Eddy Merckx - Kannibalismus bei der Tour de France

Eddy Merckx im Gelben Trikot bei der Tour de France 1969

Eddy Merckx - Kannibalismus bei der Tour de France

Eddy Merckx - Kannibalismus bei der Tour de France

Von Michael Ostermann

Mit dem Grand Départ in Brüssel ehrt die Tour de France Eddy Merckx. Der Belgier feierte vor 50 Jahren seinen ersten von insgesamt fünf Toursiegen. Merckx gilt als der größte Radsportler aller Zeiten.

Plötzlich ist er da, einfach aufgetaucht vor dem Rathaus von Woluwe-Saint-Pierre, einem Vorort von Brüssel. Die knapp 200 Leute, die sich dort auf dem Platz vor dem Backsteingebäude mit dem imposanten Turm versammelt haben, um ihn zu sehen und zu ehren, sind so perplex, dass sie gar nicht richtig jubeln können. Das kommt später.

Schon als Kind bekannt als "Tour de France"

Zunächst einmal schleppt sich Eddy Merckx begleitet von seiner Frau Claudine die Treppen zum Eingang hinauf und verschwindet im Gebäude, bevor er ein paar Minuten später gemeinsam mit dem Bürgermeister seinen offiziellen Auftritt hat. "Monsieur Eddy Merckx", ruft jemand in ein Mikrofon. Jetzt aber: großer Jubel. Merckx im dunkelblauen Blazer zur schwarzen Hose und einem blasshellblau-weiß gestreiftem Hemd winkt in die Menge.

Die Leute sind gekommen, um zu sehen, wie Merckx eine Ausstellung eröffnet, die seine Heldentaten als Radprofi feiert. Vor allem jene vor 50 Jahren bei der Tour de France 1969, die er damals zum ersten Mal gewann. Ein Pflichttermin, den Merckx sichtbar nur über sich ergehen lässt, während Bürgermeister Benoit Cerexhe enthusiastisch strahlend den "Cher Eddy", den "lieben Eddy", begrüßt.

Merckx ist in Woluwe-Saint-Pierre aufgewachsen. Einen kurzen Spaziergang vom Rathaus entfernt am Place des Bouvreuils steht das Haus, in dem seine Eltern einen kleinen Lebensmittelladen führten, über dem die Familie wohnte. Die Grünfläche auf dem ovalen Platz haben sie Mitte März in "Place Eddy Merckx" umbenannt und ein Denkmal enthüllt. "Tour de France" nannten sie den kleinen Eddy im Ort. Damals schon. Nicht ahnend, dass der Sohn ihrer Gemeinde einmal der größte Radsportler aller Zeiten werden würde.

Nur Krümel für die Konkurrenz

Eddy Merckx ist für den Radsport das, was Muhammed Ali für das Boxen, Pelé oder Diego Maradona für den Fußball sind - eine Legende, der Größte. 525 Radrennen hat Merckx in seiner Karriere gewonnen: fünf Mal die Tour de France, fünf Mal den Giro d’Italia, ein Mal die Spanien-Rundfahrt, drei Mal Weltmeister, sieben Mal Mailand-Sanremo, fünf Mal Lüttich-Bastogne-Lüttich, drei Mal Paris-Roubaix, je zwei Mal die Flandern-Rundfahrt und die Lombardei-Rundfahrt. Und das sind nur die wichtigsten Erfolge, bei den größten Radrennen der Welt.

Als Merckx 1969 seine erste Tour de France in Angriff nahm, galt er bereits als unschlagbar. Wie ein "Ein-Mann-Waldbrand", der alles verheerte, was in seinen Weg kam, sei der Belgier Mitte der sechziger Jahre über den Radsport gekommen, hat der italienische Radprofi und spätere Teammanager Giancarlo Ferretti einmal erklärt. Merckx wollte immer gewinnen, er war unersättlich. Und er gewann nicht einfach nur: Er zermalmte sein Konkurrenten, die nur die Krümel abbekamen, die Merckx übrig ließ, während er den Kuchen verschlang.

Positiver Test beim Giro d'Italia

Das war bei der Tour 1969 nicht anders. Zudem war Merckx noch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch angereist nach Roubaix, wo die Frankreich-Rundfahrt damals mit einem Zeitfahren begann. Nicht ganz vier Wochen zuvor war Merckx beim Giro d’Italia, den er unangefochten anführte, mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert und aus dem Rennen genommen worden. Dies sei "die größte Ungerechtigkeit" gewesen, die ihm während seiner Karriere widerfahren sei, hat Merckx soeben noch einmal im Vorwort für ein Buch über sein Jahr 1969 erklärt.

Tatsächlich ist die Geschichte bis heute ungeklärt. Der Anti-Dopingkampf steckte damals noch in den Anfängen. Die Umstände des positiven Tests auf das Stimulanzmittel Fencamfamine waren mehr als dubios und selbst nach damaligen Standards nicht zugelassen, was Verschwörungstheorien Vorschub leistete. Getestet wurde in einem mobilen, nicht akkreditierten Labor, die B-Probe geöffnet, ohne dass der Athlet über die positive A-Probe informiert, geschweige denn anwesend gewesen wäre.

Im Heimatort erstmals in Gelb

Merckx wurde in den Siebzigerjahren noch zwei Mal positiv auf Stimulanzien getestet. Kaum jemand ist gänzlich unbefleckt im Radsport. Aber 1969 hob der Radsportweltverband die einmonatige Sperre wegen Zweifeln an der Schuld des Angeklagten auf und ermöglichte damit dessen lang ersehnten ersten Tourstart. Das Rennen wurde zu einer Machtdemonstration. In Paris betrug Merckx’ Vorsprung auf den Zweiten Roger Pingeon fast 18 Minuten. Eine Marge, die seitdem niemand mehr erreicht hat. Zudem gehörten Merckx das Grüne Trikot des Punktbesten und er gewann den Preis des besten Bergfahrers.

Merckx belegte im Zeitfahren zum Auftakt den zweiten Rang hinter dem Deutschen Rudi Altig, dem er das Gelbe Trikot aber am Tag drauf entriss, als sein Team Faema das Mannschaftszeitfahren in seinem Heimatort Woluwe-Saint-Pierre gewann und sich der heutige Bürgermeister Cerexhe sein Autogramm sicherte. Danach gab Merckx das Maillot Jaune noch einmal vorübergehend ab, um es nach der 6. Etappe mit einem Etappensieg auf dem Ballon d’Alsace endgültig zu übernehmen. Als das Rennen in der dritten Woche die Pyrenäen erreichte, betrug sein Vorsprung bereits acht Minuten, doch der Hunger des "Kannibalen", wie Merckx bald genannt werden sollte, war noch nicht gestillt.

Legendäre Solofahrt in den Pyrenäen

Eddy Merckx bei der Tour 1969 auf dem Tourmalet

Die 17. Etappe der Tour de France 1969 gilt bis heute als eine der, wenn nicht als die legendärste Etappe in der Geschichte der Rundfahrt. Mit einer Attacke kurz vor dem Gipfel des Tourmalet schüttelte Merckx die Konkurrenz ab, die ihn zuvor am Col de Peyresourde vergeblich attackiert hatte. Merckx’ Antritt war der Beginn einer Solofahrt über 138 Kilometer, bei der er auch noch den dritten Giganten in den Pyrenäen, den Col d’Aubisque überqueren musste.

Das Ziel in Mourenx-Ville Nouvelle erreichte er mit fast acht Minuten Vorsprung vor den gedemütigten Konkurrenten, die sich nur noch in Galgenhumor flüchten konnten. "Jetzt wissen wir, warum er (Merckx) so viel frischer ist als wir. Er ist im Hotel und erholt sich, während wir die Etappe noch nicht beendet haben", sagte er Franzose Raymond Riotte.

Merckx wirkt müde

"Merckxissimo" überschrieb die Zeitung "L’Equipe", damals noch Veranstalter der Tour, ihren Bericht über das schier unfassbare Solo. Genau so heißt jetzt jene Ausstellung, die Merckx an seinem 74. Geburtstag Mitte Juni in Woluwe-Saint-Pierre eröffnet. Merckx wirkt müde. Die vielen Selfies, die vielen Hände, die er schütteln muss, die Treppen im Rathaus, das alles strengt ihn an. Eher flüchtig besieht er sich die ausgestellten Exponate und verschwindet bald durch die Tiefgarage.

Merckx und seinem ersten Gesamtsieg vor 50 Jahren widmet die Tour de France in diesem Jahr ihren Grand Départ mit zwei Etappen in Brüssel, deren Strecken auch durch Woluwe-Saint-Pierre führen werden. Deswegen die Ausstellung, deswegen die vielen öffentlichen Auftritte. Seine Karriere als Radprofi beendete Merckx 1978, physisch und psychisch ausgelaugt nach mehr als zehn Jahren, in denen er fast das ganze Jahr Rennen bestritt und immer gewinnen wollte. Jetzt scheint ihn sein Dasein als "Jahrhundertsportler" ebenso an seine Grenzen zu bringen.

Stand: 29.06.2019, 10:00

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