André Greipel bei der Tour de France im Niemandsland

André Greipel

Sprinter ohne Stress

André Greipel bei der Tour de France im Niemandsland

Von Michael Ostermann (Albi)

Am Ruhetag der Tour de France in Albi hat André Greipel seinen 37. Geburtstag gefeiert. Elf Etappensiege hat er in den vergangenen Jahren in Frankreich gefeiert. Doch jetzt mischt er in den Sprints nicht mehr mit und denkt über seine Zukunft nach.

"Ondré, Ondré", rufen die Leute, als André Greipel aus der Tür des Grand Hotel d'Orleans in Albi tritt. Dort wartet eine Traube Fans auf die Radprofis, die hier ihren ersten Ruhetag bei der Tour de France verbringen. Es werden Selfies gemacht, es wird um Autogramme gebeten. Und André Greipel ist sehr gefragt. Die Menschen kennen ihn, Greipel ist ein Teil der Geschichte der Tour.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Elf Etappensiege hat der deutsche Sprinter seit 2011 bei der Tour de France gefeiert. Der erste gelang ihm vor acht Jahren in Carmaux nur rund 20 Kilometer entfernt von Albi, wo die Tour in diesem Jahr nach zehn Etappen einen Tag Pause einlegt. "Das war ein spezieller Tag", sagt Greipel. "Meine erste Tour, mein erster Etappensieg - das war schon was Schönes." Aber eigentlich sei er niemand der zurückschaue. "Ich bin jemand, der voraus guckt."

Gefrustetes Geburtstagskind - Greipels neues Sprinterleben

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Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft - bei André Greipel fließt das bei dieser Tour gerade alles ineinander. Für seine vielen Siege wird er von den Leuten gefeiert. Im Hier und Jetzt spielt er bei den Sprints keine Rolle mehr. Und das wiederum hat Auswirkungen darauf, was kommen wird.

Spaß haben - Greipel?

Der Ruhetag ist auch sein Geburtstag - zum neunten Mal begeht Greipel diesen in Frankreich bei der Tour. 37 Jahre ist er nun alt, das Karriereende ist deutlich sichtbar. "Ich habe schon Pläne, aber mit denen befasse ich mich erst, wenn ich mit dem Radfahren aufgehört habe", sagt Greipel. Noch ist er ja Radprofi und das verlangt seine ganze Energie. Auch wenn er immer wieder betont, er sei in Frankreich, um Spaß zu haben.

Aber wie kann er das, wenn er doch hinterherfährt, wo er einst ganz vorne war? Jener André Greipel, der zwar durchaus einen feinen Humor hat, den man manchmal aber besser nicht ansprach, wenn es in den Sprints nicht lief und den manch einer deswegen für zu verbissen hält. "Ich nehme die Tour ganz anders war als all die anderen Jahre", erklärt er. "Da hat mich vieles genervt bei der Tour, weil ich immer einen gewissen Leistungsdruck hatte, immer Stress von Tag zu Tag, den habe ich jetzt einfach nicht."

André Greipel und Lennard Kämna- zwei Starter mit unterschiedlichen Bedingungen Mittagsmagazin 05.07.2019 02:25 Min. Verfügbar bis 05.07.2020 Das Erste

Erst kurz vor der Tour zum Start entschieden

Diesmal ist Greipel froh, überhaupt dabei zu sein. Bis zehn Tage vor dem Start der Tour de France war er sicher, dass er nicht nach Brüssel zum Grand Départ reisen würde. Ein Virus im Magen hatte ihn wochenlang geschwächt, er musste Antibiotika nehmen. "Schmerzen in den Beinen, schlecht geschlafen, schlecht gegessen, nicht regeneriert", beschreibt er seinen Zustand. "Man weiß, was man tun muss, um in Form zu kommen, aber man kann es nicht. Nicht nur was den Körper angeht, auch im Kopf."

Erst als er im Training merkte, dass er langsam wieder in die Leistungsbereiche vordringen konnte, die es braucht, um eine dreiwöchige Rundfahrt zu bestehen, entschied Greipel, doch zur Tour zu kommen. Er konnte das selbst bestimmen, sein Team braucht ihn. Er ist einer der beiden Stars der französischen Equipe Arkéa Samsic, das mit einer Wildcard bei der Tour dabei ist. Der andere ist der französische Meister Warren Barguil, ein Kletterer, der 2017 das gepunktete Bergtrikot gewann.

Neues Projekt vorerst gescheitert

Seit Anfang des Jahres fährt Greipel für die zweitklassige Mannschaft, weil sich sein vorheriges Team Lotto-Soudal den Australier Caleb Ewan für die Sprints ins Haus holte. Greipel wäre nur noch der B-Sprinter gewesen. Das wollte er nicht. Also nahm er die neue Herausforderung an, etwas Neues aufzubauen. So wie damals als Lotto-Soudal ihm einen Zug aufbaute, der ihn in die Lage versetzte, Touretappen zu gewinnen.

Nach einem halben Jahr scheint das neue Projekt jedoch gescheitert. Eine Sprintvorbereitung ist quasi nicht existent. Robert Wagner, den er als Anfahrer zu Arkéa Samsic lockte, hatte ebenfalls mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und hat seine Karriere beendet. Der Tourkader der Mannschaft besteht jetzt überwiegend aus Kletterern.

Das Ziel ist Paris

"Die Jungs geben ihr bestes, aber die Kräfte sind dann auch limitiert", sagt Greipel. "Ab Kilometer zwei vor Ziel muss ich meinen Weg dann halt alleine suchen. Das fällt mir schwer, weil sich die Rennsituation ziemlich schnell verändern. Es ist immer schwer, dann die richtigen Entscheidung zu treffen bzw. den richtigen Platz zu finden."

Einmal Rang 18, zwei Mal Platz zwölf lautet seine bisherige Bilanz bei den drei Sprintankünften der Tour in diesem Jahr. Mit einem Platz unter den ersten fünf wäre er deshalb schon zufrieden. Das Hauptziel bleibt jedoch bis Paris durchzukommen. Und danach?

Weitermachen oder aufhören?

Greipel hat bei Arkéa Samsic einen Vertrag unterschrieben, der auch für die kommende Saison gilt. Doch er ist sich offenbar nicht sicher, ob er sich das zusätzliche Jahr noch antun soll. "Ich möchte schon nächstes Jahr weiter Fahrrad fahren, weiß aber noch nicht, ob ich es machen werde", sagt er. "Ich möchte einfach eine Aufgabe haben in der Mannschaft. Und hier bin ich so ein bisschen fehl am Platz. Das Niveau ist einfach nicht da, um in den Sprints mitzufahren."

Vieles wird davon abhängen, wie sich das Team in der kommenden Saison aufstellen wird. Ob man bereit ist, Greipel Fahrer an die Seite zu stellen, die in der Lage sind, ihn in den Sprints zu positionieren, und die Strukturen zu professionalisieren. Damit auch die Kleinigkeiten stimmen. Er sei bereit dabei mitzuwirken, betont er. Bis dahin muss er aber eine seiner wichtigsten Charakterzüge ein wenig im Zaum halten - seinen Ehgreiz. "Ich bin ein ehrgeiziger Mensch, klar", sagt Greipel. "Aber ich habe immer ein Team um mich gehabt, deswegen muss ich jetzt meine Ziele zurückstecken. Ansonsten geht das in meinen Kopf."

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Stand: 17.07.2019, 06:00

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