Die Operation Aderlass und der Radsport

Operation "Aderlass" - Sloweniens Radsport im Fokus Sportschau 15.09.2020 02:31 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 Das Erste

Prozessbeginn gegen Mark Schmidt in München

Die Operation Aderlass und der Radsport

Von Michael Ostermann (Villard-de-Lans)

Am Mittwoch beginnt in München der Prozess gegen Mark Schmidt, der im Frühjahr 2019 im Zuge der Operation Aderlass als mutmaßlicher Dopingarzt aufflog. Zu seinen Kunden zählten auch zahlreiche Radsportler. Bei der Tour de France bleibt das Verfahren nur eine Randnotiz.

Am Mittwoch (16.09.2020) wird die Tour de France wieder spektakuläre Bilder produzieren. Die 17. Etappe endet auf dem Col de la Loze oberhalb von Méribel. Die letzten sieben Kilometer hinauf auf den Gipfel in 2.304 Metern Höhe führen über einen Fahrradweg durch eine grandiose Landschaft. Der Kampf um das Gelbe Trikot und die Podiumsplätze in Paris erlebt dort seinen nächsten Höhepunkt und wird die Aufmerksamkeit der Radsport-Welt binden.

Überwiegend Kunden aus dem Radsport

Viel Interesse wird da nicht übrig bleiben für das, was am selben Tag vor dem Landgericht München geschieht, obwohl der Radsport auch dort eine Rolle spielen wird. Dort beginnt der Prozess gegen Mark Schmidt, jenen Erfurter Sportarzt, der nebenbei ein lukratives Dopinggeschäft betrieb. Im Februar 2019 flogen die Machenschaften im Rahmen der Operation Aderlass während der Nordischen Ski-WM in Seefeld auf.

Bisher bekannt ist die Verwicklung von 23 Sportlern aus acht Ländern - Wintersportler, aber überwiegend Radsportler. Der Radsport ist ja fast immer dabei, wenn Doping-Netzwerke auffliegen. Zu den Kunden Schmidts, der als Teamarzt für die ehemaligen deutschen Radsport-Mannschaften Gerolsteiner und Milram arbeitete, gehörte unter anderem Danilo Hondo.

Der ehemalige Sprinter gab zu, 2011 und 2012 Blutdoping betrieben zu haben. Auch der einstige italienische Sprintstar Alessandro Petacchi - der damals auch für Milram fuhr - wurde mit Schmidt in Verbindung gebracht und vom Radsport-Weltverband UCI für zwei Jahre gesperrt.

Slowenien - die umstrittene Radsport-Nation

Sportschau 15.09.2020 02:08 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 ARD Von Sebastian Krause


"Keine neuen Erschütterungen für den Radsport"

Vor Gericht verantworten mussten sich bereits der österreichische Ex-Radprofi Georg Preidler, der den größten Teil seiner Karriere beim heute unter deutscher Lizenz mit dem Namen Sunweb fahrenden World-Tour-Team verbrachte, sowie der Schweizer Pirmin Lang und der Österreicher Stefan Denifl.

Preidler wurde zu zwölf Monaten Gefängnis auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt, Lang kam mit einer geringen Geldstraße davon. Denifls Prozess wird erst im Herbst mit weiteren Betrugsvorwürfen weitergehen. Blutdoping hat er, wie alle anderen auch, bereits gestanden.

Angeblich soll es sogar noch aktive Fahrer geben, die ebenfalls mit Schmidt zusammengearbeitet haben sollen. Aufsehenerregende Enthüllungen werden in München nicht erwartet, obwohl der leitende Oberstaatsanwalt Kai Gräber vom spektakulärsten Verfahren spricht, das er im Dopingmetier bearbeiten durfte. Trotz der 145-seitigen starken Anklageschrift glaubt Gräber "nicht, dass derart neue Informationen bekannt werden, die eine neue Erschütterung des Radsports zur Folge haben könnten", wie er dem Radsportmagazin "tour" mitteilte.

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Spuren nach Slowenien

Ein wichtige Spur verfolgten die Ermittler in Richtung Slowenien. Im Zuge der Operation Aderlass wurden auch die beiden slowenischen Radprofis Kristijan Koren und Borut Bozic, der inzwischen als sportlicher Leiter tätig war, gesperrt. Es gibt möglicherweise weitere Verbindungen nach Slowenien. Die französische Tageszeitung "Le Monde" berichtete, dass auch eine mögliche Verwicklung des slowenischen Trainers und Managers Milan Erzen geprüft werde.

Erzen spielt eine zentrale Rolle im slowenischen Radsport. Unter anderem baute er das World-Tour-Team Bahrain-Merida (heute Bahrain-McLaren) auf, für das Bozic als sportlicher Leiter arbeitete. Erzen hat stets betont, er habe mit der Aderlass-Affäre nichts zu tun. Die UCI leitete ein Verfahren ein, um die Strukturen im slowenischen Radsport prüfen zu lassen. Ergebnisse gibt es bislang keine.

Roglic und Pogacar beteuern, sauber zu sein

Die Verbindungen der Operation Aderlass nach Slowenien berühren auch die Tour de France. Denn schließlich kommen die beiden Topfahrer dieser Tour, Primoz Roglic und Tadej Pogacar, aus dem kleinen Land. Beiden wird keine Verbindung zur Affäre Aderlass nachgesagt, und auch in Sachen Doping sind beide bisher nicht auffällig geworden. Andererseits ist die slowenische Radsportszene in dem knapp zwei Millionen Einwohner zählenden Land natürlich eng miteinander verwoben.

Erzen gilt als Entdecker von Roglic, der derzeit das Gelbe Trikot durch Frankreich trägt. In seiner Anfangszeit als Radprofi fuhr Roglic für das damals von Erzen geführte Adria-Mobil-Team. Nun muss er sich kritischen Fragen stellen - so wie jeder Fahrer, der die Tour de France anführt. "Ich bin sauber, Sie können mir vertrauen. Ich habe nichts zu verbergen", sagt er.

Viele Verbindungen im kleinen Slowenien

Pogacar fährt für das UAE-Team. Sein engster Vertrauter ist Andrej Hauptman, der slowenische Nationaltrainer und zeitweise sportliche Leiter bei Pogacars Mannschaft. Hauptman war vor dem Tour-Start 2000 ausgeschlossen, weil sein Hämatokritwert über 50 Prozent lag. Was damals - als der Stoff noch nicht nachweisbar war - als Hinweis auf EPO-Doping galt.

Pogacar beteuert wie Roglic, seine Attacken in den steilen Passagen aus eigener Kraft zu fahren. "Jeden, den Sie fragen, wird sagen: Ich bin sauber. Jeder muss es für sich selbst wissen", sagt Pogacar. "Ich war immer ein folgsamer Schüler - in jeder Hinsicht. Ich habe eine reine Weste."

Stand: 15.09.2020, 15:00

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