Tierwohl im Pferdesport - ein emotionales Thema mit vielen Facetten

Annika Schleu

CHIO in Aachen

Tierwohl im Pferdesport - ein emotionales Thema mit vielen Facetten

Von Volker Schulte

Zum Start des CHIO in Aachen kocht die Tierwohl-Debatte wieder hoch. Ist Pferdesport noch zeitgemäß? Werden die Tiere zu Höchstleistungen gezwungen? Ein Überblick.

Dieses Bild bleibt hängen von Olympia 2021 in Tokio: Fünfkämpferin Annika Schleu verzweifelt weinend auf dem Rücken von Saint Boy, der sich weigert, in den Spingreitparcour zu gehen. Schleu setzt Gerte und Sporen ein, ihre Trainerin Kim Raisner ruft: "Hau richtig drauf!" Beide standen im Anschluss heftig in der Kritik.

Zum Start des CHIO in Aachen, dem größten Pferdesportturnier der Welt, kocht die Tierwohl-Diskussion wieder hoch. Das Thema ist emotional und hoch komplex - hier ein Überblick über wichtige Aspekte und Meinungen.

Unterschied Fünfkampf und Springreiten

Eine Besonderheit im Modernen Fünfkampf ist, dass den Athleten Pferde zugelost werden. Sie haben nur 20 Minuten Zeit, sich mit dem fremden Pferd vertraut zu machen. Eine intensive, langjährige Reitausbildung wäre da hilfreich - aber dafür bleibt Fünfkämpfern keine Zeit. Denn sie müssen auch auf hohem Niveau Fechten, Schwimmen, Laufen und Schießen können. Hinzu kommt, dass auch die Reit-Trainer meist keine Spezialisten sind, sondern Fünfkämpfer.

So hat es Annika Schleu womöglich auch deshalb nicht geschafft, das verunsicherte Pferd Saint Boy unter Kontrolle zu bringen. Einem erfahrenen Springreiter wie Ludger Beerbaum wäre dies wohl gelungen, darüber sind sich Fachleute einig. Oder aber er hätte abgebrochen. Denn für Springreiter ist Olympia nicht so existenziell wichtig ist wie für Fünfkämpfer, deren Sportart speziell für Olympia eingeführt worden ist.

Die Spezialisten, die beim CHIO an den Start gehen, verweisen zudem auf die enge Beziehung zu ihren Pferden. "Was unseren Sport ausmacht, ist eine gute Partnerschaft, die sich über Jahre der Zusammenarbeit entwickelt", sagte Beerbaum im WDR-Interview. Der Wettkampfmodus des Modernen Fünfkampfs sei deshalb nicht mehr zeitgemäß. "Die sollen von mir aus stattdessen Fahrradfahren oder etwas mit einem anderen Gerät machen - aber bitte nicht mit einem Pferd."

Der Pferdesport in der Kritik: Zwischen Tierwohl und Tierquälerei

Sportschau 15.09.2021 03:25 Min. Verfügbar bis 15.09.2022 ARD Von Marc Eschweiler


Hinzu kommt: Top-Pferde im Springen, der Dressur und der Vielseitigkeit sind sehr wertvoll. Die Reiter und Besitzer achten allein schon aus finanziellen Gründen auf die Gesundheit ihrer Tiere. So haben viele Top-Athleten, darunter die Olympiasiegerinnen Julia Krajewski und Jessica von Bredow-Werndl, ihre besten Pferde gar nicht mit nach Aachen gebracht. Sie geben ihnen im dichten Turnierkalender eine Pause.

Weitere Vorfälle bei Olympia

Neben dem Modernen Fünfkampf hat auch die Dressur in Tokio für Negativschlagzeilen gesorgt. Caroline Chew aus Singapur wurde disqualifiziert, weil die Richter Blut am Wallach Tribani festgestellt hatten.

Noch deutlich dramatischer war der Sturz von Vielseitigkeitsreiter Robin Godel. Sein Wallach Jet Set erlitt einen Bänderriss und musste eingeschläfert werden. "Irgendwie krass, dass Pferdequälen olympische Sportart ist", twitterte Comedian Aurel Mertz. Mit dieser Pauschalisierung brachte er viele Pferdesport-Fans gegen sich auf, regte aber auch eine Debatte über eine Grundsatzfrage an.

Ist Leistungssport auf Pferden zeitgemäß?

Menschen treiben Pferde zu Höchstleistungen, um selbst Wettbewerbe und mitunter sehr viel Geld zu gewinnen. Und während viele Reiter glaubwürdig versichern, dabei das Tierwohl im Blick zu haben, sorgen andere mit zweifelhaften Methoden und Pferdedoping für Skandale.

Bei Spitzensport-Veranstaltungen wie dem CHIO sollen Stewards Verstöße erkennen und ahnden, zudem haben Tierärzte die Pferde im Blick. Solche Kontrollen sind im Breitensport und im Training dagegen schwierig. "Das Schlimmste findet zu Hause statt", sagt die ehemalige Turnierreiterin Larissa Hartkopf im Gespräch mit dem WDR. "Ich bin der Ansicht, dass Pferde die modernen Sklaven unserer Gesellschaft sind, dass Pferde dem menschlichen Ego dienen müssen, um sportliche Erfolge zu erzielen."

Haben die Pferde Spaß am Leistungssport?

Oder kann es sein, dass die Pferde ihre Höchstleistungen sogar genießen? Beispielsweise das Top-Pferd von Dressur-Olympiasiegerin von Bredow-Werndl? "Wenn Sie eine Dalera sehen, gibt es glaube ich wenig Zweifel, dass das Pferd gerne dabei ist", sagt Friedrich-Wilhelm Hanbücken, Chef-Veterinär beim CHIO. "Wenn Sie ein Pferd zu großen Leistungen führen wollen, dann muss es auch mitmachen. Sonst kommen Sie nicht auf dieses Niveau."

CHIO-Chefveterinär: "Wenn ein Pferd nicht will, springt es nicht" Sportschau 15.09.2021 00:30 Min. Verfügbar bis 15.09.2022 Das Erste

Ein oft genanntes Gegenargument: Pferde seien Fluchttiere, denen ihr natürlicher Trieb abtrainiert werde. Im Spitzensport müssten sie funktionieren, dem Reiter gehorchen und unnatürliche Bewegungen ausführen. FN-Generalsekretär Sönke Lauterbach hält im WDR5-Tagesgespräch dagegen, dass Dressur-Lektionen und auch das Springen dem natürlichen Verhalten der Pferde auf der Weide ähnelten. Durch jahrelanges Training seien die Tiere dann auch bereit, eine ganze Kür zu reiten oder einen Springparcours zu bewältigen. Zwang sei aber falsch und kontraproduktiv. "Das Pferd muss das schon mitmachen wollen und auch das Talent dazu haben."

Das Pferd - Partner oder Sportgerät?

WDR 5 Tagesgespräch 15.09.2021 46:01 Min. Verfügbar bis 15.09.2022 WDR 5


Download

Julia Krajewski: "Man kann ein Pferd nicht zwingen"

Sportschau 15.09.2021 00:34 Min. Verfügbar bis 15.09.2022 Das Erste


Welche Alternativen gibt es?

Leonie Merheim vom Instagram-Kanal "Die mit den Pferden" plädiert im Sport-inside-Podcast für ein Umdenken in der Ausbildung. "Viel zu oft steht das Reiten im Vordergrund. Es fehlt in den Reitschulen oft an Zeit und Personal, Kindern und Erwachsenen beizubringen, die Sprache der Pferde zu lesen. Nur daraus kann feines Reiten entstehen."

Noch weiter geht zum Beispiel Reitlehrerin Mira Semelka aus Dorsten, die bei der Ausbildung beispielsweise auf eine starre Zügelführung verzichtet. Und die Historikerin Nele Fahnenbruck setzt sich gar nicht mehr auf den Rücken ihres Pferdes. "Ich möchte mich mit meinem Pferd auf Augenhöhe bewegen und mich nicht über es ermächtigen", erzählt sie im Sport-inside-Podcast.

Zwischen Pferdeliebe und Tierquälerei

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 04.09.2021 01:09:31 Std. Verfügbar bis 29.08.2041 WDR 5


Download

In der Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist die Bandbreite also enorm, die Meinungen sind vielfältig. Und mit jedem neuen Skandal wird die Diskussion um den Pferdesport wieder aufleben.

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Stand: 15.09.2021, 18:30

Darstellung: