Ewan findet dank Kluge das richtige Hinterrad

Caleb Ewan im Sprintduell mit Dylan Groenewegen

Australier gewinnt 11. Etappe im Sprint

Ewan findet dank Kluge das richtige Hinterrad

Von Michael Ostermann (Toulouse)

Caleb Ewan gewinnt die 11. Etappe in Toulouse im Sprint. Der Australier profitiert dabei von seinem deutschen Teamkollegen Roger Kluge, der ihn am richtigen Hinterrad abliefert.

Es herrscht großer Lärm, wenn das Peloton der Tour de France das Ziel einer Etappe erreicht. Auch über dem Boulevard Lascrosses in Toulouse lag eine frenetische Geräuschkulisse, nachdem die Entscheidung über den Sieg der elften Etappe gefallen war. Autohupen, die Trillerpfeifen der Gendarmen, die Stimme des Toursprechers aus den Lautsprechern und begeistert jubelnde und rufende Zuschauer hinter den Barrieren. Aber der Schrei aus dem Pulk, das sich um Caleb Ewan gebildet hatte, war trotzdem auch rund fünf Meter entfernt noch deutlich zu vernehmen.

"Ganz viele Emotionen"

Der Australier hatte soeben den Sprint in Toulouse gewonnen, sein erster Etappensieg bei seiner ersten Tour. "Es ist eine große Erleichterung, richtig aufregend, ein Traum, der wahr wird - ganz viele Emotionen", sagte Ewan später. All das lag in dem Schrei, den er hinter der Ziellinie ausgestoßen hatte. Ewan war bei den Sprints zuvor immer nah dran gewesen. "Aber irgendwie habe ich auf den letzten Metern dann immer etwas falsch gemacht", stellte Ewan fest.

Drei Mal Dritter, einmal Zweiter war er auf den bislang vier Sprintfinals der Tour in diesem Jahr gewesen. Viele Chancen würde es nicht mehr geben für ihn, das war auch klar. Toulouse war die drittletzte, danach folgt noch eine Möglichkeit in Nimes und am letzten Tag der Tour auf den Champs Élysées.

Ewan siegt auf der 11. Etappe der Tour de France

Sportschau 17.07.2019 01:00 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 ARD Von ARD-Reporter Steffen Gaa

In Greipels großen Fußstapfen

Das erhöhte den Druck auf den 25-Jährigen nun endlich den gewünschten Sieg einzufahren. "Manchmal kommt einem dann der Gedanke, was, wenn mir dieses Jahr kein Sieg gelingt hier", erzählte Ewan über sein Seelenleben nach den verpassten Gelegenheiten. "Das Team hat mich hierhergebracht, damit ich gewinne, und heute konnte ich endlich liefern."

Seit Anfang des Jahres fährt Ewan für die belgische Equipe Lotto-Soudal, wo er die Position des Sprinters von André Greipel übernommen hat. Greipel hat mehr als 100 Siege für die Mannschaft eingefahren, auch das eine Bürde die der Australier spürte. "Das sind große Fußstapfen, in die man da tritt", sagte Ewan. "Das Team hat sehr viel Vertrauen in mich gesetzt."

Ewan - ein besonderer Sprinter

Das allerdings war auch nicht erschüttert gewesen, im Gegenteil. "Wir waren zuversichtlich, weil er seit Brüssel immer in den Finals dabei war. Es war klar, er hat die Beine", sagte der Manager des Teams, John Lelangue. "Er verdient es hier zu sein, und er verdient diesen Sieg."

Ewan ist ein besonderer Sprinter, nicht nur weil er beim Sprint eine sehr tiefe Körperhaltung einnimmt, so dass er sich mit seinem Gesicht fast auf Höhe des Lenkers befindet. Damit verschafft er sich einen aerodynamischen Vorteil, der ein Kraftdefizit gegenüber den anderen Sprintern ausgleicht.

11. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 17.07.2019 04:06 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 Das Erste

Klein und ein Einzelkämpfer

Ewan ist nur 1,65 Meter groß und wiegt nur 67 Kilogramm. Der Niederländer Dylan Groenewegen, den er in Toulouse auf Rang zwei verwies, misst 1,77 und ist drei Kilo schwerer. Und der Italiener Elia Viviani bringt zwar auch nur 67 Kilogramm auf dien Waage, ist aber mit 1,78 Meter der Längste der drei schnellsten Sprinter bei dieser Tour.

Ewan ist aber nicht nur wegen seiner körperlichen Konstitution ein Sonderfall, sondern auch, weil er keinen klassischen Sprintzug benötigt. Auch das war ein Grund dafür, dass Lotto-Soudal ihn ins Team geholt hat. "Wenn man sich die Sprints in den letzten Jahren anschaut, gab es immer seltener einen Sprintzug, sondern immer nur ein, zwei Leute die den Sprinter an die richtige Position bringen", hatte Teamchef Mark Sergeant schon vor der Tour erklärt.

Von Kluge bei Groenewegen abgeliefert

Bei dieser Tour zeigen Groenewegens Jumbo-Visma-Team und Vivianis Mannschaft Deceuninck-Quick Step zwar, dass der Sprintzug sich durchaus noch nicht auf dem Abstiegsgleis befindet, aber Ewan findet seinen Weg auf den letzten Kilometern dennoch meist alleine "Er braucht keinen Zug, man muss ihn nur im richtigen Moment ans richtige Hinterrad bringen", sagte Manager Lelangue.

In Toulouse war es das Hinterrad von Dylan Groenewegen, das Ewan sich als das richtige auserkoren hatte. Doch sein Team allen voran Roger Kluge musste hart arbeiten, um seinen Sprinter dort abzuliefern. Rund 15 Kilometer vor dem Ziel stürzte Ewans Anfahren Jasper De Buyst, was auch den Australier aus dem Tritt brachte. "Ich musste lange, lange warten, bei zehn Kilometer war er wieder bei mir dran", berichtete Kluge. "Letztendlich habe ich ihn bei drei oder vier Kilometern bei Jumbo abgeliefert und ab zwei Kilometer vor Ziel war er auf sich alleine gestellt."

11. Etappe - die Siegerehrung Sportschau 17.07.2019 10:17 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 Das Erste

Alle drei Top-Sprinter mit einem Sieg

Trotz seiner kleinen Körpergröße verteidigte Ewan seine Position an Groenewegens Hinterrad bis 100 Meter vor der Ziellinie, wo er seinen Sprint ansetzte und an dem Niederländer vorbeizog. Der saß später auf der Rolle, den Blick starr auf den Boden gerichtet und murmelte einen Glückwunsch an Ewan in die Mikrofone. "Es war nicht der ideale Weg zum Ende, aber egal wie, er war Erster. Ich bin super happy, er ist super happy", fasste ein sichtlich gerührter Kluge das Finale zusammen. "Besser geht’s nicht."

Damit haben alle drei Sprinter ihren Sieg. Viviani in Nancy, Groenewegen in Chalon-sur-Saône und nun Ewan in Toulouse. Einen dominierenden Sprinter gibt es nicht und so wird es auch in den beiden verbleibenden Sprints auf die Details und die richtige Position ankommen. Druck hat nun keines der Teams mehr. "Jetzt zählen wir nicht mehr", sagte Kluge, jetzt haben wir den Sieg."

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