Quarantäne im Profisport: Warum dürfen die einen spielen und die anderen nicht?

Leeres Tor auf dem Trainingsplatz des Oliva Nova Golf Hotels, dem Wintertrainingsquartier von Borussia Mönchengladbach

Corona | Mannschaftssport

Quarantäne im Profisport: Warum dürfen die einen spielen und die anderen nicht?

Corona-Fälle in Mannschaftssportarten werden oft unterschiedlich bewertet. Woran liegt das? Und: Wird der Fußball bevorzugt? Ein Erklärungsansatz.

Stillstand auf den Trainingsplätzen in Sandhausen und Karlsruhe: Am Dienstagabend ordnete das Karlsruher Gesundheitsamt eine 14-tägige Quarantäne für das Team des KSC an, nachdem ein dritter Spieler positiv getestet wurde. Auch die Mannschaft des SV Sandhausen muss nach dem vierten Corona-Fall in Quarantäne. Die Fußball-Zweitligsten hatten vergangenes Wochenende trotz Corona-Fällen noch gespielt.

Warum müssen nun beide Mannschaften komplett in Quarantäne, obwohl sie zuvor bei anderen Corona-Fällen weiterspielen durften?

Zwei unterschiedliche Situationen

Ulrich Wagner ist stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Karlsruhe. Im SWR-Interview gibt Wagner Antworten zu den Corona-Fällen beim KSC. "Man muss sich jeden Einzelfall anschauen", betont er. Die zwei positiv getesteten Spieler des KSC in der Woche vor dem Spiel gegen Osnabrück haben sich vor dem Spiel nicht innerhalb der Mannschaft angesteckt. Zu diesem Ergebnis sei das Gesundheitsamt nach Kontaktverfolgung der Infizierten gekommen, sagt Wagner.

Auch weil der KSC in diesem Zeitraum einige Tage trainingsfrei hatte, habe man sich dazu entschlossen, keine Quarantäne für die Mannschaft anzuordnen. Ergebnis: Der KSC durfte am Samstag gegen Osnabrück spielen, nur die zwei positiv getesteten Spieler mussten in Quarantäne.

Doch beim dritten positiven Fall eines KSC-Spielers am Dienstag bewertete das Gesundheitsamt die Situation anders: "Es war relativ einfach zu sagen, dass es Termine gegeben hat, an denen das ganze Team teilgenommen hat - und auch in einer Form, in der man sagen muss: ohne Schutz", sagt Wagner. Das Gesundheitsamt habe deshalb die ganze Mannschaft als Kontaktperson mit dem infizierten Spieler eingestuft und eine Quarantäne für die Mannschaft verhängt.

Ulrich Wagner zur Corona-Quarantäne des KSC 00:49 Min. Verfügbar bis 10.04.2022

Bei der Entscheidung, wann man Kontaktperson eines positiven Falls ist, orientieren sich die Gesundheitsämter an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI).

RKI verschärft Empfehlungen

Das RKI hat zuletzt seine Kriterien geändert, ab wann man als Kontaktperson eines Infizierten gilt. Zuletzt wurden zwischen Kontaktpersonen in Kategorie 1 und Kategorie 2 unterschieden.

Nun sollen laut RKI alle "engen Kontaktpersonen“ eines positiven Falls in Quarantäne. Als enge Kontaktperson gilt man, wenn man ohne Maske und Abstand länger als zehn Minuten Kontakt zu einem Fall hatte. Auch das direkte Gespräch mit einem Fall ohne Abstand und Maske zählt das RKI als Kontaktperson, unabhängig davon, wie lange das Gespräch war.

Außerdem gilt man als Kontaktperson, wenn man sich länger als zehn Minuten mit dem Fall in einem Raum mit wahrscheinlich vielen infektiösen Aersoloen aufhielt - egal, ob man Abstand hielt oder eine Maske trug.

Zählen Training und Spiel als Kontakt?

Beim Sport müsse man aber etwas differenzieren, sagt Ulrich Wagner vom Gesundheitsamt Karlsruhe: "Das reine Spiel oder Training werten wir in der Regel nicht als Kontaktperson, außer es gibt wirklich Paarübungen oder bestimmte Konstellationen, die da etwas anderes verursachen. Deswegen schauen wir uns sehr viel stärker an, ob es daneben Gesprächssituationen, Besprechungen oder einen längeren Aufenthalt in der Kabine gibt.“

Die Gesundheitsämter bewerten jeden Fall einzeln

Das Beispiel des KSC zeigt: Die regionalen Gesundheitsämter entscheiden im jeweiligen Einzelfall. Ob eine Mannschaft in Quarantäne muss oder nur einzelne Spieler, hänge grundsätzlich davon ab, wie hoch die Kontaktintensität von positiven Fällen zu anderen sei, schreibt das Sozialministerium.

Deshalb können also nach außen hin gleich scheinende Fälle von den Gesundheitsämtern unterschiedlich bewertet werden. Die Folge: Manche Mannschaften dürfen trotz Corona-Fall spielen und andere nicht.

Oliver Kreuzer: "Es ist von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt verschieden" 00:51 Min. Verfügbar bis 10.04.2022

Verbände haben keine direkte Entscheidungsmacht

Die jeweiligen Ligenverbände sind bei der Bewertung der Fälle außen vor. Sie müssen aber dafür sorgen, dass die Mannschaften die Hygienekonzepte inklusive der regelmäßigen Testreihen einhalten. In der Deutschen Eishockey Liga und der Basketball-Bundesliga sowie den ersten und zweiten Handball- und Fußball-Bundesligen laufen die Testungen ähnlich ab.

Ulrich Wagner ist stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Karlsruhe.

Bei einer Inzidenz über 35 gilt: Spieler, Trainerstab, Betreuer und das direkte Mannschaftsumfeld werden pro Woche mindestens zwei Mal per PCR-Test zu bestimmten Zeitabständen getestet. Zusätzlich besteht die Möglichkeit zu Antigen-Schnelltests.

DFL erweitert Hygienekonzept

Fußball-Bundesligisten müssen seit 1. April außerdem Spieler, Trainer und Betreuer vor dem Zusammenkommen an jedem Trainings- und Reisetag verpflichtend per Antigen-Schnelltests testen.

Besonders die regelmäßigen PCR-Tests helfen den Gesundheitsämtern, wenn sich Spieler infizieren: "Dadurch, dass die Profisportler so viel getestet werden, hat man einen besseren Überblick, in welchem Zeitraum eine Infektion entstanden sein kann", sagt Wagner.

Wird der Fußball bevorzugt?

Dennoch hat mancher Beobachter den Eindruck, dass vor allem Fußballmannschaften trotz Corona-Fällen spielen dürfen, während im Handball oder Eishockey bei positiv getesteten Spielern meist die komplette Mannschaft in Quarantäne muss und die Spiele daher abgesagt werden.

"Zwischen Fußballplatz und Halle sehen die Gesundheitsämter einen Unterschied."

Quelle: Alexander Kolb (Leiter Spielbetrieb Frisch Auf Göppingen)

Im Dezember mussten etwa alle eingesetzten Spieler des Handball-Bundesligisten Frisch Auf Göppingen nach einem Spiel in Quarantäne, weil beim Gegner MT Melsungen im Nachhinein mehrere Tests positiv ausfielen. Anders als das Gesundheitsamt Karlsruhe im Fall des KSC, werteten die zuständigen Gesundheitsämter Göppingen und Kassel das Spiel aber als Kontakt.

"Wenn bei uns ein Spieler positiv getestet wird und ein oder zwei Tage vorher trainiert wurde, dann muss die ganze Mannschaft in Quarantäne", sagt Spielbetriebsleiter Alexander Kolb von Frisch Auf Göppingen. Habe kurz vorher ein Spiel stattgefunden, dann gelte das meistens auch für die gegnerische Mannschaft.

Der Unterschied zwischen Handball und Fußball

Der wohl entscheidende Unterschied zwischen Handball und Fußball: Handball ist kontaktintensiver, vor allem am Kreis finden intensive Zweikämpfe statt. Trainiert und gespielt wird außerdem nicht im Freien, sondern in der Halle. Deshalb würden die Gesundheitsämter beim Handball öfters eine Mannschafts-Quarantäne verhängen, zeigt Kolb Verständnis.

Das Sozialministerium bestätigt: Bei der Entscheidung der Gesundheitsämter wird berücksichtigt, dass Fußball im Freien stattfindet. Dort werden virushaltige Aerosole sofort verdünnt. Je nach Art der Exposition könne das Infektionsrisiko im Freien deshalb deutlich reduziert sein.

Der Fußball hat oft andere Möglichkeiten

Alexander Kolb von Frisch Auf Göppingen erwähnt außerdem, dass Fußball-Bundesligisten mit ihren eigenen Trainingszentren in manchen Situationen Hygienekonzepte besser umsetzen können. So könnten sie die Nutzung der Umkleiden beispielsweise besser entzerren als die Göppinger, die mit kleineren Kabinen auskommen müssen.

Fußball ist das "größere Business"

Doch auch wenn im Fußball Training und Spiele nicht als sogenannte Kontaktperson gelten: Kontakte lassen sich nicht gänzlich vermeiden - trotz Hygienekonzept. Auch deshalb glaubt Kolb, dass der Profifußball bevorzugt wird: "Ich habe trotzdem den Eindruck, dass viele Bundesligisten die Gesundheitsämter so hinbekommen haben, dass bei einem positiven Fall nur der Spieler in Quarantäne muss, der Rest der Mannschaft aber weitermachen darf."

"Wir müssen mit den jeweils geforderten Gegebenheiten arbeiten", sagt DEL2-Geschäftsführer René Rudorisch.

Fußball sei das "größere Business" und daher gehe es hier vielleicht stärker darum, den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können, so Kolb.

Aus dem Eishockey kommt weitere Kritik

Auch in der DEL2, in der die Heilbronner Falken und die Bietigheim Steelers derzeit in Quarantäne sind, teilt man diesen Eindruck. Unabhängig davon, dass in der zweithöchsten deutschen Eishockey-Liga anders getestet wird als beispielsweise im Profifußball:

"Man hat schon das Gefühl, dass eine Fußball-Nationalmannschaft anders behandelt wird als ein Oberliga- oder Zweitliga-Team im Eishockey."

Quelle: René Rudorisch (DEL2-Geschäftsführer)

Es sei aber müßig, die unterschiedlichen Entscheidungen zu kritisieren, da diese den regionalen Gesundheitsämtern obliegen, ergänzt DEL2-Geschäftsführer Rudorisch. Angesprochen auf die Frage, warum oft Fußballmannschaften nicht in Quarantäne müssen, verweist die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf die Gesundheitsämter, die im Einzelfall entscheiden.

Deutliche Botschaft vom Gesundheitsamt

Die Mannschafts-Quarantäne für den Karlsruher SC und den SV Sandhausen zeigt jedenfalls: Auch im Fußball gibt es Grenzen, bei deren Überschreitung Mannschaften komplett in Quarantäne müssen, um Infektionsketten zu verhindern.

In Bezug auf den konkreten Fall beim KSC wird Ulrich Wagner, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes, am Ende des Interviews mit dem SWR deutlich: "Wenn man zum jetzigen Zeitpunkt der Pandemie immer noch glaubt, Besprechungen ohne Masken, ohne Schutz durchzuführen, wo mehrere Menschen zusammenkommen, dann geht man grundsätzlich immer das Risiko ein, dass viele Personen in Quarantäne müssen." Zumindest in dieser Sache dürfte es keine unterschiedlichen Bewertungen geben.

SWR | Stand: 10.04.2021, 11:46

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