Vier Tests sollen die Hygieneblase der Tour sichern

Warren Barguil  (l.) und Mikel Landa unterhalten sich vor dem Start der 2. Etappe der Dauphine-Rundfahrt

Frankreich-Rundfahrt

Vier Tests sollen die Hygieneblase der Tour sichern

Von Tom Mustroph

Auch die Tour de France setzt im Kampf gegen das Coronavirus auf eine Hygieneblase. Vor der Tour und an den Ruhetagen soll getestet werden. Gewissheit bietet das nicht. Für Probleme könnten falsche Positiv-Tests sorgen.

Mit geschlossenen Systemen kennt sich die Radsportbranche bestens aus. Aus den Pneus soll die Luft nicht entweichen, die Kraft soll effektiv auf die Pedale kommen und einen Abfluss von Wissen über die Effekte, die Wundermittel wie Ketone auf die Erholungsfähigkeit des Körpers haben, versucht man ebenfalls zu verhindern. Die aktuell größte Herausforderung für die Rennställe liegt aber darin, die Hygieneblase, die sie um sich für die Tour de France bauen, Covid-19-frei zu halten.

Vier PCR-Tests geplant

Die Blasen werden laut aktuellem Sicherheitskonzept von Tour-de-France-Ausrichter ASO und Weltradsportverband UCI durch vier PCR-Tests gebildet. Sechs und drei Tage vor Rennbeginn sowie an Tag 10 und 17 des Rennens selbst, den beiden Ruhetagen. Wer positiv getestet wird, muss umgehend die Blase verlassen und sich in Quarantäne begeben. Das gilt auch für die unmittelbaren Kontaktpersonen.

Im Vorfeld der Tour passierte dies mehrfach, zuletzt bei Team Ineos von Titelverteidiger Egan Bernal. Teamkollege Leonardo Basso wurde positiv getestet und von den italienischen Meisterschaften abgezogen. Seine drei Mitstreiter Gianni Moscon, Filippo Ganna und Salvatore Puccio wurden ebenfalls in Quarantäne gesteckt. Sie hatten gemeinsam die Strecke erkundet. Alle vier waren aber nicht in der engeren Auswahl für die Tour.

Positiv getestet wurden auch Fahrer der Rennställe AG2R, Astana und Israel Start-Up-Nation. Das legt den Schluss nahe: Das Virus ist gegenwärtig im Umlauf im Radsport. Und es ist gut, dass getestet wird. Denn alle positiv getesteten Fahrer waren nach Auskunft ihrer Teams asymptomatisch. Ohne die vorgeschriebenen Tests wäre ihre Infektion also möglicherweise gar nicht erkannt worden - und sie hätten vielleicht Kollegen, Betreuer und Familienmitglieder angesteckt. Dank der Tests wurde eine potentielle Infektionskette unterbrochen.

Hohe Kosten für die Teams

Allerdings sind diese Tests nicht billig. 60 bis 90 Euro kostet gegenwärtig ein Abstrichtest. "Allein für die laufende Saison rechne ich mit 50.000 bis 100.000 Euro an zusätzlichen Kosten wegen der Hygienemaßnahmen", meint Ralph Denk, Chef des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe, zur Sportschau. Mehr Geld erhält er von seinen Sponsoren dafür nicht. In anderen Bereichen wie Weiterbildung der sportlichen Leiter oder Materialentwicklung wird gespart.

Viel Aufwand also. Und es ist nicht einmal sicher, dass diese Maßnahmen auch das gewünschte Ziel erreichen. Die Zeitspanne zwischen dem zweiten und dritten Test bei der Tour, also drei Tage vor dem Start bis zum ersten Ruhetag, beträgt 13 Tage. Da kann sich eine Virusinfektion voll entwickelt und auch über viele Personen ausgebreitet haben. Sogar mitten in der Hygieneblase. Wie gut sich Tröpfchen in Atemwolken in einem Peloton verteilen können, untersuchte der belgische Physiker Bert Blocken bereits im Frühjahr in einer so umfangreichen wie kontrovers diskutierten Aerodynamikstudie.

Blocken stellte danach auch andere coronarelevante Forschungen an. Er untersuchte, wie die Be- und Entlüftung im Teambus vom Rennstall Jumbo Visma gestaltet sein muss, um dort die Aerosolkonzentration - und damit die Ansteckungsgefahr - deutlich zu reduzieren. Der Bus von Top-Favorit Primoz Roglic dürfte also eine recht sichere Zone sein. Um das Infektionsrisiko aber auch während des Rennens gering zu halten, schlug Blocken gegenüber der Sportschau tägliche PCR-Tests für Fahrer und Betreuer vor. Das würde die Blase auch im Inneren schützen.

Es wäre aber auch teurer. Und logistisch sehr anspruchsvoll. Die Teams sind fast jeden Tag an einem anderen Ort, und in den gleichen Hotels sollten sie wegen Corona auch nicht sein. Testen an den Renntagen bedeutete auch eine weitere Unterbrechung der Regeneration. Wie man es dreht, es bleibt komplex.

Keine absolute Gewissheit durch Tests

Absolute Gewissheit ist bei den Tests ohnehin nicht zu erreichen. Klinisch geht man derzeit von einer etwa 98-prozentigen Sensitivität die PCR-Tests aus. Das bedeutet, von 100 Infektionen werden 98 erkannt - und zwei nicht. In der Praxis liegen die Werte darunter. Eine Madrider Forschergruppe wertete die Befunde von insgesamt 12.057 infizierten Personen aus China, Singapur, Europa und den USA aus. 1.060 dieser Infektionen wurden beim ersten Test gar nicht erkannt. Fast neun Infektionen von 100 wurden zumindest beim ersten Test also nicht erkannt.

Das andere Problem sind die falsch-positiven Ergebnisse. Ein Ringversuch der deutschen Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung von medizinischen Laboratorien ergab im April eine Spezifität von 97,8 bis 98,6 Prozent. Das bedeutet, dass von 100 nicht infizierten Proben ein bis zwei fälschlicherweise als positiv eingestuft werden. Allerdings kann hier die Genauigkeit der Tests erheblich verbessert werden, indem zwei Genregionen des Virus in einer Probe nachgewiesen werden . Beim großen deutschen Laborverbund Bioscientia zum Beispiel, das dieses Dual-Targeting-Prinzip einsetzt, geht man von einer 99,99-prozentigen Wahrscheinlichkeit aus, einen korrekten positiven Befund zu liefern, teilte ein Sprecher mit.

Drei falsche Positiv-Tests im Radsport bekannt

Die Frage ist nun, nach welchem Prinzip wird bei der Tour getestet - und wie geht man mit Ergebnissen um, die keinen eindeutigen Befund liefern? Das Management von solchen Ergebnissen ist von entscheidender Bedeutung. Schwach-positive oder fragliche Befunde könnten die Ursache der bisher bekannt gewordenen drei falsch-positiven Fälle sein. Betroffen waren Omer Goldstein (Israel Start Up Nation), Sylvan Dillier (AG2R) und Hugo Houle (Astana). Bei allen folgten auf einen positiven Test mehrere Nachtests, die negativ waren. Von Rennen wurden sie dennoch abgezogen, teilweise mussten auch Mannschaftskollegen, die mit ihnen trainiert hatten, in Quarantäne.

Bei den Tour-de-France-Rennställen sorgt dies für Alarmstimmung. "Ich habe Angst davor, dass große Stars des Sports das Rennen wegen eines falsch-positiven Tests verlassen müssen", sagte Bora-Chef Denk der Sportschau. Vier Tests pro Person gibt es vor und während der Tour, 30 Personen umfasst die Teamblase. Das macht 120 Tests. "Bei nur einem Prozent falsch-positiver Tests bedeutet dies bei der Anzahl der Tests, die allein mein Rennstall vornehmen muss, rein statistisch mindestens einen falsch-positiven Fall während der Tour", bezieht sich Denk auf die Ergebnisse des Ringtests. Nimmt man die Erkenntnisse des Ringtests ernst, muss Denk einen falsch-positiven Fall seiner Tourabordnung also schon allein wegen der Fehlermarge der Tests einkalkulieren. Bei Hochrechnungen dieser Art muss man allerdings auch vorsichtig sein. Im Ringtest waren 463 Laboratorien aus 34 Ländern beteiligt, die unterschiedlichste Verfahren einsetzten. Welche Tests die Tour vornimmt, teilte Veranstalter ASO bislang nicht mit, auch nicht, ob es sich dabei um Dual-Target-Tests, also Testverfahren in unterschiedlichen Genregionen, handelt. Hier braucht es Präzision. Denn bei einem zweiten positiven Fall im Team wird der ganze Rennstall ausgeschlossen. So steht es im 18-seitigen Hygiene-Papier der ASO. "Um das Risiko der falsch-positiven Tests zu reduzieren, müsste es bei positiven Fällen die Möglichkeit einer B-Probe geben", fordert daher Denk. Das ist aber gegenwärtig nicht geplant.

Stand: 25.08.2020, 19:38

Darstellung: