Fußball | Bundesliga Sandro Schwarz erklärt Verbleib in Moskau - "Wir haben gemeinsam geweint"

Stand: 03.06.2022 17:10 Uhr

Als der russische Angriff auf die Ukraine begann, verließen viele Menschen Russland. Sandro Schwarz blieb bei seinem Verein Dynamo Moskau. Mit emotionalen Worten hat der ehemalige Mainzer und neue Hertha-Trainer seinen umstrittenen Verbleib erklärt, blickt aber auch voller Vorfreude auf die neue Aufgabe.

Man merkt es ihm sofort an: Sandro Schwarz will reden. Über seinen bewussten Verbleib in Moskau. Darüber, wie sehr dieser russische Angriffskrieg ihn und seine Spieler belastet hat und wie sehr es ihn immer noch beschäftigt, was in seiner Zeit als Trainer von Dynamo Moskau in Russland passiert ist. "Jeder kennt meine Haltung zu diesem Angriffskrieg. Was ich sagen kann, ist, dass die Menschen aus dem Dynamo-Umfeld gute Menschen sind, die eine klare Haltung haben, wie wir alle zu dem Thema", erklärt der 43-Jährige sehr angefasst in einem Mediengespräch seines neuen Arbeitgebers Hertha BSC. Er habe eine "innere Zerrissenheit" gespürt. Oft hätten russische, aber auch ukrainische Spieler bei ihm im Trainer-Büro gesessen und man habe "gemeinsam geweint".

Emotionale Gründe für Verbleib

Geblieben sei er nicht aus sportlichen oder ökonomischen Gründen, sondern aus Verantwortungsgefühl für seine Spieler und die Club-Angestellten. "Die haben die gleichen Werte", bestätigt der neue Cheftrainer von Hertha BSC. Hätte es Zweifel an der Haltung im Club-Umfeld gegeben, wäre er sofort nach Deutschland zurückgekehrt. Dennoch habe er Verständnis für kritische Fragen. "Die Erwartungshaltung, zurückzukehren habe ich gespürt", gesteht Schwarz, der seinen noch zwei Jahre laufenden Vertrag vorzeitig auflöste. Der frühere Mainz-05-Coach kann die Kontroverse um seine Entscheidung nachvollziehen, zumal seine deutschen Trainer-Kollegen Markus Gisdol (Lokomotive Moskau) und Daniel Farke (FK Krasnodar) Russland sofort nach Kriegsbeginn den Rücken gekehrt hatten. Der 43-Jährige hatte Moskau nach dem verlorenen Pokalfinale erst Anfang der Woche verlassen.

Sandro Schwarz: "Mir war die kontroverse Diskussion bewusst"

Krieg auch in Moskau spürbar

Der Krieg habe seit Februar auch das Leben in Moskau verändert. "Man hat den Krieg auch in Russland gespürt. Die Ängste - das haben alle gespürt im Umfeld. Jeder hatte seine eigenen Schicksalsschläge mit Verwandten, mit Freunden in der Ukraine", beschreibt Schwarz die letzten Monate in der russischen Hauptstadt.

Welchen Stellenwert er im Club und vor allem bei den Dynamo-Fans hat, zeigt seine Verabschiedung. Enthusiastisch und emotional feierten ihn die Anhänger nach dem Pokalspiel. Jetzt versucht der gebürtige Mainzer, den Fokus voll auf seine neue Aufgabe zu lenken: "Ein normales Leben ist in dieser Situation gerade für alle schwierig. Aber ich freue mich auf die Herausforderung mit der Hertha, die Menschen kennenzulernen und dann vom ersten Tag an zu arbeiten. Das wird wichtig sein, als Gruppe nach vorne gewandt zu sein."