Politt geht bei der Tour de France auf Etappenjagd

Nils Politt

Kölner Radprofi hat freie Fahrt

Politt geht bei der Tour de France auf Etappenjagd

Von Michael Ostermann

Bei den Klassikern im Frühjahr ist Nils Politt endgültig in die Weltspitze gefahren. Bei der Tour de France gilt der Kölner Radprofi als Anwärter auf einen Etappensieg. Sein Team Katusha-Alpecin baut nicht nur dort auf ihn.

Noch bevor der Radsport sich aufmacht nach Brüssel zum Start der Tour de France, ist Nils Politt ein gefragter Mann. An manchen Tagen hat er zuletzt bis zu vier Interviews gegeben. Das kannte er vorher nicht. Zwei Mal ist Politt die Tour de France schon gefahren, aber in den Jahren zuvor wollte im Vorfeld kaum jemand etwas von ihm wissen. Doch nach seinen starken Auftritten bei den Frühjahrsklassikern Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix, bei denen er endgültig in die Weltspitze fuhr, gilt ihm verstärkte Aufmerksamkeit.

Kandidat für einen Tageserfolg

"Damit muss ich jetzt leben", sagt Politt im Gespräch mit sportschau.de. "Das ist die Bestätigung dafür, dass ich ein starkes Frühjahr gefahren bin, obwohl ich das selbst noch nicht richtig realisiert habe." Der Radprofialltag bietet keine Gelegenheit, innezuhalten. Es geht immer weiter. Nach einem arbeitsreichen Frühjahr und seinem starken zweiten Platz bei Paris-Roubaix Mitte April pausierte er lediglich zwei Wochen und startete dann binnen drei Tagen bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und Eschborn. Danach startete der Formaufbau für die Tour de France.

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Dort gilt er als Kandidat für einen Etappensieg auf jenen Abschnitten, in denen die Sprinter nichts bestellen können und an denen die Favoriten auf den Gesamtsieg kein Interesse haben. Auch deshalb ist das Interesse an ihm gestiegen. Denn viele deutsche Kandidaten für einen Tageserfolg gibt es diesmal nicht. John Degenkolb, Pascal Ackermann und Marcel Kittel sind aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei, André Greipel ist in die Jahre gekommen und zählt in den Sprints nicht mehr zu den Topfavoriten.

Politt plant nicht voraus

Maximilian Schachmann, noch so eine deutsche Radsportentdeckung des Frühjahrs, gilt neben Politt als potenzieller Kandidat, muss in seinem Team aber auch die Interessen von Peter Sagan bei dessen Jagd auf das Grüne Trikot und Emanuel Buchmann bei dessen Versuch, unter die Top Ten der Gesamtwertung zu fahren, berücksichtigen.

Politt dagegen kann frei agieren. Sein Team Katusha-Alpecin hat nach der vorzeitigen Vertragsauflösung von Marcel Kittel im Frühjahr weder einen Sprinter dabei, den man auf die Ziellinie geleiten, noch einen Fahrer für die Gesamtwertung, den man beschützen müsste. "Klar, ich werde auf Etappenjagd gehen", kündigt Politt an. "Das Team muss offensiv fahren und die Chancen nehmen. Etwas anderes bleibt uns ja auch nicht übrig."

Mit kölscher Mentalität

Auf dem Papier sehen die 8. und die 17. Etappe danach aus, als könnte eine Ausreißergruppe es bis ins Ziel schaffen. Doch Politt mag nicht planen. Das sei bei einer dreiwöchigen Rundfahrt, bei der Physis und Psyche großen Belastungen ausgesetzt sind, eh unmöglich, findet er. "Es bringt ja nichts, wenn ich sage: Die achte Etappe ist eine super Etappe, habe aber am siebten Tag schlechte Beine gehabt und fahre mich dann noch mehr kaputt", sagt Politt. "Das muss man auch aus dem Bauch entscheiden."

Nils Politt bei Paris-Roubaix

Nils Politt bei Paris-Roubaix

"Et kütt wie et kütt" – "Es kommt wie es kommt", heißt es in Köln, wo Politt am 6. März 1994 zur Welt kam. Heute lebt er unweit der Stadt in Hürth und fühlt sich seiner rheinischen Heimat eng verbunden. "Ich mag die offene Art, die Fröhlichkeit und dass die Menschen hier frei Schnauze reden, kein Blatt vor dem Mund nehmen", erzählt Politt und findet, dass er selbst die kölsche Mentalität in sich trägt. Er sei lebensfroh, lache oft. "Es hilft, wenn man mit sich im Reinen ist. Das bringt einen weiter."

Klassikerteam für Politt

Auch mit seinem Team ist er im Reinen. Anders als Marcel Kittel, der in den nicht einmal anderthalb Jahren, in denen er das Trikot von Katusha-Alpecin trug, nie angekommen ist in der einstmals skandalumtosten russischen Equipe, die inzwischen mit einer Schweizer Lizenz unterwegs ist. Anders als Politt, der im August 2015 als Stagiaire eine Art Praktikum bei Katusha absolvierte und anschließend für 2016 einen Vertrag erhielt. Seitdem war das Team in keine weiteren Skandale verwickelt. "Ich bin in dem Team groß geworden, sie haben mir Selbstvertrauen gegeben. Ich fühle mich wohl dort", erklärt Politt.

Der einstige Praktikant ist inzwischen längst zu einem der wichtigsten Fahrer für Katusha-Alpecin geworden. Sportdirektor Dirk Demol hat kürzlich angekündigt, dass man für die kommende Saison ein Klassikerteam um den 25-Jährigen herum aufbauen werde. "Das hat höchste Priorität und ich habe schon einige Namen im Kopf, die ich gerne ins Team holen möchte", sagte der Belgier der Webseite "cyclingnews.com". Politt habe sich das mit seinen Leistungen im Frühjahr redlich verdient.

Vater während der Tour

Politt selbst wird seinen Aufstieg in die Weltspitze wohl erst am Jahresende vollends realisieren. Auch wenn er daheim ab und an auf den kleinen Pflasterstein schaut, die Trophäe für seine beeindruckende Fahrt über das Kopfsteinpflaster nach Roubaix. An Silvester lasse er das Jahr und seine Saison in der Regel Revue passieren, sagt Politt.

Dann wird aber ein noch gewaltigerer Einschnitt in sein Leben eine noch größere Rolle spielen als seine Erfolge auf dem Rad. Politts Frau Annike erwartet ein Kind. Der Geburtstermin fällt in die Zeit der Tour. "Das ist der Job", sagt Politt. "Und die Tour de France ist das wichtigste Radrennen." Ein Etappensieg dort würde ihn sicher über die verpasste Geburt hinwegtrösten.

Stand: 03.07.2019, 10:17

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