Kandidaten für Schach-WM gesucht - mit Zuschauern, ohne Favoriten

Auch der US-amerikanische Großmeister Fabiano Caruana ist beim Kandidatenturnier dabei.

Fortsetzung nach Abbruch

Kandidaten für Schach-WM gesucht - mit Zuschauern, ohne Favoriten

Von Niklas Schenk

Im russischen Jekaterinburg wird ab dem heutigen Montag (19.04.2021) der Herausforderer von Magnus Carlsen gesucht für die nächste Schach-WM. Das Turnier war im März 2020 unterbrochen worden. Ein Franzose und ein Russe liegen gleichauf in Führung.

Wer ist in der besten Form? Wer hat die 13 Monate, seitdem das Schach-Kandidatenturnier im März 2020 unterbrochen wurde, im Online-Training am besten genutzt? Wie groß ist der Unterschied vom Online-Schach zur klassischen Partie am Brett, dem Gegner gegenübersitzend?

Es war wohl noch nie so schwierig, den Ausgang eines Schach-Kandidatenturniers vorherzusagen. Die nächsten neun Tage in Jekaterinburg werden sportlich eine Wundertüte – und die Organisation des Turniers inmitten der Corona-Pandemie dürfte Beobachter weit über den Schachsport hinaus interessieren.

Im März 2020 wurde das Turnier unterbrochen

Fakt ist: Es sind immer noch die acht Teilnehmer dabei, die das Turnier im März 2020 zur Hälfte abbrechen mussten. Die Veranstalter hatten Angst, dass die Spieler aufgrund von Reisewarnungen nicht mehr aus Russland hätten abreisen können. Es werden sieben Partien gespielt, für einen Sieg gibt es einen Punkt, für ein Remis einen halben Punkt.

Am 27. April dürfte der Sieger des Kandidatenturniers feststehen. Und wenn es nach Punkten und direktem Vergleich wider Erwarten keinen Sieger gibt, entscheidet am 28. April ein Tie-Break. "Wir sind absolut vorbereitet, das Kandidatenturnier zu beginnen“, sagt Arkadi Dworkowitsch, der Präsident des Schach-Weltverbandes FIDE.

Der Direktor des Turniers, Albert Stepanyan, sagte auf der Pressekonferenz: "Die ganze Schachwelt hat auf die Wiederaufnahme dieses Turniers gewartet. Der erste Teil der Veranstaltung war ziemlich anstrengend, wir waren uns nicht sicher, was wir in dieser ungewohnten Situation erwarten sollten. Heute wissen wir, wie wir uns an diese Bedingungen anpassen können.“

Keine Maske, keine Tests für die Spieler

Der Plan der Organisatoren ist nicht ohne Risiko. Eine Maske müssen die Spieler während des Turniers nicht tragen. Bis zu 72 Stunden vor Beginn des Turniers müssen alle Spieler einen negativen PCR-Test vorweisen.

Während des Turniers sind keine Tests verpflichtend, nur bei Corona-Symptomen. Immerhin wird vor jedem Spiel die Temperatur der Spieler gemessen.

"Ich weiß, dass zwei Spieler geimpft sind, von den anderen Spielern weiß ich es nicht“, sagte FIDE-Präsident Dworkowitsch am Dienstag (13.04.2021). Dabei soll es sich um den russischen Mitfavoriten Ian Nepomniachtchi und den Außenseiter Wang Hao aus China handeln.

Allen Spielern wurde vor dem Turnier der russische Sputnik-Impfstoff angeboten. Da die Spieler dann aber zwei Wochen eher hätten anreisen müssen, lehnten die übrigen sechs Teilnehmer ab.

Spieler konnten sich impfen lassen

Eine exklusive Impfung für Sportler in einer Disziplin, die wie keine andere auch online ausgetragen werden könnte: Auch das ist eine Facette, die jede Menge Gesprächsstoff hat.

Und dann lassen die russischen Organisatoren – anders als 2020 - auch noch Zuschauer zu. Diese müssen zwar Masken tragen, Abstand halten und einen negativen Test vorweisen können oder geimpft sein. Aber die Organisatoren gehen voll ins Risiko.

Womöglich auch geprägt durch die seit Wochen geringen Corona-Zahlen. Offiziell liegt die Zahl der Neuinfektionen seit mehr als einem Monat bei unter 10.000 Neuinfektionen am Tag. Falls sich doch ein Spieler während des Turniers infizieren sollte, scheidet dieser aus und wird nicht nachbesetzt.

Corona-Krise sorgt für Schach-Boom Sportschau 20.12.2020 08:14 Min. Verfügbar bis 20.12.2021 Das Erste

Caruana: "Extrem paranoid"

Fabiano Caruana, der US-Amerikaner, der 2018 nur knapp den Weltmeistertitel verpasst hatte, hatte die erste Turnierhälfte 2020 als "extrem paranoid“ empfunden. Caruana liegt zur Halbzeit mit 3,5 Punkten auf dem geteilten zweiten Platz.

Der Abstand auf die beiden Führenden Maxime Vachier-Lagrave (Frankreich) und den Russen Ian Nepomniachtchi beträgt einen ganzen Punkt. Das ist viel in einem Sport, in dem es sehr oft zum Remis kommt.

Caruana liegt hinten, ist aber formstark

Bei den wenigen Live-Turnieren und vielen Online-Turnieren machte Caruana zuletzt aber einen starken Eindruck. Vachier-Lagrave, Spitzname "MVL", schlug er zuletzt überzeugend. "MVL" war im Frühjahr 2020 als Teilnehmer nachgerückt und hatte die Chance kurzerhand ergriffen. Im direkten Duell an diesem Montag muss Caruana gewinnen, um noch eine Chance zu haben.

Nepomniachtchi, den alle nur "Nepo“ nennen, spielt als zweiter Teil des Spitzenduos gegen den Niederländer Anish Giri. Beide besiegten zuletzt den zuvor übermächtig erscheinenden Weltmeister Magnus Carlsen. Carlsen wird die Partien während des Turniers im Internet live kommentieren und seinen nächsten Herausforderer ganz genau beobachten.

Hat erneut bei einem Online-Turnier den Sieg verpasst: Magnus Carlsen.

Wer kann die Corona-Krise ausblenden?

Vorhersagen sind bei dieser schon jetzt einzigartigen Auflage unmöglich. Es sind eigentlich ja zwei Turniere in einem: Das Ticket gegen Magnus Carlsen holt sich deshalb der Spieler, der die Corona-Krise am Brett schon im März 2020 und auch im April 2021 am besten ausblenden konnte.

Stand: 19.04.2021, 07:00

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