Nach der Flutkatastrophe

Wenn Fußballvereine keinen Platz mehr haben

Stand: 06.10.2021, 09:06 Uhr

Entwurzelte Bäume, Schutt und Trümmer - alles Dinge, die man nicht auf einem Sportplatz vermutet, die aber nach der Flut dort zu finden waren. Viele Plätze im Ahrtal sind unbespielbar und das noch für unbestimmte Zeit. Wie geht es für die Vereine jetzt weiter?

Noch vor ein paar Monaten wurde die erste Mannschaft des Ahrweiler BC als Titelfavorit gehandelt, doch der Titelkampf dürfte für den Verein zunächst einmal in den Hintergrund gerückt sein. Denn die Flut hat alles zerstört: die Kabinen, die Sportanlagen und das neu renovierte Vereinsheim. Beim Ahrweiler BC fangen sie jetzt wieder von vorne an.

Schwieriger Neustart beim Ahrweiler BC

Doch der Neustart gestaltet sich schwierig. 350 Kinder und Jugendliche müssen auf sechs Ausweichplätze in der Nähe verteilt werden - auf die Plätze der Liga-Konkurrenten. Die zeigen sich hilfsbereit, aber dennoch: Mehr als einmal in der Woche ist ein Training oft nicht möglich. Dazu kommt: Viele Schulen im Umkreis mussten wegen der Flut ebenfalls umdisponieren. Nicht mehr alle Schüler und Schülerinnen können zusammen im Unterricht sein. Stattdessen gibt es einen Schicht-Betrieb, der auch nachmittags stattfindet, das heißt: keine Zeit zum Fußballspielen.

Fußball soll Halt geben

Aber der Sport ist in dieser Zeit wichtiger denn je, das merken auch die Verantwortlichen. Mindestens die Hälfte aller Vereinsmitglieder war auch privat von der Flut betroffen, etliche wurden obdachlos und viele müssen noch das Trauma des Hochwassers verarbeiten. "Da sind Kids dabei, die saßen mit T-Shirt und Jogginghose auf dem Dachgiebel" erzählt Martin Brand, Vorstandsmitglied des Ahrweiler BC, "wir haben eine Kinderpsychologin kontaktiert und die meinte, gebt den Kindern so schnell es geht, ein bisschen Struktur wieder". Und genau das versucht der Verein - ein bisschen Normalität in dieser Zeit zu schaffen.

Fußball ist mehr als nur Kicken

Anspruchsvoll sind die Kinder dabei nicht: "Es ist mir sowas von egal, ob Hartplatz oder auf einem normalen Feld, für mich ist Fußball alles" erzählt Jugendspieler Maurice. Und auch für seinen Teamkollegen Justus ist der Sport die beste Ablenkung: "Eigentlich vergesse ich alles. Ich denk nur daran, dass ich ein Tor schießen will." Dass es mit dem Vereinsleben weitergeht, ist aber nicht nur für die Kinder ein Stück herbeigesehnte Normalität, auch den Älteren gibt es in dieser Zeit Halt. So trifft man sich weiterhin auf dem zerstörten Sportplatz zu Bier und Bratwurst, denn "Fußball ist immer ein bisschen mehr als Kicken", sagt Jugendleiter Gerd Treffer, "das ist auch dieses Gemeinschaftsleben und (...) das ist uns wichtig, dass wir uns trotzdem treffen und austauschen."

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SG Ahrtal trainiert und spielt wieder

Auch die Mannschaften der SG Ahrtal trainieren und spielen bereits wieder und das, obwohl alle vier Plätze durch das Hochwasser zerstört wurden. Zwei können wohl nicht wieder aufgebaut werden - sie liegen im Überschwemmungsgebiet. Aber auch hier konnte der Verein auf die Hilfe der Nachbarvereine setzen. "Ich hab sofort gemerkt, dass die Kinder Feuer und Flamme waren, als wir gesagt haben es geht wieder los", erzählt der Vorsitzender der SG Ahrtal Peter Zimmermann, "denn die haben aufgrund von Corona schon anderthalb Jahre verzichtet." Für die Kinder gab es im Sommer bereits ein Feriencamp, organisiert von "Fußball hilft!", der Stiftung des Fußballverbandes Rheinland. Dabei ging es aber nicht nur um den Sport, sondern auch darum, das Erlebte zu verarbeiten. Viele Kinder kamen damals ohne Schuhe und nur mit provisorischer Sportkleidung - das meiste hatte das Wasser im Juli davon geschwemmt.

Aufbau der Sportanlagen nicht das Wichtigste

Der Sport dient vielen als Ablenkung von den chaotischen Zuständen, die teilweise noch herrschen. Trotzdem steht der Wiederaufbau der Sportstätten auf der Prioritäten-Liste nicht oben. "Wenn ich jetzt hier (mit dem Fußballplatz, Anm. d. Red.) anfangen würde, das würde kein Geschädigter verstehen" sagt Helmut Lussi, der Ortsbürgermeister von Schuld, "wir haben im Ort so viele Dinge, die vorangetrieben werden müssen, dann ist das hier eine der Aufgaben, die ziemlich hinten ansteht".

Froh über Unterstützung aus der Region

Das verstehen sie auch bei der SG Ahrtal. Sie sind froh, überhaupt wieder spielen zu können und freuen sich über die Solidarität und den Zusammenhalt in der Region. Genauso wie über die Hilfe der Nachbarvereine, die, rein sportlich gesehen, ja eigentlich Rivalen sind. Aber in diesem Fall ist Fußball doch nur Nebensache, wenn auch vielleicht die schönste der Welt.

Quelle: SWR

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