Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai

Tennis | WTA Peng Shuai zieht Vorwurf sexuellen Missbrauchs zurück, doch es gibt Zweifel

Stand: 20.12.2021 15:26 Uhr

Tennisspielerin Peng Shuai hat die Behauptung zurückgezogen, sie sei ein Opfer sexuellen Missbrauchs. Doch die Sorgen um das Wohlbefinden der Chinesin bleiben.

"Ich möchte eine sehr wichtige Sache betonen: Ich habe nie etwas gesagt oder geschrieben, mit dem ich jemanden eines sexuellen Übergriffes auf mich beschuldige", sagte Peng der Zeitung "Lianhe Zaobao" aus Singapur in einem Video. "Das möchte ich sehr klar unterstreichen", betonte sie. Sie sei "missverstanden" worden.

ARD-Korrespondentin zweifelt Spontanität des Interviews an

Für ARD-Korrespondentin Ruth Kirchner wirft das Videointerview viele neue Fragen auf, da die Reporterin keine Nachfragen zu Peng Shuais Ausführungen stelle:

"Dass eine Reporterin eines ausländischen Mediums bei so einem Event einfach ganz spontan ein Interview mit einer chinesische Spitzensportlerin führt, das ist sehr ungewöhnlich. Gerade ausländische Korrespondenten in China haben riesige Schwierigkeiten an chinesische Sportler, Prominente oder Politiker heranzukommen – da wüsste man schon gerne, wie und warum dieses Gespräch zustande gekommen ist."

Sportschau, 20.12.2021 11:10 Uhr

Auch die Vereinigung der Tennisspielerinnen (WTA) betonte umgehend, Pengs Aussage zerstreue keinesfalls die Sorgen um sie. Auch sei weiter nicht gewährleistet, hieß es in einer Stellungnahme, dass sie sich frei von Zensur oder Zwang äußern könne.

"Große Sorge um das Wohlergehen"

Es ist das erste Interview mit einem Medium seit ihren Anschuldigungen. Die WTA teilte auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP mit, sie habe weiter "große Sorge um das Wohlergehen" der 35-Jährigen. "Wir fordern weiterhin eine umfassende, faire und transparente Untersuchung ihrer Vorwürfe eines sexuellen Übergriffes - ohne Zensur", hieß es.

Peng hatte Anfang November in einem sozialen Netzwerk berichtet, vom ehemaligen chinesischen Vizepremier Zhang Gaoli sexuell missbraucht worden zu sein. Der Post wurde bald danach gelöscht. Auch blockiert die staatliche Zensur seither jede Debatte im chinesischen Internet darüber.

WTA streicht Turniere in China und Hongkong

In den vergangenen Wochen gab es mehrere von großen Zweifeln begleitete Wortmeldungen von Shuai. Die WTA hat als Konsequenz alle Turniere in China und Hongkong ausgesetzt.

Peng betonte in dem neuen Video, es handle sich bei ihrem Fall um eine "private Angelegenheit", die von den Menschen "missverstanden" werde. Das Gespräch scheint bei einer Ski-Veranstaltung in Schanghai aufgenommen worden zu sein, wo Peng wohl auch mit chinesischen Sportstars wie dem Basketballer Yao Ming sprach. Auf die Frage, ob sie sich frei bewegen könne, sagte sie dort, sie sei "immer sehr frei" gewesen. Auch ihre jüngste E-Mail an die WTA habe sie "ganz in meinem eigenen freien Willen" geschrieben. Dort hatte sie geäußert, es sei "alles gut".

Peng Shuai betonte in dem Interview auch, dass sie ungehindert in Peking lebe und nicht unter Aufsicht stehe: "Warum sollte mich jemand überwachen? Ich bin immer frei gewesen." Auch ihre E-Mail an WTA-Chef Steve Simon von Mitte November habe sie aus freien Stücken geschrieben. Darin hatte sie schon betont, dass die Berichte über sie, "einschließlich des Vorwurfs der sexuellen Nötigung", nicht wahr seien und dass es ihr gut gehe. Das Schreiben verstärkte die Besorgnis der WTA allerdings eher noch.

Auf die Frage, ob sie ins Ausland reisen wolle, verwies Peng Shuai darauf, dass sie nicht mehr aktiv Tennis spiele und wegen der Pandemie gegenwärtig auch nicht die Absicht habe, China zu verlassen: "Was soll ich jetzt da draußen machen?"

Ruth Kirchner, Sportschau, 20.12.2021 11:10 Uhr

Bach: IOC setzt auf "stille Diplomatie"

Der Fall Peng Shuai überschattet auch die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele im Februar in Peking. Der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, geriet unter Druck, nachdem er in Videoschalten mit dem Tennisstar gesprochen hatte. Er wiederholte am Samstag in einem Interview mit der Sportschau, dass das IOC in ihrem Fall weiter auf "stille Diplomatie" setze.