Sportpolitiker Klinge: "Eine gefährliche Abwärtsspirale"

Leere Halle in Mannheim.

Sport | Folgen der Corona-Verordnung

Sportpolitiker Klinge: "Eine gefährliche Abwärtsspirale"

Marcel Klinge (40) ist Mitglied im Sportausschuss des Bundestages. Der FDP-Politiker aus Villingen-Schwenningen kritisiert im SWR-Interview die seiner Ansicht nach "völlig überzogenen" Corona-Maßnahmen.

SWR Sport: Ab kommenden Montag gibt es in den Profiligen eine Rückkehr zu Geisterspielen, der Freizeit- und Amateursport stellt den Spielbetrieb komplett ein und Fitnessstudios müssen wieder dicht machen. Ist es nicht eigenartig: Weil wir uns um die Gesundheit sorgen, stellen wir das Sporttreiben, das gesund und fit hält, ein?

Klinge: Aus Sicht des Sports ist das in der Tat ein riesiger Widerspruch. Viele Leute verstehen nicht, warum sie keinen Breitensport mehr an der frischen Luft machen können und warum sie wieder für vier Wochen ein bisschen "eingesperrt" werden. Für die ehrenamtlichen Sportvereine ist das ein Schlag in die Magengegend, weil sie sich über den Sommer sehr viele Gedanken gemacht haben, viele tolle Maßnahmen und Hygienekonzepte entwickelt haben. Mir ist nicht bekannt, dass es größere Infektionsherde beim Breitensport gab. Deshalb sind das keine guten Nachrichten.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stehen hinter diesen Maßnahmen, wenn der Sport nicht als Infektionstreiber aufgefallen ist?

Es ist nicht nachvollziehbar, warum der Breitensport, aber auch der Profisport jetzt unter diesen Corona-Maßnahmen leiden muss. Es gibt keine belegbaren Zahlen, die nahelegen, dass es ein größeres Infektionsrisiko gibt. Deshalb gibt es eine große Frustration im Sportbereich, dass man jetzt für vier Wochen faktisch nichts machen kann. Es ist nicht nur nicht nachvollziehbar; die Zahlen geben es auch nicht her.

Die Fußball-Bundesliga wird wegen der TV-Gelder auch ohne Fans überleben können. Andere Ligen werden ohne Zuschauer-Einnahmen massive Probleme bekommen, viele Amateurvereine machen sich finanzielle Sorgen. Steuern wir auf ein Vereinssterben zu?

Die Gefahr ist sehr groß. Wir haben eben nicht nur Bayern München in Deutschland, sondern viele hunderttausend Vereine im Breitensport. Diese brauchen die Zuschauereinnahmen. Ich kenne außer den Klubs in der Fußball-Bundesliga keine Vereine, die nicht darauf angewiesen sind. Das fällt jetzt weg. Es laufen auch viele Mitglieder weg. Wenn jetzt wieder vier Wochen kein Sport möglich ist, wird der eine oder andere, der vielleicht in Kurzarbeit ist, überlegen, ob er sich den Sportverein für sich oder sein Kind noch leisten kann. Das ist eine ganz gefährliche Abwärtsspirale, in die wir hineinrutschen. Diese Maßnahmen sind mit Blick auf den Sport völlig überzogen.

Fitness-Studios, die nun vier Wochen schließen müssen, kündigen bereits Klagen an. Droht eine Klagewelle?

Ich kann gut verstehen, dass viele Besitzer von Fitnessstudios ziemlich sauer sind. Sie haben womöglich viel investiert in Hygienemaßnahmen in den vergangenen Monaten, sie haben vielleicht neue Lüftungsanlagen gekauft. Es rollt eine Klagewelle auf uns zu. Ich finde es problematisch, dass diese Maßnahmen nicht wirklich begründet werden. Viele Maßnahmen werden vor den Gerichten nicht Bestand haben. Das haben wir zuletzt beim Beherbergungsverbot vor einigen Wochen gesehen. Nur, bis diese Klagen beschieden sind und die Kläger Recht bekommen haben, ist viel Zeit ins Land gegangen. Genau diese Zeit haben Fitnessstudios, die Wirtschaftsunternehmen sind, nicht.

Wir Menschen brauchen Bewegung, Spaß und soziale Kontakte - gerade in der dunkleren Jahreszeit. Durch den Sport bekommen wir all dies in den nächsten Wochen nicht. Welches Stimmungsbild erhalten Sie aus Ihrem Wahlkreis in Villingen-Schwenningen?

Es gibt eine große Verunsicherung und eine gewisse Traurigkeit. Der Sport in der Gemeinschaft, dem Verein fehlt. Er ist ja auch wichtig, um für sich etwas Gutes zu tun. Was viele nicht verstehen: Kinder und Jugendliche sitzen den ganzen Tag in der Schule auf engem Raum zusammen, haben aber am Nachmittag nicht die Möglichkeit, an der frischen Luft Sport zu treiben. Wir zahlen derzeit einen hohen Preis.

SWR | Stand: 01.11.2020, 18:34

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