Kommentar: Die WTA und ihr mutiger Alleingang gegen Chinas Diktatur

Die Chinesin Peng Shuai gilt als vermisst.

Der Fall Peng Shuai

Kommentar: Die WTA und ihr mutiger Alleingang gegen Chinas Diktatur

Von Jörg Strohschein

Im Fall der vermissten Tennisspielerin Peng Shuai nimmt der Chef der Frauenvereinigung WTA, Steve Simon, eine klare Haltung gegenüber China ein. Das ist dringend nötig und sollte Schule machen.

Man hatte sich fast schon daran gewöhnt, dass die Antworten von Sportverbänden in Richtung China vor allem eines sind: äußerst vorsichtig. Nicht zuletzt wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Nur nicht zu laut protestieren. Schließlich geht es meist um viel Geld.

Im Fall der Tennisspielerin Peng Shuai scheint sich das Blatt nun aber zu wenden. Die 35-Jährige ist nach ihren im Internet geäußerten Vorwürfen eines sexuellen Übergriffs gegen sie durch den ehemaligen Vizepremier Zhang Gaoli seit Tagen verschwunden.

Steve Simon, Chef der Spielerinnen-Organisation WTA, wagt es nun ausdrücklich, sich gegen den Kommunikationsapparat der Chinesen aufzulehnen - und diesem in öffentlichen Statements keinen Glauben zu schenken.

Er zweifelt die Echtheit einer Mail an, die angeblich von Peng Shuai selbst an die WTA geschickt wurde und in der die Spielerin vermeintlich versichert, dass es ihr gut geht. In den chinesischen Führungsetagen dürfte Simon das nicht viel Sympathie einbringen.

Fernab von Lippenbekenntnissen

Noch viel eindrucksvoller ist Simons Ankündigung am Donnerstag via CNN: "Wir sind definitiv dazu bereit, unsere Aktivitäten zu beenden, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Weil das größer als das Geschäft ist. Frauen müssen respektiert und nicht zensiert werden." Eine Botschaft, die es an Schärfe und Klarheit in sich hat.

Zum einen geht es angeblich um über eine Milliarde Dollar, die China bis zum Ende des Jahrzehnts als Teil eines Zehn-Jahre-Vertrags in das professionelle Frauentennis im Reich der Mitte investieren wollte, wie Simon selbst kürzlich erklärte. Eine gigantische Summe, auf die viele im Profitennis nur ungern verzichten möchten.

Zum anderen und noch deutlich eindrucksvoller sendet Simon das Signal aus, dass sich hier jemand aus der großen Tennisfamilie ernsthaft um eines seiner Mitglieder kümmert und damit seine Fürsorgepflicht wahrnimmt.

Fernab von den sonst üblichen Allgemeinplätzen und Lippenbekenntnissen von Sportfunktionären nimmt Simon China in die Pflicht. Er fordert einen eindeutigen Beweis, dass die ehemalige Weltklassespielerin Peng Shuai unversehrt und frei von Repressalien leben kann.

Auch die Vereinten Nationen haben China aufgefordert, Angaben zum Verbleib und Gesundheitszustand von Peng Shuai zu machen. "Es wäre wichtig, einen Beleg für ihren Aufenthaltsort und ihr Wohlbefinden zu haben", sagte die Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Liz Throssell.

Das IOC schweigt

Vor diesem Hintergrund dröhnt das Schweigen des Internationalen Olympischen Kommitees (IOC) und dessen Präsidenten Thomas Bach nur noch lauter. Die Hüter der Ringe werden in Sonntagsreden nicht müde zu betonen, dass ihr Tun vor allem dem Wohle der Athletinnen und Athleten diene. Doch wenn es - wie im Fall der dreimaligen Olympia-Teilnehmerin Peng Shuai - darauf ankäme, verstummen das IOC und Thomas Bach.

Der Sportfunktionär Simon hat es mit seiner Klarheit geschafft, dass China sich zu diesem Fall nun verhalten muss - und dass ein schweigendes Aussitzen nicht mehr ausreichen wird.

Chinesische Tennisspielerin Peng Shuai bleibt vermisst Sportschau 18.11.2021 02:53 Min. Verfügbar bis 18.11.2022 Das Erste

Stand: 19.11.2021, 15:52

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