Sexualisierte Gewalt im Segeln: Erschütternde Dimension

Segelboot und Wellen

57 Betroffene

Sexualisierte Gewalt im Segeln: Erschütternde Dimension

Von Andrea Schültke

Der Jugendleiter eines Segelvereins in Mittelfranken begeht fast 30 Jahre lang zum Teil schwere sexuelle Übergriffe. Die Staatsanwaltschaft Ansbach erläutert Ermittlungsergebnisse und will die Prävention anschieben.

"Wir wollen auf die große Dimension aufmerksam machen", nennt Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger gleich zu Beginn den Anlass für das Pressegespräch. Es geht um Ergebnisse der Ermittlungskommission "Nautis". Die teilweise 20 Polizistinnen und Polizisten haben in außergewöhnlich kurzer Zeit Erschreckendes zusammengetragen: Es ist der bisher größte bekannt gewordene Fall sexualisierter Gewalt im deutschen Sport.

Der Jugendleiter eines kleinen Segelvereins konnte über fast drei Jahrzehnte Kindern und Jugendlichen in seiner Obhut sexuelle Gewalt antun und dabei unentdeckt bleiben. Dieter Hegwein, Kriminaldirektor der Polizei Ansbach, nennt die Fakten. Die Betroffenen: 57 Jungen zwischen neun und 18 Jahren, mehr als 1.300 Taten, 100 Zeugen vernommen. Der Polizist sagt auch, das sei nur die "Spitze des Eisbergs".

Kriminaldirektor Dieter Hegwein: "Die Dimension ist das Erschütternde" Sportschau 29.03.2021 00:44 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

Täter ging systematisch vor

Hinter den nüchternen Zahlen verbergen sich Geschichten, die das Leben der heute erwachsenen Männer massiv beeinflusst haben und es immer noch tun: Zum Teil schwerste Erkrankungen und Traumata als Folge der Übergriffe, die so lange im Verborgenen geblieben sind. Wie in vielen Fällen sexualisierter Gewalt im Sport haben auch hier die Betroffenen lange geschwiegen. Aus Scham und weil sie bei den Unternehmungen des Jugendleiters mit der Gruppe dabei sein wollten.

Markus Hoga, Polizeipsychologe der operativen Fallanalyse Bayern, hat ein System von Bevorzugung und Rücknahme von Privilegien ausgemacht, das der Beschuldigte aufgebaut hat: "Das ist ganz einfach, indem man sagt, es gibt einen Segeltörn im Ausland, aber nur eine begrenzte Zahl von Jugendlichen, die mitkommen. Das Bedürfnis dabei zu sein, ist groß und die Jugendlichen willigen ein, bei Dingen mitzumachen, die es ihnen ermöglichen, dort mitzufahren."

Kinder gezielt ausgesucht

Etwa zu Segeltörns nach Kroatien, bei denen es zu Übergriffen kam. Die Taten fanden aber auch bei Übernachtungen im Vereinsheim statt, auf dem Boot des Beschuldigten oder in dessen Wohnung. Es ging um Straftaten von sexuellen Berührungen bis hin zum Oralverkehr, so die Ermittlungen. Juristisch heißt das: schwerer sexueller Missbrauch und sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen.

Diese Straftaten hätten die Jugendlichen teilweise jahrelang über sich ergehen lassen müssen, um dazu zu gehören. Der Jugendleiter hatte es ausschließlich auf Jungen vor oder in der Pubertät abgesehen, ihre schwierige Lebensphase, geprägt von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und der Suche nach Vorbildern ausgenutzt. Ganz gezielt hatte er sich dabei die Kinder ausgesucht, von denen er den wenigsten Widerstand zu befürchten hatte und sich ihr Schweigen teilweise mit großzügigen Geschenken erkauft.

Polizeipsychologe Markus Hoga: "Schaffung von Abhängigkeit" Sportschau 29.03.2021 00:32 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

Vor knapp einem Jahr hatte die Anzeige von drei Betroffenen den Fall ins Rollen gebracht, dann ging alles außergewöhnlich schnell. Die Polizei sah die Vorwürfe bestätigt, nahm den Mann wenige Tage später fest. Anfang Juni die Nachricht: Der Jugendleiter hatte in seiner Zelle Suizid begangen.

Normalerweise sind die Ermittlungen mit dem Tod des Beschuldigten beendet. Nicht so in diesem Fall. Zahlreiche weitere Betroffene hatten sich nach einem Aufruf selbst bei der Polizei gemeldet. Sie alle sollten die Gelegenheit bekommen, ihre Aussage zu machen. Auch, so Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger, um das Geschehene möglicherweise so zu verarbeiten. Zusätzlich ging es darum, herauszufinden, ob Verantwortliche im Verein etwas hätten merken können oder gar müssen.

Was wusste der Verein?

In diesem Zusammenhang gab es Ermittlungen gegen den ehemaligen ersten Vorsitzenden des Vereins. Das Verfahren ist seit kurzem eingestellt. Laut Oberstaatsanwalt Schrotberger gab es "keine Hinweise, dass der Vereinsvorstand Kenntnisse hatte".

Gerüchte hatte es allerdings schon gegeben. Ein anonymer Hinweis vor vier Jahren habe eine zu große Nähe des Jugendleiters gegenüber den Kindern thematisiert, Belege habe es damals jedoch nicht gegeben. Wie in vielen Fällen sexualisierter Gewalt im Sport hat auch hier der Täter das gesamte Umfeld, den gesamten Verein manipuliert. Polizeipsychologe Markus Hoga nennt das "doppelte Buchführung".

Nach außen der engagierte ehrenamtliche Jugendleiter, der sich kümmert und sich unverzichtbar macht und nach innen ein Stratege, der ausschließlich seine Interessen verfolgt hat: Kontrolle über die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen und das Ausnutzen ihres Vertrauens für zum Teil schwere sexuelle Übergriffe. Der Segelsport habe ihm den Kontakt zu den Kindern ermöglicht und zahlreiche Tatorte geboten.

Verein in Schockstarre

Die Präsdidentin des Deutschen Segler-Verbandes Mona Küppers

Die Präsdidentin des Deutschen Segler-Verbandes Mona Küppers

"Der ganze Verein wurde missbraucht", stellt Mona Küppers fest. Die Präsidentin des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) und Ansprechperson für das Thema sexualisierte Gewalt, unterstützt jetzt den betroffenen Klub beim geplanten Neuanfang. Es habe bereits virtuelle Treffen mit dem neuen Vorstand gegeben, die ihr gezeigt hätten: "Die Schockstarre, in der der Verein war, ist vorbei. Jetzt beginnt der Heilungsprozess. Das ist kein Verein, der sagt: 'Wir machen weiter wie bisher'", urteilt Küppers.

Häufig setzen sich Sportvereine mit dem Thema erst dann auseinander, wenn ein Fall in ihren Reihen bekannt wird. Bis dahin gilt oft die Devise: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf". So sei es laut Kriminaldirektor Dieter Hegwein auch im Fall des Segelvereins gewesen.

Diese Haltung bei vielen Vereinen belegen auch die Ergebnisse der Studie "Safe Sport" der Sporthochschule Köln und der Uniklinik Ulm aus dem Jahr 2016. In der ersten wissenschaftlichen Erhebung bezüglich sexualisierter Gewalt im deutschen Leistungs-Sport wurden auch Vereine zum Aspekt Kinderschutz befragt. Nur die Hälfte von ihnen gab damals an, dass ihnen das Thema wichtig sei.

Auch aufgrund des Falles in dem Segelverein in Mittelfranken hat der Deutsche Segler-Verband sein Präventionskonzept noch einmal überarbeitet: "Bisher standen die ganzen Informationen auf unserer Internetseite. Die Vereine mussten sich aktiv darum bemühen", so DSV-Präsidentin Mona Küppers: "Jetzt schreiben wir alle knapp 1.300 Segelvereine in Deutschland dazu an."

Präventionsprogramm nicht überstülpen

In kleinen Häppchen soll das Thema Prävention sexualisierter Gewalt in die Vereine gebracht, aber nicht übergestülpt werden. Es beginne mit einem kurzen Fragebogen, verbunden mit Informationen bis hin zu Online-Seminaren. So soll die Aufmerksamkeit aller auf das Thema gelenkt werden, um Fälle wie den in der Nähe von Ansbach mit 57 betroffenen Kindern und Jugendlichen in Zukunft zu verhindern.

Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger: "Das Bedürfnis, in die Prävention zu gehen" Sportschau 29.03.2021 00:23 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

Stand: 30.03.2021, 08:34

Darstellung: