Sven Hannawald über "Rumgeflachse am Mikrofon"

Sven Hannawald, der neue ARD Skisprung-Experte

Wintersport | Skispringen

Sven Hannawald über "Rumgeflachse am Mikrofon"

Sven Hannawald ist der neue Skisprung-Experte der ARD. Er wird an der Seite von Moderator Matthias Opdenhövel und Kommentator Tom Bartels die Skispringer durch den Winter begleiten. Im Interview spricht er über seine kommenden Aufgaben am Mikrofon, gibt eine Einschätzung zum deutschen Team und erklärt, warum es doch von Vorteil sein kann, eine Saison nur mit wenigen oder keinen Zuschauern zu haben.

Sven Hannawald, Sie sind der neue, alte Skisprung Experte der ARD. Wie sehr freuen Sie sich wieder mit dabei zu sein?

Sven Hannawald: Es sind natürlich viele Jahre vergangen und ich bin wirklich froh, dass es sich so ergeben hat. Die Stelle wollten viele haben, als Sie durch Dieters Rücktritt überraschend frei geworden ist. In meinem Fall habe ich eine Vorgeschichte 2005/2006, da musste ich dann leider gesundheitsbedingt doch den Rückzieher machen, weil ich damals noch nicht so weit war nach meinem Burnout. Und jetzt bin ich sehr froh. Die meisten kenne ich noch von damals, das ist ja auch immer schön. Und somit begebe ich mich auf den zweiten Teil der Reise und freue mich unheimlich drauf.

Wie gut kennen Sie Ihr neues Team eigentlich?

Wir hatten immer Kontakt über die Jahre, haben uns ausgetauscht und haben unsere Beziehung nie verloren. Das Team drum herum, ist natürlich gewachsen. Zur damaligen Zeit gab es das Thema Social Media beispielsweise noch nicht. Also auch das ist etwas Neues. Aber das geht man mit, das ist die neue Zeit. Das Grundthema wird Skispringen bleiben und da bin ich ja dann auch zu Hause.

Ihr neuer, alter Partner Tom Bartels kommentierte vor einigen Jahren Ihre Erfolge und Leistungen, jetzt werdet Ihr gemeinsam kommentieren. Wie wird das werden, was erwarten Sie?

Auch das etwas, worüber ich sehr froh bin. Er hat schon damals kommentiert und jetzt darf ich neben ihm sitzen und das eine oder andere Springen mit ihm begleiten, das ist toll. Über die Jahre war der Kontakt zu ihm immer da. Obwohl die Wege getrennt waren, ich bei einem anderen Sender war, oder auch gar nichts mit dem Skispringen zu tun hatte - Und dementsprechend ist man jetzt wieder näher zusammen, arbeitet natürlich gemeinschaftlich für das große Ganze und da freut man sich. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht zu viel Rumflachst. Am Ende des Tages wird im privaten natürlich mehr Blödsinn geredet, als vielleicht vor dem Mikrofon geredet werden sollte. Das sind so glaube ich unsere großen Hürden, aber ich denke, dass wir das hinbekommen.

Hannawald: "Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel rumflachst" 00:51 Min. Verfügbar bis 06.11.2021

Sie werden beim Skispringen einerseits moderieren und als Experte beim Kommentieren zu sehen und zu hören sein. Wo sehen Sie Ihre Stärken?

Auf die Reise, auf die ich mich jetzt begebe, das ist eine neue Welt. Dieter hat das überragend gemacht. Er war ein kongenialer Partner zu Matthias und dementsprechend war es überraschend für uns alle, dass er nicht mehr wollte. Grundlegend geht es um Skispringen, da bin ich schon mal froh, anmoderieren und abmoderieren muss ich auch nicht, da bin ich auch froh. Und für alle Lücken die ich habe, weiß ich, dass Dieter über die vielen Jahre so viel vorgearbeitet hat, dass ich hin und wieder, wenn ich Probleme haben sollte, auf jeden Fall weiß, dass ich Matthias fragen kann. Und er auf jeden Fall eine Antwort haben wird. Also, da bin ich mir relativ sicher.

Was erwarten Sie von dieser Ski Sprung Saison? 

Das wird eine spannende Saison. Zum einen natürlich coronabedingt. Im Sommer in Wisla hat man mal ein Grand Prix Wochenende durchgezogen, das hat super funktioniert, auch mit Zuschauern. In diesem Winter kann es so, speziell mit Zuschauern und den Abläufen, vielleicht nicht ganz so funktionieren, da jetzt im Herbst zum Winter hin die Zahlen rasant hoch gehen. Somit liegt es an jedem Einzelnen, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn man sich in den Zirkus begibt.

Das heißt?

Jeder Einzelne hat eine extrem hohes Risiko zu gehen, und dementsprechend muss man für sich selbst und für den Skisprungsport denken. Das heiß: Alles runterfahren, nur das Nötigste machen - damit unsere Sportart dann auch stattfinden kann. Vom Ablauf her hat sich natürlich Sandro Pertile, der neue Renndirektor unheimlich viele und positive Gedanken gemacht. Er hat unheimlich viel Arbeit mit seinem Team da reingesteckt und so grundlegend sollte es auch funktionieren.

Wie schätzen Sie die Chancen des deutschen Teams in der neuen Skisprungsaison 2020/2021 ein?

Ich glaube, dass das weiter wachsen wird. Das eine oder andere hat man mitbekommen, dass natürlich auch viele Junge auf einmal mit dazu kommen. Jetzt bei der Deutschen Meisterschaft war zum Beispiel Martin Hamann der Zweite, der etwas überraschend auf dem Treppchen stand. Von Markus Eisenbichler geht man auf jeden Fall davon aus, dass er vorne eine Rolle spielen wird. Hin und wieder wollte er ein bisschen zu viel, weil er auch vom Typ 'Entweder oder' ist.

Sven Hannawald über die Chancen des deutschen Skisprung-Teams 01:32 Min. Verfügbar bis 06.11.2021

Karl ist so derjenige, der das in altgewohnter Ruhe angeht und sich nicht beunruhigen lässt. Auch wenn es vielleicht nicht ganz so läuft, er dann aber die Startnummer anhat und offiziell im Wettkampf steht, dann kann er auch seine Leistung abrufen. Ich freue mich für Andreas Wellinger, dass er wieder mit dabei ist im Team und auch für jeden einzelnen jungen Nachwuchsspringer. Das Team um Stefan Horngacher macht eine sensationelle Arbeit. Das weiß ich. Sie setzen auf gutes teaminternes Klima. Das war schon in unserer Zeit damals mit das Wichtigste. Dementsprechend freue ich mich auf den Winter, weiß aber auch, dass ein polnisches Team im Sommer überragend war. Da waren unsere Deutschen nicht mit dabei, da kann man dann nur ein bisschen spekulieren. Aber das sind so Dinge: Man weiß dass die Konkurrenz hoch sein wird, aber ich gehe davon aus, dass unsere Deutschen gewappnet sein werden und dagegen halten werden.

Wird es dadurch, dass so gut wie keine Wettkämpfe stattgefunden haben auch etwas spannender als zuvor? Weil jeder in seiner Blase lebt und für sich trainiert?

Ja, das kommt in diesem Jahr auch noch hinzu, dass man natürlich coronabedingt in seiner eigenen Welt geblieben ist und man die Lehrgänge nicht nationenübergreifend gestaltet hat, sondern man wirklich auch geguckt hat, dass man unter sich bleibt. Und somit weiß die eine oder andere Nation dann vielleicht vom Hörensagen, dass der oder der gut sein soll. Aber man kann sich selber auch nicht so gut einstufen, weil man keinen direkten Vergleich hatte, außerhalb des Grand Prixs in Wisla im Sommer. Und somit ist in diesem Jahr von Nation zu Nation eine unglaubliche Spannung da. Weil die wirklich keine Vergleiche haben und das ist natürlich das prickelnde, was uns alle freudig stimmt. Für die Zuschauer ist es sowieso immer spannend, weil die, wenn der Winter kommt, wieder Skispringen erleben dürfen, und hoffentlich auch bis zum Schluss erleben dürfen.

Andreas Wellinger feiert sein Comeback in diesem Winter. Was denken Sie, ist da Ihre Prognose für den Winter?

Ich glaube, dass das Wichtigste nach einer Verletzung ist, sich die Ruhe zu geben und man nicht in Panik gerät, weil man irgendeine Zeit aufholen muss. Wenn man merkt, die OP ist gut verlaufen, man hat zwar noch ein paar Schwierigkeiten aber das kriegt man durch Bewegung wieder weg, ist das gut. Weil letztendlich der Körper auch eine Weile braucht, um sich zu regenerieren. Das ist aber auch die Philosophie von Stefan Horngacher. Das sieht man an Stephan Leyhe, der wirklich jetzt schon von vornherein weiß, dass er diese Saison keinen offiziellen Sprung machen wird. Weil natürlich auch Stefan Horngacher weiß, ein Kreuzbandriss ist auch bei uns, wie beim Fußball, eine schlimme Verletzung und da kann die Karriere dran hängen. Die Voraussetzung, dass es weiter geht, ist wirklich das auszukurieren und dem Körper die Zeit geben, dass wirklich alles bombenfest wird und danach kann man natürlich Gas geben.

Genau so war es bei Andi Welliger auch. Da hat man sich wirklich die Zeit genommen. Jetzt scharrt er mit den Hufen und freut sich dabei zu sein. Es kann natürlich sein, dass vor lauter Euphorie das eine oder andere zu schnell voran geht und er deswegen nicht alles direkt abrufen kann. Aber ich glaube Andi ist von der Lockerheit, so wie er rüber kommt, auch einer, der das schaffen kann. Der trotzdem noch ein bisschen Zeit braucht, ich mich aber über jedes super Ergebnis freue. Und super Ergebnis heißt in meinen Augen auch nicht, dass es ein Podestplatz sein muss, sondern wenn er sich mal unter den besten Zehn im Weltcup zeigt und blicken lässt, ist das für mich schon ein sensationelles Ergebnis.

Wer sind denn Ihre Favoriten in diesem Winter?

Von den Favoriten aus deutscher Sicht glaube ich schon, dass nach wie vor Markus Eisenbichler das heiße Eisen im Feuer ist. Er war es über die Jahre hinweg auch immer. Er hat es manchmal ein bisschen übertrieben, weil er wusste wahrscheinlich, dass er gut drauf ist und wollte es dann extra noch zeigen. Aber nichts desto trotz ist ein Karl Geiger wieder mit seiner souveränen Art und Ruhe auch einer der Trümpfe aus unserer Sicht.

Die Weltcups werden ohne Zuschauer oder mit nur sehr wenigen Zuschauern stattfinden, was macht das aus? Wie wichtig sind sie, gerade auch bei der Vierschanzentournee?

Ja, letztlich waren Zuschauer für mich immer dann so eine Art Unterstützung, die aber auch einen gewissen Erwartungsdruck schüren. Gerade wenn man dann bei der Tournee oben saß und dann unten die Hütte voll war. Selbst wenn man wusste, dass man eine gute Form hat, war man sich nicht mehr ganz so sicher, ob man es abrufen kann. Weil man so eine Euphorie noch nie erlebt hat. Das wird in diesem Jahr dann beim einen oder anderen auch mit eine Rolle spielen, im positiven Sinne. Dass man die Überaufregung dann gar nicht spüren wird.

Sven Hannawald über die Vor- und Nachteile von Zuschauern 01:48 Min. Verfügbar bis 06.11.2021

Und somit können es diejenigen, die sich ein bisschen mehr unter Druck setzen, wenn viel los ist und einen Erwartungsdruck spüren, eigentlich ein bisschen ruhiger angehen. Und da gehe ich ja auch wieder in die Richtung von Markus Eisenbichler. Da wird es dann so sein, dass man nicht mehr so aufgeregt ist und dann da ein bisschen lockerer rangehen kann. Und das wird spannend. Das gilt nicht für alle Wettkämpfe, denn bei der WM oder bei anderen Erfolgen waren ja auch Zuschauer dabei.

Für uns Zuschauer wird es dann etwas ungewohnt, weil wir diejenigen sind, für die es nicht laut genug sein kann. So etwas hatte ich in meiner Laufbahn nie. Wenn es Tournee hieß, dann war die Hütte voll. Wenn es hieß Training, dann war sie leer. Das wird auch für mich ungewohnt so ein Stadion bei einer Tournee nicht ganz so voll zu sehen.

SWR | Stand: 06.11.2020, 16:11

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