Schwimmverband warnt: "Welle von Nichtschwimmern rollt auf uns zu"

Ein gesperrtes Schwimmbecken in einem Hallenbad

Breitensport | Vor Bund-Länder-Schalte

Schwimmverband warnt: "Welle von Nichtschwimmern rollt auf uns zu"

Seit knapp vier Monaten geht außer Leistungssport nichts mehr in Deutschlands Schwimmbädern. Verbände und Vereine warnen vor den Folgen des langen Lockdowns - vor allem für Kinder.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) weist schon seit Jahren darauf hin, dass immer weniger Kinder richtig schwimmen lernen. Bereits 2017 gab die Gesellschaft eine Studie zu dem Thema in Auftrag. Nach Maßstäben der DLRG waren schon damals 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. Eine Zahl, die in naher Zukunft noch deutlich steigen könnte.

Kaum Schwimmkurse, lange Wartezeiten

Denn durch die Beschränkungen in der Corona-Pandemie waren die Schwimmbäder in Deutschland im vergangenen Jahr nur für einige Monate geöffnet. Schwimmkurse wurden kaum angeboten. "Viele Vereine haben selbst in normalen Jahren Wartezeiten für Kinder-Schwimmkurse von bis zu einem Jahr", sagt Emanuel Vailakis, Geschäftsführer des Schwimmverbands Württemberg.

Düstere Aussichten - Schwimmbad-Sterben in Deutschland sport inside 23.09.2020 09:39 Min. Verfügbar bis 23.09.2021 WDR

"Wir werden eine riesige Welle von Kindern vor uns herschieben, die nicht richtig schwimmen können. Und wir werden Jahre brauchen, um das abzuarbeiten."

Quelle: Emanuel Valaikis, Geschäftsführer des Schwimmverbands Württemberg.

2020 sei in dieser Hinsicht ein verlorenes Jahr. Valaikis rechnet mit einem riesigen Ansturm auf die Kursplätze, sobald die Bäder wieder öffnen können - mit entsprechendem Rückstau. Mit schnellen Lockerungen rechnet er aber ohnehin nicht. Für die laufende Hallenbad-Saison macht er sich kaum noch Hoffnungen.

Vereine fürchten Nachwuchsmangel

"Wir haben die Kinder jetzt ein Jahr lang eingesperrt, jetzt wird es Zeit, dass wir sie wieder in Bewegung bringen", findet Carola Orszulik vom Schwimmsportverein Esslingen. Auch sie sieht den Trend, dass Kinder immer seltener und später Schwimmen lernen, mit Sorge. Das Corona-Jahr habe die Lage noch einmal verschlimmert. Auch für ihren Verein.

"Uns fehlen jetzt zwei Baby-Jahrgänge in der Wassergewöhnung, zwei Kinderjahrgänge in den Schwimmkursen und zwei Jahrgänge, die an den aktiven Sport herangeführt werden sollten", so Orszulik. Damit werde der Verein auch langfristig zu kämpfen haben. Esslingen ist unter anderem in der Wasserball Bundesliga der Herren vertreten.

Lockerungen unter Auflagen?

Vor dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch appelliert Emanuel Valaikis an die Politiker: "Wenigstens für den Bereich des Schwimmen-Lernens würde ich mir wünschen, dass die Bäder möglichst schnell wieder öffnen dürfen. Und wenn auch nur für die Kinder". Die nötigen Konzepte dazu hätten Betreiber, Vereine und Verbände schon seit letztem Jahr in der Schublade. Die könne man recht einfach anpassen und umsetzen, so Valaikis.

Am Kernproblem ändere das aber erst mal nichts, sagt Carola Orszulik: "Wir würden gerne mehr Kurse anbieten, um das aufzufangen. Uns fehlt aber die Wasserfläche." Es gebe schlicht nicht genug Schwimmbäder, um der Nachfrage gerecht zu werden. Schon vor der Pandemie nicht. Sie erwartet vom Bund-Länder-Gipfel vor allem, "dass die Kinder wieder in Bewegung gebracht werden".

Nachwuchslücke im Leistungsschwimmen?

Auch im Spitzensport rechnen Vereine mit mittel- und langfristigen Problemen. So auch Nina Fiedler von der SG EWR Rheinhessen. Die Schwimmgemeinschaft mit Sitz in Mainz bündelt die Leistungssportler von fünf Stammvereinen. Der Großteil der rheinland-pfälzischen Kadersportler trainiert hier.

"Schwimmen ist eine technisch hoch anspruchsvolle und unglaublich trainingsintensive Sportart", sagt Fiedler. Leistungssportler absolvierten pro Woche zehn bis zwölf Einheiten. Es sei wichtig, möglichst schon im frühen Kindesalter die Grundlagen zu schaffen. Je länger der Lockdown andauert, umso mehr Sorgen mache sie sich um den Nachwuchs auch im Leistungssport.

Sport schafft Struktur im Alltag

Die jetzige Situation treffe außerdem besonders diejenigen hart, die gerade auf dem Sprung in den Leistungsbereich waren: "Die, die es bislang zum Beispiel nicht ganz in den Landeskader geschafft haben, können seit November nicht trainieren. Es wird lange dauern, bis die wieder ihr Niveau von vorher erreichen", sagt Fiedler.

Auch sie wünscht sich möglichst schnell zumindest für die Kinder eine Möglichkeit, wieder ins Wasser zu dürfen. Denn der Sport könne den Kindern viel geben: "Die Kinder, die im Leistungsbereich durchgehend trainieren durften, hatten dadurch auch mehr Struktur in ihrem Alltag. Und die hat ihnen gut getan."

SWR | Stand: 02.03.2021, 10:30

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