1949: Fausto Coppi gewinnt das Giro-Tour-Double

Fausto Coppi 1949  bei der Ehrenrunde der Tour de France

Italiener Radsport-Legende

1949: Fausto Coppi gewinnt das Giro-Tour-Double

Von Michael Ostermann

Vor 70 Jahren gelang Fausto Coppi ein historischer Erfolg. Als erster Fahrer in der Geschichte gewann Coppi den Giro d'Italia und die Tour de France im selben Jahr. Dabei wollte er die Tour schon aufgeben.

Schon am fünften Tag hatte der "Campionissimo" keine Lust mehr. Am liebsten wäre er direkt vom Rad gestiegen, hätte seine Sachen gepackt, um zurück nach Italien zu fahren. Und die Radsport-Geschichte, die Geschichte des Fausto Coppi, wäre eine andere gewesen. Es bedurfte der ganzen Überredungskunst des italienische Teamleiters Alfredo Binda, einst selbst ein großer Champion auf dem Rad, um Coppi zum Weiterfahren zu überreden. Hätte Binda versagt, hätte Coppi die Tour de France 1949 nicht gewonnen und wäre vermutlich auch nicht der erste Radsportler gewesen, der das Double aus Giro- und Toursieg im selben Jahr geschafft hat.

Coppi stürzt und muss warten

Der 5. Juli 1949 sei darum ein Wendepunkt im Leben des Fausto Coppi gewesen, schreibt der britische Journalist William Fotheringham in seiner Biographie über die italienische Radsport-Legende. Erst dadurch sei er zu jenem "formidablen Wettkämpfer" geworden, den man bis heute verehrt. An jenem brütend heißen Tag war Coppi auf der 243 Kilometer langen 5. Etappe der Tour von Rouen nach St. Malo gemeinsam mit dem Franzosen und Träger des Gelben Trikots, Jaques Marinelli, ausgerissen. 160 Kilometer vor dem Ziel passierte das Duo den Ort Mourien, als Marinelli beim Versuch eine von einem Zuschauer dargebotene Flasche zu greifen, stürzte und Coppi mit zu Boden riss.

Während Marinelli bald weiterfuhr, musste der Italiener ewig auf sein Ersatzrad warten. "Ich fahre nach Hause", erklärte Coppi. Im Ziel hatte er 19 Minuten Rückstand auf den Etappensieger Ferdi Kübler aus der Schweiz und in der Gesamtwertung lag er bereits 37 Minuten hinter dem Gelben Trikot zurück. Den ganzen Abend bemühten sich Binda und die Teamkollegen, Coppi zum Weitermachen zu überreden. Was letztlich den Ausschlag gab, dass Coppi am kommenden Tag am Start der 6. Etappe stand, ist unklar. Aber was in den Tagen darauf folgte, begründete den Mythos Coppi.

Stichtag: Der 1960 verstorbene Radrennfahrer Fausto Coppi

Sportschau 25.06.2019 04:31 Min. Das Erste

Coppi begründet den modernen Radsport

Mit Fausto Coppi, geboren vor 100 Jahren am 15. September 1919, beginnt der moderne Radsport: Sein systematisches Training, seine bewusste Ernährung, das Interesse für Details und optimales Material, die Art und Weise, wie er seine Helfer taktisch im Rennen einsetzte, das alles diente späteren Größen des Sports als Blaupause. Coppi experimentierte auch mit leistungssteigernden Substanzen. Doping war zu seiner Zeit noch nicht verboten, also überließ er auch dabei nichts dem Zufall. Dass er Aufputschmittel nahm, verschwieg er auch nicht.

Zu seiner ersten Tour de France 1949 kam Coppi nicht als Unbekannter. Schon 1940 hatte er im Alter von gerade 20 Jahren den Giro d’Italia gewonnen, bevor der zweite Weltkrieg seine Karriere vorerst stoppte. Seinen zweiten Girosieg feierte er sieben Jahre nach seinem ersten Triumph. Den dritten Erfolg beim Giro hatte er wenige Wochen vor dem Start der Tour 1949 eingefahren. Die meisten seiner Siege hatte er bis dahin in seiner Heimat gefeiert. Sein Sieg beim Klassiker "Het Volk" in Belgien war der bis dahin einzige Erfolg bei einem wichtigen Rennen außerhalb Italiens.

Coppi und Bartali - Konkurrenten in einem Team

Fausto Coppi (l.) bei der Tour de France 1949

Nun war Coppi erstmals bei der Tour de France am Start. Doch das Rennen behagte ihm nicht. Während er in Italien mit seinem Bianchi-Team die Dinge kontrollierte, musste er in Frankreich mit einer Nationalmannschaft zurechtkommen, in der sich auch noch sein großer Rivale Gino Bartali, der Toursieger von 1938 und 1948 befand. Im Vorfeld hatten die beiden bei einem Gipfeltreffen mit Binda eine schriftliche Erklärung unterschrieben, dass sie sich gegenseitig unterstützen würden. Dennoch beäugten sich Coppi und Bartali misstrauisch.

Auf der Straße jedoch gab es jedoch bald schon keinen Zweifel daran, wer von den beiden der Stärkere war. Coppi gewann das Zeitfahren der 8. Etappe von Les Sales d’Olonne nach La Rochelle und holte sich acht Minuten des Rückstands auf das Gelbe Trikot zurück. In den Pyrenäen verkürzte er den Rückstand auf knapp über 13 Minuten. Die Entscheidung würde in den Alpen fallen.

Spielchen am Anstieg zum Izoard

Auf der 275 Kilometer langen 16. Etappe von Cannes nach Briançon erreichte die Rivalität zwischen Bartali und Coppi einen weiteren Höhepunkt. Die beiden hatten sich gemeinsam abgesetzt und am Col d’Izoard bereits einen großen Vorsprung vor dem Feld herausgefahren. Dann aber - so schilderte es Binda später - verlangsamte das Duo das Tempo. Wohl aus Furcht, der andere würde von der gemeinsamen Sache profitieren. Ein Szenario, dass Coppi und Bartali im Vorjahr schon um den WM-Titel gebracht hatte. Wieder musste Binda Überzeugungsarbeit leisten. Bartali gewann schließlich die Etappe und übernahm das Gelbe Trikot, Coppi als Zweiter hatte nur 1:22 Minuten Rückstand.

Auf der 17. Etappe von Briançon nach Aosta war es erneut Coppi, der das Tempo am Col d’Iseran forcierte, wieder konnte nur Bartali folgen. Auf der Abfahrt vom Großen St. Bernhard hatte Bartali einen Platten und kam, nachdem er den Reifen gewechselt hatte, auch noch zu Fall. Bis heute ist umstritten, ob er seinem jüngeren Landsmann daraufhin freie Fahrt gab. Obwohl Bartali selbst später erklärte, er habe nur daran gedacht, dass ein Italiener in Italien gewinnen müsse und Coppi deshalb aufgefordert habe, nicht auf ihn zu warten.

Demonstration im Zeitfahren

Coppi jedenfalls gewann die Etappe und übernahm die Gesamtführung. Das Gelbe Trikot gab er anschließend nicht mehr her. Seine Überlegenheit demonstrierte Coppi im 137 Kilometer langen Zeitfahren von Colmar nach Nancy am vorletzten Tag, bei dem er Bartali rund acht Minuten hinter sich ließ. Coppi gewann die Tour am Ende mit mehr als zehn Minuten Vorsprung auf seinen Rivalen. Der Rückstand des Gesamtdritten Marinelli betrug 29:13 Minuten. Seit St. Malo hatte der Franzose mehr als eine Stunde auf Coppi verloren.

Dessen Sieg war ein historisches Ereignis. Erstmals war einem Fahrer im selben Jahr der Gesamtsieg beim Giro d'Italia und der Tour de France gelungen. 1952 sollte Coppi das Double noch einmal schaffen, das seitdem nur noch sechs Fahrern überhaupt gelang: Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Stephen Roche, Miguel Indurain und Marco Pantani.

Früher Tod an Malaria

Fausto Coppi im offenen Sarg

Früher Tod: Fausto Coppi starb im Alter von 40 Jahren

Coppi wurde mit dem Double zum endgültig gefeierten Superstar nicht nur in Italien. Dort aber wurde er fast religiös verehrt. Zu den vielen tausenden Coppi-Fans gehörte auch Enrico Locatelli, ein Arzt aus Varese, dessen Frau Giulia schließlich ein Verhältnis mit dem ebenfalls verheirateten Radprofi begann. Der doppelte Ehebruch sorgte im tiefkatholischen Italien für einen Skandal, der heute ebenso zur Legende Coppi gehört, wie seine Siege auf dem Rad.

Der "Campionissimo" starb am 2. Januar 1960 im Alter von nur 40 Jahren an einer Malaria-Infektion. Auch dieser frühe Tod hat dazu beigetragen, dass Fausto Coppi zu jenem mythischen Helden geworden ist, der bis heute gefeiert wird. Auch in Frankreich, wo der Tour-Tross in diesem Jahr am Col d’Izoard sein Denkmal passiert.

Stand: 30.06.2019, 10:00

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