Tour de France ohne Froome und Thomas: eine logische Entscheidung

Froome und Thomas verzichten auf Tourstart - der Kommentar

Tour de France

Tour de France ohne Froome und Thomas: eine logische Entscheidung

Von Michael Ostermann

Das Team Ineos verzichtet bei der Tour de France auf den viermaligen Sieger Christopher Froome und den Tousieger von 2018, Geraint Thomas. Eine Überraschung ist das nicht. Die Entscheidung folgt der teaminternen Logik. Ein Kommentar.

Im Finale der ersten Etappe der gerade zu Ende gegangenen Dauphiné-Rundfahrt nahm die Motorradkamera den viermaligen Toursieger Christopher Froome in den Fokus. Die Favoriten kämpften auf dem 3,3 Kilometer langen Anstieg kurz vor dem Ziel um die besten Plätze, aber Froome war dabei zu sehen, wie er den Anschluss verpasste und dabei gelassen gestikulierend mit einem Teamkollegen diskutierte.

Froomes Sturz wirkt nach

Die Szene wirkte, als ahne der Brite schon, was sein Team Ineos nun verkündet hat. Froome gehört nicht zum achtköpfigen Ineos-Aufgebot bei der am 29. August beginnenden Tour de France. Jenem Rennen, das er 2013, 2015, 2016 und 2017 dominierte und im Gelben Trikot in Paris beendete. Nicht in Frankreich dabei sein wird auch Geraint Thomas, der 2018 die Tour für Ineos gewann, weil Froome es vorgezogen hatte, beim Giro d’Italia zu triumphieren.

Auf den ersten Blick mag die Entscheidung, gleich zwei Toursieger zuhause zu lassen, überraschen. Doch sie folgt der Logik, die Teamchef Sir Dave Brailsford seit der Gründung des Teams 2011 unter dem Namen Sky verfolgt und die man auf die kurze Formel bringen kann: Ratio vor Emotion. Deshalb ist die Entscheidung, Froome und Thomas nicht zu nominieren, nachvollziehbar.

Christopher Froome hat nach seinem schweren Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt 2019 noch nicht wieder die Form erreicht, die es braucht, um bei einer dreiwöchigen Rundfahrt mit den Besten mitzufahren. Dass er nach diesem fatalen Unfall mit schweren Verletzungen und einem halben Jahr Pause überhaupt wieder zurückgekehrt ist, ist schon eine enorme Leistung. Aber ihm fehlt die Rennpraxis. Die von der Corona-Pandemie erzwungene Rennpause im Frühjahr hat einen gezielten Aufbau zusätzlich erschwert.

Starke Konkurrenz von Jumbo-Visma

Gleiches gilt für Geraint Thomas, der in den vergangenen Wochen bei der Tour de l’Ain und der Dauphiné nicht den Nachweis erbringen konnte, in der nötigen Verfassung zu sein für das wichtigste Radrennen der Welt. Zweifel an seiner Form hatte es zwar auch im vergangenen Jahr schon gegeben, und Thomas beendete die Tour de France dennoch auf Rang zwei. Doch dass so etwas diesmal wieder möglich ist, scheint ausgeschlossen.

Das Team Ineos kennt zweifelsohne die Leistungsdaten seiner Fahrer und wird auf dieser Grundlage entschieden haben. Teamchef Brailsford deutet das an, wenn er nun erklärt, man habe genau analysiert, wie man in diesem Jahr am besten die Tour gewinnen könne.

Teil dieser Analyse wird auch der Blick auf die Konkurrenz, namentlich das Team Jumbo-Visma gewesen sein. Die niederländische Equipe hat schon im vergangenen Jahr angedeutet, dass sie in der Lage sein könnte, die jahrelange Vormachtstellung von Brailsfords Team zu durchbrechen. Dieser Eindruck hat sich in den vergangenen Wochen noch verschärft, als Jumbo-Visma um den Vuelta-Sieger Primoz Roglic und den Girosieger von 2017 Tom Dumoulin die Konkurrenz beherrschte, wie es sonst Ineos getan hatte.

Bernal der alleinige Chef

Dort setzt man jetzt ganz auf Egan Bernal, den Vorjahressieger der Tour de France. Dem 23 Jahre alten Kolumbianer gehört die Zukunft bei Ineos. In die Tour de France geht er nun mit einer ganz auf ihn zugeschnittenen, starken Helfergruppe, zu der auch der Girosieger des Vorjahres Richard Carapaz gehört, und die in der Lage sein sollte dagegen zu halten, wenn Jumbo-Visma den Angriff wagt.

Daran, dass Bernal das Team anführt, besteht nun kein Zweifel mehr. Wären Froome und Thomas Teil des Kaders, hätte das zumindest in der Öffentlichkeit in Zweifel gezogen werden können. Allein deshalb, weil sie das Rennen schon gewonnen haben.

Auch die Frage ob vor allem Froome bedingungslos loyal geblieben wäre, hätte zumindest im Raum gestanden. Denn der 35-Jährige, der sich so gerne mit einem fünften Toursieg auf eine Stufe mit Miguel Indurain, Bernard Hinault, Eddy Merckx und Jaques Anquetil stellen würde, wechselt im kommenden Jahr zum Team Israel Start Up Nation. Auch, weil man ihm diesen ersehnten fünften Toursieg bei Ineos nicht mehr zutraut und stattdessen lieber auf Bernal setzt. Wahrscheinlich haben sie sogar recht damit.

Die Entscheidung zwei renommierte Radprofis - zwei ehmalige Toursieger - daheim zu lassen, mag eiskalt sein. Aber wenn Ineos die Tour de France zum achten Mal seit 2012 gewinnen will, ist sie absolut nachvollziehbar.

Stand: 19.08.2020, 12:55

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