Ruder-EM - Das Ende der deutschen Dominanz?

9 Männer sitzen angestrengt in einem Ruderboot

Ruder-EM

Ruder-EM - Das Ende der deutschen Dominanz?

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Der Deutschland-Achter war lange Zeit ein Medaillengarant. Der erste Saison-Härtetest bei der EM in Varese legt wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Tokio erhebliche Probleme offen.

Viel geredet wurde nicht in den Minuten danach. Jeder schien in seiner ganz eigenen Welt zu sein. Im italienischen Wald von Varese versammelte sich die Crew des Deutschland-Achters am Team-Zelt - mit hängenden Köpfen und leeren Gesichtsausdrücken.

"Irgendwie sind wir auf den letzten Metern auseinandergefallen", analysierte ein sichtlich mitgenommener Johannes Weißenfeld. "Die Konkurrenz ist uns dann eiskalt um die Ohren gefahren."

"Es fing nach 1.200 Metern an zu bröckeln", konstatierte Schlagmann Hannes Ocik. Der sonst so schlagfertige Hamburger wirkte noch geschockt.

"Dann kriegst du halt hier den Arsch voll"

Das 2.000-Meter-Finale bei der Europameisterschaft und dessen Verlauf hat die Mannschaft hart getroffen: Platz vier, ein enttäuschender Start in die olympische Saison. Es war das erste Mal seit 2008, dass das deutsche Vorzeigeboot bei einem Großereignis keine Medaille holte.

Die scheinbar Unschlagbaren, die seit dem Finale von Rio 2016 über die Olympische Distanz kein Rennen mehr verloren hatten, sind für die Konkurrenz wieder greifbar. "Das war kein Unwille heute. Vielmehr werden wir langsam von der Realität, die wir uns in den letzten drei bis vier Jahren geschaffen haben, eingeholt", sagt Steuermann Martin Sauer.

Der 38-Jährige steuert den Deutschland-Achter seit 2009. "Die Vorbereitung auf dieses Ereignis war ehrlich gesagt eine ziemlich amateurhafte Veranstaltung. Dann kriegst du halt hier den Arsch voll." Sauer kritisiert das Training, die Planung und die Organisation, mit der der Verband in diese Europameisterschaft gegangen war.

Von Hygienekonzepten und Corona-Blasen

Rückblende, zwei Tage zuvor. Sauers Ruder-Einteiler hängt über dem Stuhl, bedruckt mit schwarz-rot-goldener-Flagge. Jakob Schneider liegt auf dem Bett und tippt am Laptop. Währenddessen filmt Ocik mit seinem Handy für die Sportschau. Die Athleten geben Eindrücke in den EM-Alltag, Journalisten dürfen das Hotel direkt neben der Trabrennbahn von Varese nicht betreten.

Wie bei allen Großveranstaltungen dieser Tage gibt es ein strenges Hygienekonzept, mit geregelten Essenszeiten, denn neben den Deutschen wohnen Athletinnen und Athleten aus acht Nationen hier. Überall muss eine Maske getragen werden.

Hochsicherheitstrakt Regattastrecke

In Kleinbussen fahren die deutschen Ruderer zur Regattastrecke. Mehr als 30 haben sie, pro Bus dürfen nur fünf Personen mitfahren. Es wirkt fast wie inszeniert, dass direkt neben dem Bootsplatz an der Regattastrecke ein Impfzentrum liegt.

So wie sich die Boote entlang der Stege in Stellagen stapeln, reihen sich auch die Patienten in Schlangen vor den Impfzelten im Flecktarnmuster. 35 Nationen sind bei dieser EM am Start, insgesamt sind das mehr als 600 Sportler, aufgeteilt auf 236 Boote.

Wer den Regattaplatz betreten will, muss erstmal zum Fiebermessen. Knapp 500 Coronatests werden durchgeführt, keiner davon ist positiv. Zuschauer gibt es keine, neben den Sportlern und Trainern sind lediglich Helfer und Pressevertreter auf der Anlage zu finden.

"Ich finde die ganze Situation immer noch erschreckend. Aber auf der anderen Seite genießen wir das Privileg, wieder Wettkämpfe zu haben. Es ist unfassbar wichtig, 18 Monate lang haben wir nur trainiert, wir wollen wieder Gegner neben uns spüren", sagt Sauer.

Eine Medaille ist nicht mehr selbstverständlich

Doch mit Gegnern nebendran läuft es von Beginn an nicht rund für den Achter. Nach dem misslungenen Bahnverteilungsrennen zum Auftakt hatten sich Sauer und Kollegen für das Finale am Sonntag viel vorgenommen und auf den ersten 1.000 Metern dominiert. Das kostete zu viel Kraft.

Nach der deutlichen Führung zu Beginn verpassten sie am Ende sogar das Podest. "Dass der Deutschland-Achter immer eine Medaille mit nach Hause bringt, hat sich eingebürgert. Aber wir haben leider gezeigt, dass das nicht selbstverständlich ist", gibt Weißenfeld zu.

"Die Dominanz der 90er Jahre ist vorbei"

Am Ende bleiben für den deutschen Ruder-Verband drei Medaillen aus 14 olympischen Bootsklassen, ein ernüchterndes Ergebnis, verglichen mit den medaillenreichen Zeiten vergangener Tage.

"Auf vier Medaillen hatte ich gehofft, drei davon haben wir gewonnen. Das ist nicht erschreckend schlecht, aber wir haben schon in einigen Bootsklassen einen Dämpfer bekommen", erklärt Chef-Bundestrainer Ralf Holtmeyer.

Die Weltspitze ist dichter zusammengerückt, vielleicht auch wegen der Corona-Pandemie, die vielen Nationen mehr Zeit gegeben hat. Großbritannien scheint das genutzt zu haben. Die Ruder-Großmacht dominierte dieses Großereignis.

"Die Dominanz aus den 90er Jahren, aus der Wiedervereinigungszeit, ist vorbei. Andere Nationen arbeiten seitdem viel professioneller. Diese Vormachtstellung werden wir auf absehbare Zeit nicht mehr erreichen", sagt Holtmeyer.

Gut drei Monate Zeit bleiben bis Olympia

Das gilt auch für den Achter, das einstige Aushängeschild. "Ich glaube, wir im deutschen Ruderverband unterliegen Träumereien, was die anderen können. Die können nämlich richtig was", blickt Steuermann Sauer auf die Konkurrenz. "Es wäre totaler Quatsch zu erzählen, dass das hier gut aussieht. Wir haben große Probleme, und es ist auch wenig Hilfe in Aussicht. Wir müssen uns etwas ausdenken."

Die gute Nachricht lautet: Schon in drei Wochen gibt es für den Deutschland-Achter eine Chance auf Wiedergutmachung. Dann geht es zum Weltcup nach Zagreb.

Noch verbleiben mehr als drei Monate auf dem Weg zur Topform. Wenn die Medaillen im Juli in Tokio verteilt werden, wird sich zeigen, auf welchem Weg sich der deutsche Ruder-Verband befindet.

Stand: 12.04.2021, 12:35

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