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Fußball | Trainerentlassungen Statistikwissenschaftler: Trainerentlassungen sind Unsinn

Stand: 11.06.2022 12:46 Uhr

Trainerentlassungen gehören mittlerweile zum Fußballgeschäft wie Rote Karten und Meistertitel. Auch gegen Ende der vergangenen Saison häuften sich Entlassungen von Trainern. Statistikwissenschaftler Andreas Heuer hat zum Sinn und Unsinn von Trainerentlassungen geforscht. Ein Interview von Kersten Eichhorn.

Professor Andreas Heuer, Statistik-Wissenschaftler an der Uni Münster, hat den Effekt von Trainerentlassungen im Laufe der vergangenen Saison untersucht. SWR-Sportreporter Kersten Eichhorn hat ihn zu seinen Ergebnissen befragt.

SWR: Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Ist es Sinn oder Unsinn, Trainer rauszuwerfen?

Andreas Heuer: Es ist Unsinn. Der Effekt ist ein reiner Uneffekt. Es ist so, dass man oberflächlich denken könnte 'oh, die Mannschaft spielt ein bisschen besser'. Tut sie auch. Das hat aber einfach statistische Hintergründe. Typischerweise schmeißen ja Mannschaften aus unteren Tabellenbereichen die Trainer raus. Die haben typischerweise auch recht viel Pech gehabt. Nehmen wir mal Fürth. Die hatten zur Halbzeit nur fünf Punkte und haben jetzt deutlich mehr in der zweiten Hälfte gehabt. Dieser Effekt ist aber rein statistisch zu verstehen und hat nichts damit zu tun, dass Trainerwechsel etwas gebracht hätten. Es hat wirklich null Effekt.

Andreas Heuer: Trainerentlassungen sind Unsinn

SWR: In Stuttgart wird man also sagen, nach ihrer Statistik hat der VfB alles richtig gemacht, indem er an Matarazzo im Abstiegskampf festgehalten hat. In Berlin wird man sagen, wäre man ohne den Retter Felix Magath abgestiegen? Wer hat denn nun recht?

Heuer: Naja, wenn man mal ehrlich ist, hat Felix Magath ziemlich viel Glück gehabt. Fußball besteht ganz, ganz viel aus Zufall. Das kann man statistisch analysieren. Und deswegen wird man immer einzelne Fälle kriegen, in denen man sagen kann 'das war super, dass es gemacht wurde'. Man weiß aber ja nie, was passiert wäre, wenn... Ein wunderschönes Beispiel ist ja Heidenheim. Eine Mannschaft, die jedes Jahr wieder toll spielt und die dieses Konzept der Kontinuität lebt und die mich immer wieder damit fasziniert. Dass das immer noch im Profifußball möglich ist. Es mag sicherlich den einzelnen Fall geben, in dem das Verhältnis total zerrüttet ist, oder wo aus anderen Gründen ein Wechsel passieren muss, aber das sind Aspekte, die nicht statistisch zu erfassen sind.

SWR: Ist ein Trainerwechsel eine Art Würfelspiel? Glück oder Pech?

Heuer: Nicht unbedingt. Glück und Pech habe ich eher auf die einzelnen Spiele bezogen. Wo der Tabellenerste beim Tabellenletzten verlieren kann, obwohl die Mannschaft eigentlich viel besser war. Tatsächlich hätte man denken können, dass es glückliche und weniger glückliche Trainerwechsel gibt. Wir haben das untersucht und es zeigte sich, dass der Effekt relativ gleich ist. Das hat uns ein bisschen gewundert. Aber das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Trainer, die letztendlich in den Bundesligamannschaften zu finden sind, eine gute Ausbildung haben und eine gute Qualität haben und dass sich das da dann auch widerspiegelt. Vielleicht muss man da auch sagen, dass diese wirklich exzellenten Trainer eben typischerweise auch nicht Feuerwehrmann spielen, sondern eher zu Saisonende irgendwo beginnen und es dann langfristig schaffen, die Mannschaft besser zu machen.

SWR: Was würden Sie machen? Sie sind Vereinsvorsitzender, stehen zehn Spieltage vor Ende auf dem letzten Tabellenplatz: Wechseln oder nicht?

Heuer: Vielleicht vergisst man da dann auch mal die Wissenschaft und fragt sich 'wie kann ich zeigen, dass ich ein Mensch der Tat bin?' Da würde ich vielleicht in einer schwachen Stunde dann auch auf die Idee kommen. Vielleicht auch durch den medialen Druck. Da ich vor dieser Situation nicht stehe, sondern als Wissenschaftler spreche, ist das zum Glück rein hypothetisch. Aber diese letzten Entscheidungen haben, glaube ich, immer viel mit Emotionen zu tun.