Unions Timo Baumgartl ist zum ersten Mal seit seiner Tumor-OP wieder auf den Trainingsplatz zurückgekehrt (1. FC Union Berlin)

Hodenkrebs-Erkrankung Timo Baumgartl: "Das gemeinsame Weinen tat gut"

Stand: 05.08.2022 14:13 Uhr

Timo Baumgartl ist nach seiner Hodenkrebs-Operation wieder ins Training eingestiegen. Ein Gespräch über düstere Gedanken, starke Gefühle und ungewöhnliche Witze.

Mittwoch war ein guter Tag für Timo Baumgartl. Der Abwehrspieler von Union Berlin konnte erstmals nach seiner Krebsoperation wieder trainieren. Der 26-Jährige hatte zuletzt große Zuversicht für eine Rückkehr in den Profisport verbreitet, nachdem er alle nötigen Chemotherapie-Zyklen hinter sich gebracht hatte. Mitte Mai hatte sich der in Böblingen geborene Profi wegen eines Tumors im Hoden einer Krebsoperation unterzogen. Der Hoden wurde dabei entfernt. SWR Sport hat Baumgartl in Berlin zum Interview getroffen:

SWR Sport: Wie haben Sie den Tag Ihrer Vorsorge-Untersuchung erlebt?

Timo Baumgartl: Es war ein freier Tag. Meine Freundin und ich hatten uns nach dem Arztbesuch zum Essen verabredet. Ich habe sie angerufen und sie hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich sagte: 'Da ist irgendwas. Sie müssen das nachkontrollieren.' Es war also nicht klar, was es ist. Aber man macht sich schon Gedanken. Da tut eine Umarmung gut. Da tut ein freudiger Hund gut, der zu einem kommt. Am Tag drauf, als wir dann die Krebs-Diagnose bekamen, tat das gemeinsame Weinen gut. Der Hund wird dann ruhiger, legt sich einfach nur dazu und schmust sich an dich. Das sind Momente, in denen es wichtig ist, Gefühle zu zeigen.

Andere Menschen hätten genau damit ein Problem...

Ich habe kein Probleme, vor meiner Freundin oder vor meinen Freunden Emotionen zu zeigen. Das habe ich auch erst lernen müssen, da man in unserem Beruf in dieser Hinsicht etwas abstumpft. Es gab Tage, an denen wir mehrere Stunden zusammen geweint haben.

Hätten Sie das Ganze ohne Ihre Partnerin geschafft?

Nein. Julia war in den schönen Momenten da und in den schlechten. Sie war immer der Fels in der Brandung. Sie hat mich auf den Boden zurückgeholt, wenn ich dachte, ich sei der Größte. Und jetzt hat sie mich getröstet. Das schweißt zusammen. Wir sind jetzt seit fast zehn Jahren zusammen. Es ist eine Schulliebe. Sie war 15, ich 16. Sie ist den ganzen Weg mit mir mitgegangen. Sie ist keine klassische "Spielerfrau" und will es auch nicht sein. Sie ist eine eigenständige Person und nicht nur die Freundin von Timo Baumgartl.

Thomas Bareiß, Sportschau, 06.08.2022 10:10 Uhr

"Ich wollte andere ermutigen"

Gab es in den vergangenen Wochen auch fröhliche Momente?

Ja, es gab Tage, an denen wir gesagt haben, wir lassen uns davon nicht zu sehr beeinflussen. Wir haben gemerkt, dass man mit Humor da rangehen kann. Wir haben sogar Witze darüber gemacht.

Witze über Hodenkrebs!?

Ja, dir steht die ganze Ein-Hoden-Palette zur Verfügung. Man kann jetzt ja nicht mehr sagen: 'Du gehst mir auf die Eier.' Das funktioniert bei mir nicht mehr. Da heißt es jetzt: 'Du gehst mir aufs Ei.' Ich erlaube meinen Freunden, solche Witze zu machen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Ihre Erkrankung öffentlich zu machen?

Ich habe das erst einmal einige Tage sacken lassen. Wir haben das mit der Familie besprochen. Aber dann war mir relativ schnell klar, dass ich damit offen umgehen möchte. Die Vorsorgeuntersuchung hat mir letztlich eine Chance eröffnet. Ich denke, dass ich als öffentliche Person eine Vorbildfunktion habe. Ich wollte andere ermutigen, zur Vorsorge zu gehen. Mir haben viele geschrieben, dass sie sich geschämt haben, dass sie Narben haben, die sie im Freibad verdecken wollen. Aber sie schrieben auch, dass sie stolz waren, diesen Kampf gewonnen zu haben. Es hat mich berührt, dass ich andere inspirieren und ihnen Mut machen konnte.

Unser Gesundheitssystem schlägt bei Männern Vorsorgeuntersuchungen der Prostata und äußeren Genitalien erst ab 45 Jahren vor. Das wäre bei Ihnen zu spät gewesen...

Das System sollte geändert werden. Ab 45 ist viel zu spät. Junge Männer zwischen 14 und 40 haben das höchste Risiko bei Hodenkrebs. Frauen gehen nach der ersten Periode doch auch regelmäßig zur Frauenärztin.

Gespräche mit Haller und Richter

Sie sind nicht der einzige Fußballprofi, bei dem zuletzt Hodenkrebs diagnostiziert wurde. Auch bei Sébastian Haller (Bor. Dortmund) und Marco Richter (Hertha BSC) wurde die Erkrankung festgestellt. Haben Sie Kontakt zu ihnen?

Ich habe mit beiden geschrieben. Marco kenne ich aus der Nationalmannschaft und habe ohnehin Kontakt zu ihm. Ich habe mit Sébastian viel darüber geredet, was man in der Chemo machen kann, damit sie gut verläuft. Mir hatte es auch gut getan, mit Menschen zu schreiben, die das erlebt haben. Da wird einem Mut zugesprochen. Für Sébastian ist es besonders schwer. Er ist neu im Verein, im Ausland, kennt nicht viele Menschen. Da möchte ich ihn einfach unterstützen. Das Gleiche habe ich bei Marco gemacht. Wir haben uns schon für Samstag verabredet, am Rande des Spiels Union gegen Hertha. Darauf freue ich mich.

Haben Sie sich nach Ihrer Diagnose mit dem Thema Sterben und Tod befasst?

Wenn du das Wort Krebs hörst, musst du dich unweigerlich damit beschäftigen. Ich bin 26, Leistungssportler und hatte nie körperliche Probleme oder Symptome. Ich fühlte mich unangreifbar. Und dann eine solche Diagnose, das nagt ganz schön am Selbstbewusstsein. Mir gingen düstere Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn ich nicht mehr da bin? Du wolltest noch Kinder. Du lässt Freundin, Familie, Freunde und Hund zurück. Das war hart. Aber ich hörte, dass Hodenkrebs in fast allen Stadien zu knapp 100 Prozent heilbar ist. Mein Arzt war auch recht optimistisch. Wir haben eine Strichliste mit 64 Tagen runtergezählt - und jetzt bin ich soweit, dass ich in die Nachsorge übergehen darf.

"Wir planen, Kinder zu bekommen"

Welche Konsequenzen hat das alles auf Ihre Familienplanung?

Man geht da in der Regel den sicheren Weg. Man friert Spermien auf einer sogenannten Kryobank ein. (Dadurch können Paare später auch dann noch Kinder bekommen, wenn die Therapie die Fruchtbarkeit eines Partners beeinträchtigt hat, d.R.). Das ist eine Option, die wir auch wahrgenommen haben. Aber normalerweise reicht ein Hoden aus. Wir planen, Kinder zu bekommen. Das ist unser gemeinsamer Wunsch und sollte auch kein Problem darstellen.



Denken Sie nach Ihrer Rückkehr ins Training auch schon wieder an Ihren nächsten Bundesliga-Einsatz?

Ich gehe lieber Schritt für Schritt. Aber an schweren Tagen, wenn du im Krankenhaus liegst und die Chemo rein läuft, habe ich mir vorgestellt, wieder Bundesliga zu spielen. Aber letztlich ist erst mal wichtig, wieder einen Alltag zu haben. Meine Freundin und ich freuen uns auf das ganz Normale, aufs Staubsaugen, Aufräumen oder Wasserkisten tragen. Ich bin einfach nur froh, dass ich diese Dinge machen kann.

Wie haben diese Erfahrungen Sie verändert?

Ich denke oft: Worüber habe ich mich eigentlich in den letzten 26 Jahren aufgeregt? Jetzt lerne ich zu schätzen, dass ich noch Zeit habe. Ich gehe gelassener an Dinge heran. Wenn ich eine Chemotherapie geschafft habe, dann muss ich mir keinen Kopf mehr machen, wenn mir in einem Spiel mal ein Fehler unterlaufen ist.

Haben Sie einen Ratschlag für Menschen mit der Diagnose Hodenkrebs?

Ich kann nur raten: Geht offen damit um. Marco Richter hat's gemacht, Sébastian und ich auch. Ich glaube, es macht einen stärker. Man kann stolz darauf sein, egal, welche Narben man davon trägt. Offenheit hilft bei der Heilung und tut auch den Menschen im Umfeld gut.