

Stand: 20.09.2020, 08:00

Darstellung: