Sven Hannawald: Die Schanze als Bild für den Lebensweg

Sven Hannawald 2002 bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen 00:27 Min. Verfügbar bis 28.12.2021

Skispringen | Hintergrund

Sven Hannawald: Die Schanze als Bild für den Lebensweg

Sven Hannawald hat sportlich fast alles erreicht, was man im Skispringen erreichen kann. Doch nach seinem Höhenflug kam der gesundheitliche Absturz. Heute hilft der 46-Jährige anderen, die richtige Balance in ihrem Leben zu finden.

Bischofshofen 2002. Ein ewiger Mythos der Vierschanzentournee steht kurz davor, zur Realität zu werden. Sven Hannawald hat bereits drei der vier Springen gewonnen, könnte mit seinem letzten Versuch auch das Dreikönigsspringen gewinnen und sich zur Legende seines Sports machen. "Hanni" fliegt ohne Umwege in die Geschichtsbücher. Als erstem Sportler überhaupt gelingt es ihm, alle vier Springen der Tournee für sich zu entscheiden.

Ganz nach oben. Und ganz nach unten.

Die Wintersportwelt verneigt sich bis heute vor dem Mann aus dem Erzgebirge. Der vierfache Weltmeister im Skispringen und -fliegen und Olympiasieger im Team weiß, wie es ist, ganz oben zu stehen. Doch er weiß genauso gut wie es ist, tief zu fallen. 2005 verkündet Hannawald das Ende seiner aktiven Karriere in Folge einer Burn-Out-Erkrankung.

Vom Schanzentisch ans Rednerpult

Mit dem Ende seiner Laufbahn als Skispringer beginnt für Hannawald ein neues Leben. Stets bleibt er dabei dem Sport in seiner Reinform treu, ohne medialen Druck und übertriebene Erwartungen. Er ist unter anderem als Rennfahrer und Amateur-Fußballer tätig. Aber auch außerhalb der Welt des Sports hat sich Hannawald mittlerweile einen Namen gemacht. Seit 2016 ist er als Speaker in der Unternehmensberatung aktiv. Den Schwerpunkt legt er hierbei auf die betriebliche Gesundheit. In seinen Seminaren thematisiert er Leistungsdruck und fehlende Balance. Oftmals hält er Workshops an alten Wirkungsstätten ab. Die Teilnehmer wandern gemeinsam mit Hannawald eine Skisprungschanze hinauf. "Das Profil einer Schanze spiegelt eine Art Karriereleiter oder auch unseren Lebensweg extrem wider", begründet er seine Wahl gegenüber SWR Sport. Diese Erkenntnis möchte Hannawald seinen Seminarteilnehmern vor Ort bildlich machen. "Wir merken dann, wenn es steiler und anstrengend wird, dass wir das Ziel nicht mehr sehen, weil der Buckel vor uns ist", so der 46-Jährige. Das ließe sich gut aufs allgemeine Leben übertragen.

Als Experte nicht mehr wegzudenken

Hannawalds Entwicklung vom Spitzensportler zum erfolgreichen "Allrounder" zeigt sich nicht nur in seinem Engagement als Unternehmensberater. Von 2016 bis 2020 berichtete er als Experte für Eurosport von Springen aus aller Welt. Legendär ist seine Berichterstattung von den Skisprung-Weltmeisterschaften 2019 in Innsbruck. Nach dem entscheidenden Sprung von Markus Eisenbichler ist Hannawald kaum in der Sprecherkabine zu halten. Zu groß ist die Freude über den Weltmeistertitel für den Kollegen. Ab diesem Winter ist Hannawald für die ARD aktiv. Ob man sich auf ähnliche Szenen freuen darf lässt er im Interview mit SWR Sport offen: "In diesem Jahr weiß ich, dass sie (die deutschen Springer) da oben mitspringen können und dann ist vielleicht die große Euphorie gar nicht so dabei."

Wie überzeugt er von Karl Geiger und Markus Eisenbichler ist, betont der ehemalige Weltmeister im Interview mehrfach. Besonders stark schätzt Hannawald dieses Jahr Eisenbichler ein: "Wenn Markus Fehler macht, haben andere Chancen. Wenn Markus keine macht, gewinnt er." Dass die Corona-Pandemie für ungewöhnliche Bedingungen sorgt, sieht er nicht zwingend als Nachteil.

Skispringen vor leeren Rängen - Gibt es nur Verlierer?

Skispringen lebt schon immer von den Zuschauern, welche zu Tausenden an die Schanzen strömen und die Auslaufzone am Fuß des Hanges in ein Tollhaus verwandeln. Dieses Jahr macht das Corona-Virus eine gewohnt stimmungsvolle Vierschanzentournee unmöglich. Außer einigen Medienvertretern und den Coaches der Athleten werden die Tribünen in diesem Winter leer bleiben. Für Hannawald hat diese Situation nicht nur Nachteile: "Es wird auch Gewinner geben, speziell die Springer, die vor so viel Publikum nicht ganz locker waren. Die haben in meinen Augen in dieser Saison mehr Möglichkeiten, weil das eher wie ein Trainingswettkampf rüberkommt." Dass durch das fehlende Publikum die Springer nicht zu Bestleistungen motiviert werden könnten, erachtet er als falsch: "Ich glaube, dass die Jungs sich einfach freuen, dass sie sich battlen dürfen, dass sie mit verschiedensten Nationen oben am Start stehen und endlich Wettkämpfe sind."

Abschalten als Familienvater

Sven Hannawald blickt auf bewegte Jahre als Spitzensportler, TV-Experte und Unternehmensberater zurück. Komplett abschalten kann der 46-Jährige bei seiner Familie, wie er SWR Sport im Interview erzählt: "Ich bin dann natürlich der Familienpapa, der sich auf die Kinder freut und die Familie genießt. Auf der anderen Seite ist mir auch der Sport wichtig, dass ich mich weiter bewege, dass ich weiter meinen Körper etwas reize, dass der nicht zu schnell einschläft." Ganz loslassen wird Hannawald den Sport, der sein Leben nach wie vor prägt, vermutlich nie.

SWR | Stand: 28.12.2020, 11:50

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