Rettig zur 3. Liga - "ständig mit einem Bein in der Insolvenz"

Lenkt künftig die Geschicke der Geschäftsführung bei Viktoria Köln: Andreas Rettig

Rettig zur 3. Liga - "ständig mit einem Bein in der Insolvenz"

Die 3. Liga produziere sehenden Auges Sozialfälle und müsse ihre Satzungen dringend überarbeiten, findet Andreas Rettig. Der ehemalige DFL-Manager, der seit einigen Wochen bei Viktoria Köln im Amt ist, äußert sich ausführlich im Interview mit wdr.de.

WDR: Im Fußballgeschäft scheint es für die meisten Protagonisten nur um eines zu gehen: Karriere und Geld. Am besten immer höher und immer mehr. Sie haben gewissermaßen antizyklisch gehandelt, sind nach Karriereanstieg bis hoch zur DFL - anschließend "bergab" gegangen: Zum FC St. Pauli und jetzt Viktoria Köln. Warum? 

Andreas Rettig: Ich habe für meine Verhältnisse im Vereinsfußball erreicht, was möglich ist: Unter anderem vier Bundesliga-Aufstiege und die Qualifikation für den Europapokal. Zudem haben die Bundesligaklubs, für die ich gearbeitet habe, während meiner Amtszeit infrastrukturell erhebliche Fortschritte gemacht.

Von daher bin ich sehr zufrieden, was meine Ansprüche betrifft. Zudem habe ich mein Geld nicht für vergängliche Luxusartikel ausgegeben, sondern sinnvoll angelegt, sodass ich jetzt wirtschaftlich unabhängig bin. Heißt: Ich kann das letzte Drittel meiner beruflichen Tätigkeiten personen- und projektbezogen aussuchen.

WDR: Der ehemalige Bayer-Manager Reiner Calmund hatte stets ein offenes Ohr und großes Herz für den Kölner/Leverkusener Amateurfußball. Können Sie bei Viktoria so etwas wie sein Erbe antreten? Können sich Kölner Amateurvereine gelegentliche Hilfe von Viktoria erhoffen?

Rettig: Ich habe Reiner Calmund viel zu verdanken, ich hatte mit ihm und Rudi Völler in Leverkusen viele wunderbare Jahre. Callis Bodenständigkeit, seine Nahbarkeit – das hat natürlich auch auf mich abgefärbt. Und ja – die Viktoria wird zukünftig ein verlässlicher Partner auch für die kleinen Amateurklubs aus der Nachbarschaft sein. Wir haben schon mit kleineren Aktionen wie zum Beispiel Ballspenden für die benachbarten Vereine SC Brück und TuS rechtsrheinisch Köln begonnen. Weitere werden folgen.

WDR: Die 3. Liga hat unlängst eine Task Force eingerichtet, die sich mit der wirtschaftlichen Stabilität der Klubs beschäftigt. Wie sehen Sie die 3. Liga? Funktioniert das Konstrukt wirtschaftlich oder muss sich etwas ändern?

Rettig: Man muss sich eines bewusst machen: In ihrer derzeitigen Form produzieren wir in der 3. Liga quasi sehenden Auges Sozialfälle. Das beginnt bei den Spielern und geht weiter zu den Vereinen, von denen viele ja ständig mit einem Bein in der Insolvenz stehen. Das liegt daran, dass nirgendwo anders im Fußball die Verlockung derart groß ist, ein wirtschaftliches Risiko für etwaigen Erfolg einzugehen.

Wenn man es schafft, in die 2. Bundesliga aufzusteigen, verachtfacht sich mit einem Schlag der Etat allein aufgrund der TV-Einnahmen. Auf der anderen Seite fallen die Absteiger aus der 2. Bundesliga in dieses Loch. Statt acht Millionen TV-Geld bekommen sie plötzlich nur noch eine Million. Ihre Kosten bleiben aber annähernd gleich.

Das kann ein Verein vielleicht ein Jahr kompensieren, zwei oder drei Jahre lang aber nicht. Es muss also dringend eine Änderung her, die den Übergang von der 2. Bundesliga in die 3. Liga etwas abfedert. Das könnte eine Anpassung der TV-Verträge sein oder andere Unterstützungsmaßnahmen.

WDR: Viele Pflichten, kaum Vergünstigungen - sind die DFB-Anforderungen an Vereine in der 3. Liga angemessen?

Rettig: Die Satzung und Spielordnung der 3. Liga muss dringend überarbeitet und modernisiert werden. Es ist für mich nicht verständlich, was da von den Drittligisten alles an kostenintensiven Standards eingefordert wird. Macht es beispielsweise wirklich Sinn, ständig eine Rasenheizung auf Standby zu halten, die permanent Tausende Liter Öl verschlingt?

Warum müssen wir hier bei Viktoria Köln soundsoviele Parkplätze nachrüsten? Wir arbeiten doch gerade viel eher daran, dass unsere Besucher mit öffentlichen Verkehrsmittel zu unserem Stadion kommen! Diese Vorgaben sind nicht mehr zeitgemäß und sollten an unsere moderner denkende und lebende Gesellschaft angepasst werden.

WDR: Wir hatten zuletzt die interessante Situation, dass inmitten einer Corona-Pandemie, in der viele Menschen ihre Jobs verloren oder in Kurzarbeit waren, dem Profifußball ein Weg geebnet wurde, den Apparat weiterzuführen. Warum ist das so passiert?

Rettig: Ich bin ja nun wahrlich nicht bekannt dafür, die Entwicklung des Profifußballs zu glorifizieren. Aber man muss fair sein und anerkennen: DFL und DFB haben innerhalb kürzester Zeit ein Hygienekonzept vorgelegt, das hervorragend war. Aber es gilt auch festzuhalten: Die Politik hat sich in der ersten Phase der Coronakrise dem Profifußball ganz besonders zugewandt gezeigt.

WDR: Ist den Protagonisten im Profifußball jederzeit bewusst gewesen, in welch prädestinierte Lage sie versetzt worden sind?

Rettig: Zu Anfang ganz bestimmt. Leider haben viele Demutsbekundungen aus dem bezahlten Fußball nur eine kurze Dauer gehabt.

WDR: Sie haben zuletzt häufig davon gesprochen, dass der Profifußball seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren darf. Was meinen Sie damit konkret?

Rettig: Die Branche benötigt gesellschaftliche Akzeptanz, das ist für das Geschäft ganz entscheidend. Bleibt das aus, geht auch die Geschichte mit dem vielen Geldverdienen sehr schnell zu Ende. Bedeutet: Gewisse Ausreißer wie Flüge von Stuttgart nach Basel der deutschen Nationalmannschaft oder das Einfliegen von Frisören in Teamhotels müssen aufhören. Dazu darf in den Sozialen Medien nicht weiter ein falsches Bild aus dem Profifußball vorgegaukelt werden. Dort scheint immer die Sonne, dort ist alles immer super. Ist es aber in der Realität eben nicht.

WDR: Bodenständigkeit, soziales Engagement, Nachhaltigkeit - wie kann sich Viktoria Köln weiter entwickeln, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden?

Rettig: Wir haben in den Verträgen unserer Spieler sogenannte 'Gemeinwohlklauseln' eingeführt. Bedeutet: Kraft Arbeitsvertrag müssen sich unsere Spieler regelmäßig in den Bereichen Nachhaltigkeit, Soziales und/oder Bildung für das Gemeinwohl einbringen. Sie werden zum Beispiel zur Blutspende gehen, können Streetworker bei ihrer Jugendarbeit begleiten, alte Menschen besuchen und ihnen Gesellschaft leisten oder sie können bei einem Stadtteilfest für einen guten Zweck Kuchen verkaufen.

Wir machen ihnen also die verschiedensten Angebote. Und wir werden diese Aktivitäten einfordern. Denn wir sind überzeugt davon, dass es nicht nur ein Zeichen nach außen ist, sondern unsere Spieler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auch von solcherlei Aktivitäten profitieren werden.

WDR: Sie sagen, der professionelle Fußball muss sich vermehrt wieder auf die Fans zubewegen. Was meinen Sie damit?

Rettig: Neben der bereits angesprochenen Glaubwürdigkeit sind zwei weitere Aspekte ungemein wichtig: Bezahlbarkeit und Nahbarkeit. Wir haben bei Viktoria Köln unsere Preise so angepasst, dass es im günstigsten Fall möglich ist, ein Drittligaspiel inklusive Stadionwurst, Bier und Ticket für den öffentlichen Nahverkehr für 15 Euro zu erleben.

In Sachen Nahbarkeit: Wir haben unlängst Fans und Dauerkartenbesitzer in unsere Mannschaftskabine eingeladen. Da gab es ein kölsches Büffet und Bier vom Fass. Das ging bis spät in den Abend und wir hatten alle eine Menge Spaß. So stelle ich mir Nähe zu den Fans vor.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 20.07.2021, 12:00

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