Team Bora-hansgrohe - mit Schmerzen in die Tour 2020

Emanuel Buchmann nach seinem Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt

Nach Stürzen der Topfahrer

Team Bora-hansgrohe - mit Schmerzen in die Tour 2020

Von Olaf Jansen

Die Sturzfolgen für Emanuel Buchmann und Maximilian Schachmann sind für Bora-hansgrohe eine große Hypothek. Seine großen Ziele für die Tour de France muss das deutsche Team erst einmal zurückschrauben.

Emanuel Buchmann ist nicht gerade bekannt für große Euphorieausbrüche. Der Oberschwabe, der in Ravensburg groß geworden ist, kommt eher zurückhaltend daher. Ganz besonders skeptisch schaut der 27-Jährige dieser Tage aus, da er sich mit Schmerzen am ganzen Körper herumschlagen muss. "Der Rücken schmerzt schon noch arg. Aber immerhin geht Radfahren momentan schon besser als Laufen", vermeldete der 27-Jährige am Wochenende aus seinem Vorbereitungscamp für die Tour de France.

Und er bekannte: "Eigentlich dachte ich, die Tour ist gelaufen, als ich nach dem Sturz nicht mehr selbständig aufstehen konnte. Aber zum Glück ist nichts gebrochen. Ich werde die Tour jetzt von Tag zu Tag in Angriff nehmen." Die große Tour-de-France-Hoffnung des deutschen Teams Bora-hansgrohe war kürzlich bei der Dauphiné-Rundfahrt - knapp 14 Tage vor Tour-Start - auf einer Abfahrt vom Col de Plan zu Fall gekommen und hatte dabei starke Prellungen und Hautabschürfungen erlitten.

Große Ziele auf den Straßen zerschellt?

Der Sturz seines Top-Mannes, der im Vorjahr Gesamtrang vier belegt hatte und dieses Mal noch weiter nach vorn fahren soll, hatte bei den Team-Verantwortlichen sogleich Panik ausgelöst. Zumal quasi zeitgleich auch Buchmanns Helfer Maximilian Schachmann schwer stürzte. Der Allrounder, der Buchmann während des dreiwöchigen Saisonhöhepunktes stets so gut wie möglich abschirmen sollte, war bei der Lombardei-Rundfahrt in ein Auto gekracht und hatte sich einen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Mit einem Mal schienen sämtliche großen Tour-Ziele für Bora-hansgrohe auf den Straßen in Frankreich und Italien zerschellt zu sein.

Doch immerhin: Seit Montagabend steht fest, dass beide Top-Fahrer des Teams an den Start der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt gehen werden. Buchmann hat im Höhentrainingslager in Livigno versucht, seinen Körper zumindest ein bisschen zu bewegen. Unter Schmerzen, versteht sich. Und wer weiß, wie es sich anfühlt, mit Verletzungen Leistungssport zu betreiben, kennt auch die nun große lauernde Gefahr der Fehlbelastung durch Schonhaltung. "Er wird fahren können. Aber wie gut, das können wir nicht voraussehen", sagt Teamarzt Jan-Niklas Droste. "Körperlich wird er zum Tour-Start ganz sicher nicht in der optimalen Form sein", so Droste über Buchmann.

Helfer mit gebrochenem Schlüsselbein

Dass auch Schachmann trotz seines Schlüsselbeinbruchs an den Start gehen wird, kommt dazu beinahe einem medizinischen Wunder gleich. "Ich hoffe, ich kann mit den Schmerzen umgehen", ließ der 26-jährige Berliner verlauten. Das Problem für die beiden: Bei der diesjährigen Tour de France ist ein eher schonendes Einrollen nicht möglich. Die Tour-Verantwortlichen haben auf eine früher durchaus übliche Einführungswoche mit vielen Flachetappen verzichtet und schicken die Fahrer quasi vom ersten Tag an in die Berge.

"Der Sturz war bitter", sagt Buchmann unter diesen Umständen, denn insgeheim dürfte er sich durchaus in der Lage gesehen haben, sogar um den Sieg mitzufahren. "Bei der Dauphiné war ich hinter Roglic der Stärkste am Berg, mit Pinot zusammen. Nun gibt es ein paar Fragezeichen, zumal es ja gleich direkt richtig hart losgeht", sagt Buchmann.

Im Krisenmodus vom ersten Tag an gefordert

Bora-hansgrohe wird also vom ersten Tag der Tour an sozusagen im Krisenmodus agieren müssen, das ist durchaus schade für das Team aus Oberbayern. Denn eigentlich hat sich die Mannschaft unter Boss Ralph Denk in den vergangenen Jahren quasi im Rekordtempo zu einem der spannendsten Projekte im Radsport entwickelt.

Team Bora-hansgrohe bei der Tour 2020
NameLandAlter
Felix GroßschartnerÖsterreich26
Gregor MühlbergerÖsterreich26
Lukas PöstlbergerÖsterreich28
Maximilian SchachmannDeutschland26
Emanuel BuchmannDeutschland27
Lennard KämnaDeutschland23
Daniel OssItalien33
Peter SaganSlowakei30

Nach seiner Gründung unter dem Namen NetApp im Jahr 2009 ist die Equipe Jahr für Jahr gewachsen und stärker geworden. Anfangs eher belächelt, etablierte sich Denk inmitten der Dopingkrise als erfolgreicher Macher. Spätestens mit der Verpflichtung Peter Sagans brachte Denk alle Spötter zum Schweigen. Mit der Entwicklung des schüchternen Emanuel Buchmann zu einem echten Kandidaten auf den Tour-Gesamtsieg gelang ihm sozusagen sein Meisterstück.

Sagan fährt auf eigene Faust

Ob nun bei der diesjährigen Rundfahrt angesichts der schlechten Voraussetzungen tatsächlich etwas möglich ist, werden die kommenden drei Wochen zeigen. Neben Schachmann wird das Team - mit dem Österreicher Gregor Mühlberger und dem deutschen Top-Kletterer Lennard Kämna an der Spitze - wichtige Unterstützung in den Bergen liefern. Routinier Peter Sagan wird eher auf eigene Faust fahren und versuchen, im bewährten Kampf um das Grüne Trikot mitzumischen. Bei der großen Anzahl an Tagesetappen mit Klassikerprofilen ist der Slowake ganz sicher immer noch ein Kandidat für einen Etappensieg.

Tour de France: Buchmanns Edelhelfer Kämna Mittagsmagazin 25.08.2020 02:17 Min. Verfügbar bis 25.08.2021 Das Erste

Stand: 26.08.2020, 08:40

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