Florian Wirtz von Bayer Leverkusen in einem Testspiel.

Teamcheck Bayer Leverkusen Leverkusen startet Aufholjagd mit Hoffnungsträger Wirtz

Stand: 18.01.2023 08:48 Uhr

Nach dem überraschenden Absturz in den Tabellenkeller und einem frühen Trainerwechsel herrscht bei Bayer Leverkusen wieder die Hoffnung, die Saison noch erfolgreich gestalten zu können.

Vor der Saison wurde Bayer Leverkusen von nicht wenigen Experten zum Kreis der Titelanwärter gezählt. Die Mannschaft hatte sich im Sommer frisch für die Champions League qualifiziert und alle Leistungsträger gehalten. Eigentlich die perfekten Voraussetzungen für einen Angriff auf die Spitzenplätze. Doch statt im Titelrennen, steckte der Klub schnell im Abstiegskampf. Erst nach einem Trainerwechsel ging es langsam bergauf.

Desaströser Auftakt und Trainerwechsel

Leverkusens Trainer Gerardo Seoane

Leverkusens Trainer Gerardo Seoane

Die Saison begann desaströs. Bei der verdienten 3:4-Niederlage bei Drittligist SV Elversberg und dem damit verbundenen Erstrunden-Aus im DFB-Pokal wies Bayer früh eklatante Defizite auf, besonders in der Einstellung. Es folgten drei Niederlagen in der Bundesliga und damit der schlechteste Saisonstart in der Vereinsgeschichte. Der 3:0-Erfolg in Mainz am vierten Spieltag erwies sich ebenso als kurzes Strohfeuer wie der 2:0-Heimsieg gegen Atletico Madrid in der Champions League. Denn auf den zweiten Saisonsieg in der Bundesliga musste Bayer lange warten.

Trainer Gerardo Seoane war nach dem schwachen Start früh angezählt und nicht in der Lage, das Ruder herumzureißen. Nach der 0:2-Niederlage beim FC Porto zog der Verein schließlich die Notbremse und ersetzte Seoane durch Xabi Alonso, der beim 4:0-Heimsieg gegen Schalke 04 prompt einen Traumeinstand feierte.

Doch auch unter dem Spanier, für den es die erste Trainerstation in einer ersten Liga ist, lief es trotz des Auftakterfolgs zunächst nicht rund. Im Heimspiel gegen den FC Porto (0:3) und bei Eintracht Frankfurt (1:5) setzte es deutliche Niederlagen, die aber einen Wendepunkt darstellten. Bei RB Leipzig am 12. Spieltag spielte die Werkself gut mit, unterlag aber trotzdem mit 0:2.

Mit einem starken Endspurt, der einen überraschend klaren 5:0-Heimsieg gegen Tabellenführer Union Berlin sowie den Derbysieg beim 1. FC Köln (2:1) beinhaltete, hob sich Bayer bis zur WM-Pause aber noch raus aus den Abstiegsrängen und kletterte bis auf Platz zwölf, auf dem die Rheinländer überwintern.

Wirtz als "Königstransfer"

Hätte die Winterpause bereits Ende Oktober begonnen, stünde bei Bayer in diesem Winter wohl ein mittelschwerer Umbruch an. Durch den Trainerwechsel und den damit verbundenen Aufwärtstrend kurz vor der Weltmeisterschaft hat sich die Lage aber geändert. Einige der zuvor aufgetretenen Schwachstellen im Kader (Linksverteidiger, defensives Mittelfeld) sind nun nicht mehr von akuter Handlungsnot betroffen, weil die vorhandenen Spieler im Endspurt doch noch überzeugen konnten.

Zudem stößt mit dem von einem Kreuzbandriss wiedergenesenen Florian Wirtz ein "großartiger Winterzugang" (Alonso) zum Team. So deutet alles auf einen ruhigen Transferwinter hin, auch weil der sportlichen Leitung nur bei vorherigen Abgängen der nötige finanzielle Spielraum für Neuzugänge zur Verfügung steht. Zwar hat Offensivspieler Paulinho den Verein bereits in Richtung Atletico Mineiro verlassen. Aber weil der Brasilianer bis zu seinem Vertragsende im Sommer verliehen wird, springt für Leverkusen keine Ablösesumme dabei heraus.

Das einzige Fragezeichen in diesem Winter steht hinter der Personalie Charles Aranguiz. Der Chilene liebäugelt bereits seit Jahren mit einer Rückkehr in seine Heimat, ein Wechsel kam bisher jedoch nicht zustande. Da der Vertrag des 33-jährigen Sechsers im Sommer ausläuft, könnte er noch im Januar gegen eine kleine Ablösesumme wechseln. In dem Fall müsste Bayer doch noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv werden und einen Ersatz verpflichten.

Alonsos Debakel in Frankfurt als Wendepunkt

Etwas mehr als 100 Tage ist Xabi Alonso nun Trainer von Bayer Leverkusen. Der Spanier übernahm den Verein auf einem Abstiegsplatz und führte ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten ins Tabellenmittelfeld. "Ich würde nicht sagen, dass die Situation dramatisch war, aber sie war schwierig", schilderte Alonso. "Dramatisch wäre sie gewesen, wenn es April gewesen wäre."

Entscheidend für die Wende war für den 41-Jährigen das Debakel in Frankfurt, das gleichzeitig der schlimmste und der wichtigste Moment gewesen sei. "Er hat gezeigt, dass wir so nicht spielen können", so Alonso. "Wir hätten statt 1:5 auch 0:7 verlieren können. Frankfurt war der Tiefpunkt, danach haben wir besser gespielt." Alonso verlieh der Mannschaft nach und nach mehr Sicherheit und Selbstvertrauen.

"Wir spielen kompakter, gehen intensiver in die Zweikämpfe", beschreibt er die Entwicklung, die das Team seit dem Trainerwechsel hingelegt hat. Spieler wie der bei Seoane ausgemusterte Nadiem Amiri oder die schwachen Adam Hlozek oder Mitchel Bakker bekamen bei Alonso neue Chancen und wussten diese zu nutzen.

Für den weiteren Saisonverlauf legen Verein und Trainer zudem große Hoffnungen auf Rückkehrer Wirtz, der bereits in den Testspielen glänzte und dem Team mehr Kreativität und Torgefahr verleiht. "Mit Flo sind wir eine bessere Mannschaft - und ich bin mit ihm auch ein besserer Trainer", schwärmte Alonso bereits Ende Dezember.

Planung und Hoffnung gehen auseinander

Leverkusen geht nicht ohne Risiko in die Rest-Saison. Der Vorsprung auf die Abstiegsränge ist weiterhin gering und der Kader im Vergleich zu den bisherigen Spielen nahezu unverändert. Viel beruht demnach auf der Hoffnung, dass die Mannschaft ihren Aufwärtstrend unter Xabi Alonso fortsetzt, Rückkehrer Wirtz der Offensive den nötigen Spielwitz verleiht und Leistungsträger wie der aktuell verletzte Patrik Schick wieder in Form kommen.

"Ich glaube, wir haben sehr gute Zutaten, um mit diesem Projekt erfolgreich zu sein", ist sich Alonso sicher. "Die Ausrichtung des Klubs ist gut, der Kader ist gut." Der Leverkusener Trainer ist optimistisch, dass Bayer nicht wieder in den Abstiegskampf rutschen wird, warnt aber gleichzeitig, dass "wenn wir nicht weiter diese Wettkampfmentalität entwickeln, können wir dieselben Fehler wieder machen". Deshalb arbeite man daran, "dass das nicht wieder vorkommt".

Neben der Aufholjagd in der Liga kann Bayer auch auf europäischem Parkett noch für positive Schlagzeilen sorgen. Nach dem Abstieg aus der Champions League geht es in der Europa League weiter. Dort trifft man rund um die Karnevalstage auf die AS Monaco mit dem Ex-Leverkusener Kevin Volland.

Mittelfristig will Bayer zurück unter die Top vier und in die Champions League. "Aber als seriös wirtschaftende Manager müssen wir finanziell erst einmal so planen, als ob wir das nicht schaffen würden", sagte Geschäftsführer Fernando Carro. "Dazu sind wir verpflichtet, damit wir nachher nicht überrascht werden." Nach dem bisherigen Saisonverlauf wäre die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb eine Überraschung, erscheint aber auch nicht unmöglich.