Tennis-Spielerin Tatjana Maria bei den Australian-Open 2022

Schwerpunktwoche | Frauen im Sport Tatjana Maria - nach zweitem Kind wieder auf dem Weg in die Weltspitze

Stand: 21.03.2022 18:30 Uhr

Tatjana Maria kämpft sich nach der Geburt ihrer zweiten Tochter zurück in die Weltspitze des Profitennis. Im Sportschau-Interview spricht sie über ihre Schwangerschaft, ein vermeintliches Tabuthema und eine wohl überholte Regel des Weltverbandes.

Von Jannik Schneider

Vor acht Jahren kehrte Maria nach der Geburt ihrer ersten Tochter Charlotte trainiert von Ehemann und Tennistrainer Charles zurück auf die WTA-Tour, gewann 2018 ihren ersten großen Titel (WTA-Turnier auf Mallorca) und erreichte in der Weltrangliste ihre beste Platzierung (46.). Nur wenige Monate nachdem 2021 Cecilia das Familienglück erweiterte, kehrte die nun zweimalige Mutter (33) zurück auf die Tour – zu früh für die Regeln der WTA.

Sportschau: Frau Maria, laut einer Umfrage des SWR unter 700 Sportlerinnen fühlt sich nur jede zehnte Sportlerin beim Thema Schwangerschaft und Leistungssport unterstützt. Zwölf Frauen kreuzten anonym an, dass sie schon mal abgetrieben haben, um eine Schwangerschaft zu verhindern, damit sie weiter Leistungssport betreiben können. 57 Frauen tätigten an diesem Punkt keine Angabe (acht bis neun Prozent).

Tatjana Maria: Ich finde, Kinder bekommen ist so etwas Schönes und das Allerwichtigste in meinem Leben. Deswegen ist es traurig, dass es Frauen gibt, die so viel Druck verspüren oder so an ihrer Karriere hängen, dass sie an ihrer Karriere festhalten und erst danach Kinder bekommen. Aber ich bin ein bisschen schockiert über diese Zahlen - dass es so viele sind. Aber ich kann verstehen, dass viele Frauen sich nicht unterstützt fühlen.

Sportschau: Warum?

Maria: Im Tennis werden schwangere Frauen nicht als schwanger bezeichnet, sondern wir zählen quasi zu den verletzten Spielerinnen. Bei einer Schwangerschaft gelten momentan die gleichen Regeln wie bei lange verletzten Spielerinnen. Wir haben jetzt schon einige Mütter auf der Tour. Ich finde, da sollte die Regel auch ein bisschen geändert werden, damit es für Schwangere eine eigene Regel gibt.

Sportschau: Das "Protected Ranking" ermöglicht Spielerinnen und Spielern nach langen Verletzungen, mit ihrer Weltranglistenposition zwölf Turniere zu absolvieren, die sie vor der Pause hatten. Weil Sie nach der Geburt ihrer zweiten Tochter 2021 so früh wieder zurückkehrten, gewährt Ihnen die Frauentour WTA nur acht Turniere. Finden Sie das unfair?

Maria: Allgemein finde ich, dass es von der WTA mehr Unterstützung für Schwangere und Mütter geben sollte. Wir sind da echt super Vorbilder für alle Spielerinnen auf der Tour, die einfach auch eine Familie gründen wollen. In der heutigen Zeit können Athletinnen einfach länger Tennis spielen, und viele Spielerinnen sind einfach ein bisschen älter. Und Profisport und Muttersein ist beides gleichzeitig möglich. Ich verstehe nicht, dass die WTA mittlerweile keine Extra-Regel für Schwangere erstellt hat und wir die Regel für Verletzte nutzen müssen. Komisch finde ich auch, dass die Männer auf der ATP-Tour dieselbe Regelung für Verletzte haben. Aber wenn ein Spieler auf die Tour zurückkehrt, gilt das "Protected Ranking" für alle vier Grand-Slam-Turniere. Ich verstehe nicht, warum es bei uns Frauen nur für zwei Grand Slams zählt und wir so einen Unterschied haben. Es kann nicht so schwer sein, eine eigene Regel zu kreieren.

Sportschau: Hatten Sie direkten Kontakt mit der WTA deswegen?

Maria: Ja, mein Mann hat mit WTA-Chef Steve Simon telefoniert.

Sportschau: Können Sie öffentlich etwas daraus wiedergeben?

Maria: Zugehört wurde uns schon. Er hat gesagt, er überlege es sich. Nun, er überlegt immer noch. Das Gespräch ist schon etwas länger her. Ich weiß nicht, wo genau das Problem liegt. Oft heißt es auch: "Ja, die Topspielerinnen wollen das nicht." Aber die Topspielerinnen, mit denen ich geredet habe, sagen das Gegenteil. Großartig würde sich auch nichts verändern, deswegen hoffe ich, dass sich da mit der Zeit etwas tut. Es braucht einfach noch ein paar Spielerinnen mehr, die schwanger werden und auf die Tour zurückkommen.

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Sportschau: Sie sind zweimal sehr früh zurückgekehrt nach der Babypause. Serena Williams, mit der Sie befreundet sind, hat bei "CNN" nach der Geburt ihrer Tochter gesagt, dass sie die ersten sechs Wochen eigentlich nur im Bett lag und auch eine Lungenembolie hatte.

Maria: Das war schon mein großes Glück, dass ich zwei Geburten hatte, die einfach super liefen. Ich meine, wenn man einen Kaiserschnitt hat oder wenn irgendetwas bei der Geburt passiert, dann dauert es natürlich auf alle Fälle länger, sich zu erholen. Aber dadurch, dass bei mir wirklich gut lief, musste ich eben nur diese sechs Wochen warten und konnte dann langsam wieder anfangen zu trainieren. Am Anfang läuft es immer sehr, sehr langsam. Man braucht einfach seine Zeit. Aber dass wir einen Tennisplatz zu Hause haben, macht es einfacher – auch beim Stillen am Anfang. Ich habe das Baby gestillt und wenn ich dann 20 Minuten Zeit hatte, dann sind wir mal 20 Minuten auf den Tennisplatz gegangen. Das läuft dann so, wie ich mich fühle. Der eigene Platz macht es auf alle Fälle einfacher, um wieder zurückzukommen.

Sportschau: Wie viel von der Grundfitness einer Profispielerin verliert man während einer Schwangerschaft?

Maria: Bei der ersten Schwangerschaft habe ich selbst noch sehr lange gespielt, weil wir meine Rückhand von beidhändig auf einhändig umgestellt haben. Aber bei der zweiten Schwangerschaft habe ich absolut gar nichts gemacht - außer mit Charlotte jeden Tag trainiert. Man verliert vielleicht 80 Prozent. Ich glaube mein Körper hat sich da irgendwie dran erinnert und das bleibt einfach irgendwie drin.

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Sportschau: Gibt es ansonsten Profispielerinnen, die mit dieser Thematik auf Sie zukommen?

Maria: Egal auf welchen Turnieren wir sind, kommen alle zu uns und sprechen gerne mit Charlotte. Man hat das Gefühl, viele würden es auch gern machen. Vielleicht trauen sie sich nicht so ganz. Das kommt eben darauf an, was der Freund oder Mann für einen Beruf macht. Ob man dann auch reisen kann oder nicht. Aber im Allgemeinen: Wenn die Spielerinnen uns sehen, dann sind sie eigentlich alle positiv. Es gibt viele Leute, die die sich wirklich für uns freuen.

Sportschau: Wie klappt das Reisen mit der Familie?

Maria: Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass meine Familie bei mir ist und dass wir zusammen reisen. Wenn mein Mann jetzt nicht aus dem Tennis gekommen wäre und nicht mit uns hätte reisen können: Ich glaube nicht, dass ich dann weiter Tennis gespielt hätte. Weil für mich die Familie einfach wichtiger ist. Und meine Kinder sind mir wichtiger. Ich würde nicht wollen, dass ich meine Kinder wochenlang nicht sehe und dann wieder zurückkomme. Das wäre nicht mein Ding.

Sportschau: Allgemein gibt es für Frauen noch Themen, die im Spitzensport tabu sind. Australian-Open-Finalistin Danielle Collins sprach in Melbourne als eine der ersten überhaupt über andauernde Probleme und Krankheiten in Verbindung mit der Periode. Es soll auch Spielerinnen geben, die ihre Tage und die Periode steuern oder gar aussetzen medizinisch.

Maria: Ja; ich habe davon gehört, dass das vielleicht ein paar Spielerinnen tun. Aber ich persönlich halte davon nichts und ich finde es blödsinnig, dass man seinen Körper da irgendwie anders regeln will, um härter zu trainieren oder wegen eines Turnierplans. Der natürliche Weg ist da einfach richtiger. So sind wir Frauen gebaut und es gehört eben dazu, dass jeden Monat die Periode kommt.

Sportschau: Ihr Mann Charles war und ist ihr Tennistrainer, ihre älteste Tochter Charlotte (8) wird mittlerweile von einem Ausrüster unterstützt und trainiert täglich mit Ihnen. Cecilia wird im April ein Jahr alt. Auf was müssen Sie alles achten, wenn Sie auf den Trainingsplatz möchten?

Maria: Bei uns ist es relativ einfach, wir gehen einfach auf den Platz. Cecilia ist vorne in einer Tragetasche, die mein Mann trägt. Und Charlotte spielt mit mir mittlerweile als Trainingspartnerin. Wir machen uns warm, absolvieren das Courttraining und können gut miteinander trainieren. Wir sind als Familie alle auf dem Platz. Und wenn Cecilia mal neben dem Platz ist, krabbelt sie und greift nach allen Bällen und Schlägern und spielt damit. Also es ist relativ wild bei uns (lacht).