Salto-Erfinder, Fluchthelfer und immer in Bewegung: Eberhard Gienger wird 70

Eberhard Gienger

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Salto-Erfinder, Fluchthelfer und immer in Bewegung: Eberhard Gienger wird 70

Eberhard Gienger ist bodenständig, obwohl er ständig in der Luft ist. Der Turner erfand den Gienger-Salto. Er ist Pilot, Fallschirmspringer und saß 19 Jahre im Bundestag. Zum Geburtstag kann er sich selbst ein paar Riesenfelgen schenken. Danach sah es im Frühjahr nicht aus.

Die Frankfurter Turnhalle ist leer – fast. Unter dem Reck sitzt ein Turner und bindet sich die Reckriemchen an die Hände. Behutsam fädelt er die Lederbändchen durch die Schnallen, so, wie er das seit 60 Jahren macht. Eberhard Gienger turnt wieder. Riesenfelgen und einen Salto mit ganzer Schraube als Abgang.

Gienger, geboren in Künzelsau und seit 19 Jahren Abgeordneter im Deutschen Bundestag, hat gelernt, loszulassen – bei der Bundestagswahl im September tritt er nicht mehr an. Auch beim Turnen bedeutet "loslassen", den perfekten Moment zu erwischen, wenn der Schwung der Riesenfelge aufwärts geht – loslassen, durch die Luft fliegen, landen: „Ich weiß, dass irgendwann mal der Moment kommen wird, an dem ich die Riesenfelge dann nicht mehr schaffe. Dann werde ich auch nur noch einen Salto rückwärts ohne Schraube machen. Aber es ist einfach etwas, was mich ein ganzes Leben lang beseelt hat und das ich eben auch in der Zukunft noch so gerne machen möchte", sagt Gienger und geht zurück ans Reck.

Eberhard Gienger über seine Zukunft am Reck 00:50 Min. Verfügbar bis 03.09.2021

Im Frühjahr 2021 sind die Akkus leer

Eine Woche vor seinem 70. Geburtstag dreht Gienger am Reck die ersten Riesenfelgen seit mehr als einem Jahr – Corona hat auch die Turnhallen dicht gemacht. Der Mann, der immer unterwegs, immer in Bewegung war, der "Ebse für alle", wird ausgebremst. Geschäftsmann, Sportfunktionär, Politiker, Turner, Fallschirmspringer. Im Frühjahr 2021: Standstreifen statt Überholspur. „Ich habe mich immer ins Zeug gelegt, aber irgendwann ist der Akku aufgebraucht. So ging es mir im Frühjahr, dass offensichtlich alle Akkus leer waren. Durch den Sport und jetzt durchs Turnen ist es besser geworden und ich fühle mich auf dem Weg nach oben“, sagt Gienger, der auch als Erfinder in den Geschichtsbüchern steht. Bei den Süddeutschen Meisterschaften 1977 turnt Gienger einen Rückwärtssalto mit halber Schraube, greift zurück an die Reckstange und turnt weiter: der erste Gienger-Salto.

Eberhard Gienger über seinen berühmten Gienger-Salto 00:54 Min. Verfügbar bis 03.09.2021

Das Abenteuer Turnkunst

Auch die Sporthalle in seiner Heimatstadt Künzelsau trägt seinen Namen - nicht, weil er noch als 14-Jähriger in der C-Jugend Fußball beim TSV Künzelsau spielte. Gefragt nach den drei Highlights seiner Turnkarriere nennt Gienger den Weltmeistertitel am Reck 1974 und den Gewinn der Bronzemedaille 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal - auch am Reck. Das dritte Highlight überrascht: der 4. Platz im Mehrkampffinale der WM in Straßburg 1978, „wo ich lange Zeit Platz drei, die Bronzemedaille, vor Augen hatte und mir mit dem Sowjetrussen Alexander Ditjatin ein Rennen geliefert habe, der dann zum Schluss mit weniger als zwei Zehntel vor mir lag. Das hätte ich mir zu gerne gegönnt, hier noch eine Bronzemedaille im Mehrkampf zu gewinnen“.

Als Jugendlicher zieht er nach Frankfurt, macht sein Abitur - trainiert in der Halle, in der er heute noch turnt - studiert in Mainz, heiratet die erfolgreiche Sportgymnastin Sibylle von Gleich, zieht nach Tübingen. "Nichts kommt von ungefähr" steht über einem Kapitel seiner Autobiografie "Das Abenteuer Turnkunst".

Fluchthelfer Gienger: "Das Gold, das aus der Kälte kam"

Gienger reist um die Welt, um von den Besten zu lernen. Nach Japan und in die Sowjetunion, lernt Japanisch und Russisch. "Ebse" wird Fallschirmspringer, bietet Tandemsprünge an. Am 28. Mai 2000 fällt er vom Himmel, kurz vor der Landung verdreht sich der Schirm, Gienger kracht auf den Betonboden, überlebt schwer verletzt und kehrt zurück - auch ans Reck. 2006 räumt Gienger ein, nach einer Turn-Verletzung in den 1970er Jahren ein Anabolika-Medikament genommen zu haben.

Auch über ein anderes Kapitel in seinem Leben spricht Gienger spät. In einem Interview zum 25. Jahrestag seines WM-Sieges erzählt Gienger am Rande der Turn-WM im chinesischen Tianjn 1999 ganz beiläufig von der EM 1975 in Bern. Er habe damals dem DDR-Turner Wolfgang Thüne zur Flucht verholfen. Im Auto. Das Abschlussbanket läuft, Gienger fährt Thüne über die Grenze nach Emmendingen zu Turnfreund Walter Mössinger, dreht um, fährt zurück nach Bern zum Abschlussbanket - und feiert seinen Europameistertitel am Reck. „Wir sind da ohne Komplikationen über die Grenze gekommen und ich bin anschließend dann wieder zurückgefahren nach Bern, habe mich mit den Sowjetrussen getroffen, habe mit denen getrunken, Kaviar gegessen und habe dadurch unter Beweis gestellt, dass ich eigentlich gar nicht weg war.“

Wie Eberhard Gienger zum Fluchthelfer wurde 01:00 Min. Verfügbar bis 03.09.2021

Niemand ahnte, dass Gienger im "Abenteuer der Turnkunst", erschienen 1978, schon einen Hinweis darauf gab. In Anlehnung an John le Carrés Agententhriller "Der Spion, der aus der Kälte kam" überschreibt Gienger das Kapitel der EM in Bern: „Das Gold, das aus der Kälte kam.“ Nur wenige Menschen waren eingeweiht. Mitten im Kalten Krieg reiste er anschließend noch in die UdSSR: "Dieser Fluchtgedanke von Wolfgang Thüne ist etwas, was mich heute noch gelegentlich heimholt", sagt Gienger. Die Aktion sei zwar kriminell gewesen, "aber in diesem Falle nur nach den Gesetzen der DDR. Was die Bundesrepublik Deutschland anbetrifft, war ich einfach nur ein bescheidener Fluchthelfer".

Auch an seinem 70. Geburtstag wird Gienger in die Halle gehen. Das Trainingsziel: Statt der Schraube als Abgang vom Reck will er einen Doppelsalto turnen. Fürs Wochenende haben sich die drei Söhne angekündigt mit ihren Familien. Dann ist Eberhard Gienger mal wieder einfach nur Ehemann, Papa und Opa.

SWR | Stand: 20.07.2021, 23:21

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