Tour de France: 15 Ausreißer - nur einer wird belohnt

Tony Martin in der Ausreißergruppe

Nach der 9. Etappe nach Brioude

Tour de France: 15 Ausreißer - nur einer wird belohnt

Von Michael Ostermann (Brioude)

Daryl Impey hat die neunte Etappe der Tour de France in Brioude gewonnen. Der Südafrikaner gehörte wie Tony Martin zur 15 Mann starken Ausreißergruppe des Tages. Doch der Deutsche war dort wie der Österreicher Lukas Pöstlberger nur zufällig hineingeraten.

Als Tony Martin ins Ziel gerollt kam, erwartete ihn ein alter Bekannter. Marcel Kittel, als Experte der ARD ein paar Tage zu Gast bei der Tour de France, nahm den alten Teamkollegen in den Arm, bevor der Interviews geben musste, weil er die 9. Etappe in der Ausreißergruppe verbracht hatte. Später am Bus erzählte Martin, dass er nur deshalb Teil der 15 Fahrer starken Fluchtgemeinschaft gewesen sei, weil Kittel ihm vorher schon geschrieben habe, er werde nicht auf die letzte Gruppe warten.

Martin bleibt "nichts anderes übrig"

Das war natürlich ein Scherz, denn Martin hatte gar nicht Teil der Ausreißer sein wollen. "Reingeraten" sei er in die Gruppe, weil er sich am Anfang der Etappe plötzlich zwischen den Ausreißern und dem Feld befunden habe, nachdem er seinen Teamkollegen Wout Van Aert habe heranfahren wollen, um diesem den Sprung nach vorne zu ermöglichen. "Und da blieb mir dann nicht viel anderes übrig, als nochmal Gas zu geben und in die Gruppe zu springen“, sagte Martin.

Auch der Österreicher Lukas Pöstlberger vom Team Bora-hansgrohe hatte nicht vorgehabt, zur Fluchtgruppe zu gehören. Die deutsche World-Tour-Mannschaft hatte eigentlich Marcus Burghardt oder Gregor Mühlberger dafür vorgesehen. Einen "glücklichen oder vielleicht unglücklichen Zufall" nannte Pöstlberger die Tatsache, dass er zu den 15 Ausreißern gehörte.

9. Etappe - Tony Martins Optimismus ist zurück Sportschau 14.07.2019 03:09 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

Alle Teams scheuen den Kraftakt

Dass dieser Tag einer größeren Fluchtgruppe gehören würde, war dagegen kein Zufall. Sicher, das Profil der Strecke und die Ankunft in Brioude hätten auch einen Sprint zugelassen, der für Fahrer wie Peter Sagan oder den Australier Michael Matthews geeignet gewesen wäre. Doch nach der schweren Etappe nach Saint-Étienne am Vortag wäre dafür ein enormer Kraftakt für deren Teams nötig gewesen.

"Nach dem superschweren Tag gestern hat jeder versucht, ein bisschen Luft zu holen", sagte Enrico Poitschke, Sportlicher Leiter bei Bora-hansgrohe. "Wir wussten, dass wahrscheinlich eine große Gruppe geht, die man nur mit wahnsinnigem Aufwand kontrollieren kann. Das wollten wir nicht und das wollte Sunweb wahrscheinlich auch nicht."

9. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 14.07.2019 04:41 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

Pöstlberger überlegt und versucht es

Tatsächlich hatte Sunweb wie die meisten anderen Teams ebenfalls einen Fahrer in der Spitzengruppe unterbringen können. Doch anders als Martin und Pöstlberger war Nicholas Roche durchaus absichtlich mit dabei. Und der Ire hatte durchaus auch die Idee, dass er um den Etappensieg mitfahren würde, wenn auch nur im Hinterkopf. "Ich habe gelernt, dass es sich nicht lohnt, über einen Etappensieg nachzudenken, bevor man die Ziellinie überquert hat", sagte der 35-Jährige.

Auch Pöstlberger hatte im Verlauf des langen Tages an der Spitze angefangen, mit einem Tagessieg zu liebäugeln. Zumal bald klar war, dass der Vorsprung reichen würde, weil im Feld kein Interesse bestand, die Lücke zu schließen. Etwa 40 Kilometer vor dem Ziel hatte Pöstlberger auf einer Abfahrt eine kleine Lücke herausgefahren und einen Moment überlegt, ob es soweit vor dem Ziel eine gute Idee sei, alleine loszufahren. "Und dann habe ich mir gedacht, 40 Sekunden herschenken, ist auch nicht die richtige Lösung", erzählte er. "Lieber vorne sterben, als hinten nichts erben."

9. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 14.07.2019 03:50 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

Doch am letzten Anstieg des Tages etwa 20 Kilometer vor dem Ziel verließen Pöstlberger die Kräfte - und seine Verfolger konnten wieder aufschließen. Tony Martin gehörte da schon nicht mehr dazu. Er hatte mit dem Norweger Edvald Boasson Hagen schon vorher den Anschluss verloren und sich entschieden, lieber mit den Kräften zu haushalten. "Als die Attacken angefangen haben, habe ich gemerkt, dass ich doch relativ müde bin und es definitiv nicht für ganz vorne gereicht hätte", sagte Martin später im Ziel.

Martin geht nicht "all in"

Der 34-Jährige hat in den vergangenen Tagen viel Arbeit für seine Mannschaft Jumbo-Visma geleistet und wird das in den kommenden Tagen auch noch tun müssen. Schon am Montag wird er auf der zehnten Etappe wieder mithelfen müssen, seinem Teamkollegen Dylan Groenewegen einen Sprint in Albi zu ermöglichen.

"Das Zeitfahren ist auch nicht mehr weit weg, wo meine Chancen etwas größer sind, da wollte ich nicht 'all-in' gehen", erklärte Martin. "Ich weiß auch, was noch kommt bei der Tour de France. So blauäugig bin ich nicht mehr, dass ich von Tag zu Tag denke. Ich bin hier zum Arbeiten für das Team und da ist eine Ausreißergruppe, wo die Chancen nicht allzu groß sind, der falsche Zeitpunkt, um die Körner rauszuhauen."

Impey am Ende der Stärkste

Nicholas Roche dagegen war durchaus bereit gewesen, Kräfte zu investieren. An der Côte de Saint-Just hatte er versucht, mit dem Belgier Tiesj Benoot davon zu kommen, was zunächst auch gelang. Doch dann kam der spätere Etappensieger Daryl Impey noch einmal heran. Am Gegenanstieg kurz nach der Bergwertung ging Roche dann die Luft aus. "Ich hatte da nicht mehr die Explosivität, um mitzugehen", berichtete er.

So machten am Ende Impey und Benoot die Sache unter sich aus. Mit dem besseren Ende für den Südafrikaner, der sich im Sprint durchsetzte und für den sich deshalb der Sprung in die Fluchtgruppe diesmal gelohnt hatte. "Es ist meine siebte Tour de France und ich bin schon in zahlreichen Ausreißergruppen gewesen", sagt Impey. "Das ich es endlich geschafft habe, ist ein Traum, der wahr wird. Mir fehlen die Worte."

Thema in: Sportschau, Das Erste, Montag, 15.07.2019, 16.05 Uhr

9. Etappe - die komplette Etappe Sportschau 14.07.2019 05:13:57 Std. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

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