Die Tour de France feiert 100 Jahre Gelbes Trikot

Das alte gelbe Trikot von Jaques Marinelli

Gepriesenes Kleidungsstück

Die Tour de France feiert 100 Jahre Gelbes Trikot

Von Michael Ostermann

Bei der Tour de France 1919 wurde erstmals ein Gelbes Trikot vergeben. Der erste Träger des Maillot Jaune war nicht begeistert. Doch heute ist das Gelbe Trikot das begehrteste Kleidungsstück im Weltsport.

Eugène Christophe war nur mäßig begeistert, als der autoritäre Tourdirektor Henry Desgrange ihn am Morgen des 19. Juli 1919 aufsuchte. Desgrange drückte dem Gesamtführenden der Tour de France ein gelbes Hemd in die Hand, das dieser auf der 11. Etappe von Grenoble nach Genf tragen sollte. Christophe fand das keine gute Idee. Denn damit sei er ja für seine Konkurrenten jederzeit gut sichtbar, was ihm im Rennen seiner taktischen Möglichkeiten berauben würde, argumentierte der Franzose. Zudem befürchtete er, dass man ihn als "Kanarienvogel" verspotten werde.

Mythen, Dramen, Tragödien

Christophe sollte in beiderlei Hinsicht recht behalten, aber Widerspruch war zwecklos. Desgrange wollte, dass auch das Publikum den Gesamtführenden seines Rennens vom Straßenrand aus schnell ausmachen konnte. Und so wurde Eugène Christophe zum ersten Träger des Maillot Jaune, des Gelben Trikots. Was Christophe damals so unwillig überstreifte, ist heute "eines der größten Symbole in der Geschichte des Sports geworden", wie der aktuelle Tourdirektor Christian Prudhomme im offiziellen Programm der Tour de France 2019 erklärt. Tatsächlich hat kein anderes Kleidungsstück im Sport eine derartige Bedeutung.

Eddy Merckx, Marcel Kittel im Gelben Trikot

100 Jahre gibt es das Gelbe Trikot nun also schon. Und die Tour wäre nicht die Tour, wenn sie das nicht ganz groß feiern würde. Die 106. Ausgabe es bedeutendsten Radrennens der Welt steht ganz im Zeichen der Feierlichkeiten für das begehrteste Trikot des Radsports. Jeden Tag wird es ein individuell gestaltetes Maillot Jaune für den Gesamtführenden geben. Darauf abgebildet ist dann entweder ein legendärer Ort der Tour oder das Konterfei von einem der vier fünfmaligen Toursieger: Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Indurain.

Wohl um kein anderes Kleidungsstück ranken sich so viele Mythen, Dramen, Tragödien, Heldengeschichten und Anekdoten wie um das Gelbe Trikot. Es ist der Stoff aus dem die Kindheitsträume der späteren Radprofis gemacht waren und sind. Auch der junge Eddy Merckx träumte in seiner Jugend davon. Später trug er das Maillot Jaune an 96 Tagen, so oft wie kein anderer Radprofi.

Pures Glück im Gelben Trikot

Eddy Merckx, Marcel Kittel im Gelben Trikot

Doch schon ein einziger Tag in Gelb reicht für das pure Glück: Man muss sich dafür nur an das Gesicht von Marcel Kittel erinnern, der zum Auftakt der 100. Tour de France 2013 die erste Etappe im Sprint gewann und damit auch der erste Gesamtführende war. Er strahlte selbst noch, als er am Tag darauf in Gelb gekleidet am Berg abgehängt wurde, und genoss seinen Moment auf dem Gipfel des Radsports sichtbar in vollen Zügen. "Es war, als hätte ich Gold auf meinen Schultern", sagte er damals.

Kittel ist einer von 15 deutschen Fahrern, die in den vergangenen 100 Jahren das Gelbe Trikot getragen haben. Der erste war Kurt Stöpel 1932, der bislang letzte Tony Martin 2015. Jan Ullrich trug Gelb an 17 Tagen. So oft wie kein anderer deutscher Radprofi. Aber vor allem trug er das Gelbe Trikot 1997 als bis heute einziger Deutscher bis nach Paris und wurde Toursieger. Heute ist er ein gefallener Held mit seinem eigenen Lebensdrama.

Besondere Kräfte wegen Gelb?

Lance Armstrong

Das Gelbe Trikot, so heißt es, verleiht besondere Kräfte. Doch mit den besonderen Kräften im Radsport ist das so eine Sache. Das strahlend gelbe Trikot, das wenige Monate nach dem 1. Weltkrieg zum ersten Mal vergeben wurde, und - wie Tourdirektor Prudhomme mit dem ihm eigenen Pathos behauptet - damals "Glanz in einer graue Zeit" gebracht habe, hat längst selbst tiefdunkle Flecken bekommen. Der Grund dafür ist Doping, das die Tour seit frühesten Zeiten begleitet. Lance Armstrong trug das Maillot Jaune an 83 Tagen und ließ sich sieben Mal in Paris als Toursieger feiern. Der Amerikaner ist, nachdem sein jahrelanges, systematisches Doping öffentlich wurde, aus den Annalen gestrichen worden.

Wegen Dopings annulliert wurden auch die Toursiege von Floyd Landis (2007), Alberto Contador (2010). Der Däne Bjarne Riis, Toursieger von 1996, gestand 2007 ebenfalls, bei seinem Sieg gedopt gewesen zu sein und erklärte, man könne sein Gelbes Trikot aus seiner Garage holen kommen, es bedeute ihm nichts. Riis, Armstrong und die anderen Doper sind es, an die Prudhomme denken wird, wenn er erklärt, manch einer der bis heute 266 Träger des Gelben Trikots habe "nicht geglaubt, dass er das Maillot Jaune respektieren muss".

Gelb bringt Christophe kein Glück

Eugène Christophe übrigens brachte das erste Gelbe Trikot kein Glück. Er trug es bis zum vorletzten Tag der Tour 1919, dann brach ihm, wie schon 1913 am Tourmalet, seine Vordergabel, was ihn eine Stunde Zeit kostete. Der erste Toursieger in Gelb war deshalb ein gewisser Firmin Lambot. Aber dessen Abbild wird auf der Sonderkollektion 2019 nicht zu finden sein. Das von Christophe dagegen schon. Am 19. Juli wird es der Gesamtführende beim Zeitfahren rund um Pau tragen und vermutlich sehr glücklich darüber sein.

Stand: 28.06.2019, 15:00

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