Wie das tapfere Schneiderlein die Arschkarte erfand

Rudolf Kreitlein

Die Rote Karte wird 50

Wie das tapfere Schneiderlein die Arschkarte erfand

Der 3. April ist ein besonderer Tag für den Deutschen Fußball, denn es ist die Premiere der "Arschkarte". Vor 50 Jahren sieht zum ersten Mal ein Spieler in Deutschland die Rote Karte.

Im Frankfurter Waldstadion gewinnt die Eintracht gegen den Gegner aus Braunschweig ungefährdet 5:2 - soweit so unspektakulär. Dabei ist die zwanzigste Minute im Frühling 1971 eine historische: Nationalspieler Friedel Lutz sieht durch Schiedsrichter Wilfried Hilker die erste Rote Karte im Deutschen Fußball. Damit wird etwas umgesetzt, was fünf Jahre zuvor in England erdacht wurde, dessen Anfänge aber bis in die 60er-Jahre zurückreichen.

Die Anfänge

Rudolf Kreitlein wird 1919 in Fürth geboren und geht dort zur Schule, bevor er anschließend eine Lehre zum Schneider macht. Seit 1937 ist Kreitlein nebenher Schiedsrichter, ehe er in den Unruhen des zweiten Weltkriegs in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät und in dieser Zeit Schiedsrichter ausbildet. Mit Ende des Kriegs verschlägt es den 1,60 Meter kleinen Schneidermeister nach Stuttgart, wo er 1949 Vertragsfußballer beim SC wird. Aufgrund einer Meniskusverletzung beendete er nur zwei Jahre später seine Karriere und greift wieder zur Pfeife.

Der Griff zur Pfeife

Am 23. Juli 1966 pfeift Kreitlein das WM-Viertelfinale zwischen Gastgeber England und Argentinien, das nicht aber zuletzt wegen ihm in die Fußball-Geschichte eingeht und diese nicht weniger prägend wird, als das legendäre Wembley-Tor im Finale zwischen Deutschland und England durch Kapitän Geoff Hurst. Gegen die Argentinier erzielt eben jener Geoff Hurst das entscheidende Tor in einem Spiel, das bereits mit Anpfiff ruppig und hart geführt wird.

Keine einfache Partie für Schiedsrichter Rudolf Kreitlein also. Während Hurst seine Mannen als Kapitän in Front bringt, nimmt sein Pendant Antonio Rattín, ein hoch aufgeschossener Kerl, der körperlich wenig mit den ihm nachfolgenden legendären argentinischen Zehnern Maradona und Messi gemein hatte, anders Einfluss.

Das tapfere Schneiderlein

In der 35. Minute rennt Rattín von hinten auf Kreitlein zu und schreit ihn an. Für den Stuttgarter ist das trotz der Sprachbarriere eine Form der Schiedsrichterbeleidigung, die er sanktioniert. Der 1,60 Meter kleine Schneidermeister verweist den aufgebrachten Kapitän der "Albiceleste" (der Blauweißen) wie damals üblich mündlich und per Handzeichen des Feldes. Doch dieser weigert sich, das Spielfeld zu verlassen.

Kreitlein hingegen lässt sich nicht beeindrucken. Ganze zehn Minuten ist das Spiel unterbrochen, ehe Rattín von der Polizei vom Platz eskortiert wird. Eine Szene, die dem Stuttgarter in Anlehnung an seinen Beruf und Mut den Spitznamen "das tapfere Schneiderlein" einbringt und die am Spielfeldrand von Kreitleins englischem Schiedsrichterkollegen Ken Aston aufmerksam beobachtet wird.

Die Schlacht von Santiago

Bereits bei der Weltmeisterschaft 1962 hatte Aston eine ähnliche Situation durchlebt und das Spiel zwischen Chile und Italien geleitet, das noch heute unter dem Namen "die Schlacht von Santiago" berühmt-berüchtigt ist. Zwei mündliche Platzverweise hatte er damals ausgesprochen, mit dem Ergebnis, dass die sanktionierten Spieler angeblich aufgrund der Sprachbarriere unter Zuhilfenahme der Polizei in die Kabine begleitet werden mussten. Der Vorfall zwischen Kreitlein und Rattín überzeugt den inzwischen als Schiedsrichterfunktionär aktiven Aston endgültig davon, dass mündliche Verwarnungen und Strafen nicht mehr ihren Zweck erfüllen.

Nach dem Spiel kommt Aston an einer Ampel im Londoner Verkehr die zündende Idee zur Visualisierung von Strafen durch Farbsymbolik. Die Erfolgsformel lautet "Yellow, take it easy; red, stop, you're off", die er am folgenden Tag Kreitlein präsentiert, der sie schließlich bei der FIFA durchsetzt.

Deutschlands Traum ist Kreitleins Ende

Noch ohne die Karten steht Kreitlein in England 1966 direkt nach dem Viertelfinale erstmal Ärger ins Haus. Nicht nur muss er unter Polizeischutz in den Kabinengang geleitet werden, sondern der argentinische Verband fordert auch zusätzlich bei der FIFA, den deutschen Unparteiischen von der internationalen Schiedsrichterliste zu streichen. Doch der Weltverband stellt sich hinter Kreitlein und der ehemalige Schiedsrichter und damalige FIFA-Präsident Sir Stanley Rous sagt nach Kreitleins guter Spielleitung bei der Partie zwischen Italien und Russland, man habe den Final-Schiedsrichter gefunden. Doch aufgrund des Einzugs der deutschen Nationalmannschaft ins Endspiel kann Kreitlein nicht eingesetzt werden.

Die Deutschen und die Karten

Die neuen Karten werden bei den Olympischen Spielen 1968 und der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko getestet - jedoch noch nicht fest eingeführt, wie Fußball-Historikerin Petra Tabarelli erzählt. Aber da die gelben und roten Strafkartons sowohl bei Spielern, Schiedsrichtern wie Zuschauern auf viel Gegenliebe stoßen, wird ihr Einsatz unmittelbar nach der WM 1970 in Mexiko beschlossen. Mit dem Mannheimer Kurt Tschenscher ist es abermals ein Schiedsrichter aus dem Südwesten Deutschlands, der die erste gelbe Karte zieht. Während der Vorrundenpartie zwischen Mexiko und der Sowjetunion verwarnt Tschenscher den Russen Ewgeni Lowtschew.

Der Einsatz der ersten Roten Karte lässt weitere vier Jahre auf sich warten. Und wieder haben die Deutschen ihre Finger im Spiel. Bei der WM 1974 im Berliner Olympiastadion während des Spiels Deutschland gegen Chile wird der Chilene Caszely vom türkischen Unparteiischen Doğan Babacan vor über 80.000 Zuschauern vom Platz gestellt. Die Chronisten verzeichnen den ersten Platzverweis durch eine "Arschkarte" überhaupt.

Ein langer Weg

Am 3. April jährt sich der erste Einsatz der Roten Karte in Deutschland zum fünfzigsten Mal. Rudolf Kreitlein, das tapfere Schneiderlein von Wembley, der Mit-Erfinder der Roten Karte, stirbt am 31. Juli 2012 in seiner Heimat Stuttgart-Degerloch, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Warum die Rote Karte übrigens im Volksmund Arschkarte heißt, ist bis zum heutigen Tage ungeklärt - möglicherweise, weil die Schiedsrichter seit jeher die Rote Karte in der Gesäßtasche trugen.

Sicher ist, dass sie eine Geschichte hat, die lange vorher ihren Anfang nahm und von Rudolf Kreitlein entscheidend geprägt wurde und die es wert ist, sich an sie zu erinnern – gerade dann, wenn mal wieder die eigene Mannschaft die Arschkarte zieht.

SWR | Stand: 03.04.2021, 12:15

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