Niklas Kaul jubelt nach seinem Speerwurf bei den European Championships

Zehnkampf | European Championships Nach seinem EM-Triumph: Niklas Kaul im Interview

Stand: 17.08.2022 17:26 Uhr

Zehnkämpfer Niklas Kaul aus Mainz hat mit seinem Erfolg bei den European Championships für große Begeisterung gesorgt. Einen Tag nach seinem Sieg hat SWR1 Rheinland-Pfalz mit dem neuen Europameister gesprochen.

SWR1 Rheinland-Pfalz: Niklas Kaul aus Mainz holt sich den Titel ist Europameister der Zehnkämpfer. Herzlichen Glückwunsch, Herr Kaul. Tut Ihnen heute irgendwas nicht weh?

Niklas Kaul: Der rechte kleine Zeh. Dem geht es ganz gut, aber sonst tut mir ziemlich alles weh. Also Muskelkater hat man nach einem Zehnkampf auf jeden Fall. Und das ist aber auch gut so.

Niklas Kaul ist Zehnkampf-Europameister

Gucken wir noch mal auf gestern Abend. Vor den letzten beiden Wettbewerben lagen Sie ja noch auf Platz sieben. Dann kam der Speerwurf, und Sie hauen da im letzten Versuch knapp über 76 Meter raus, Saisonbestleistung. Einfach sehr cool oder großer Druck?

Kaul Ja, so ein bisschen von beidem vielleicht. Eigentlich war zu dem Zeitpunkt für mich das Thema Gold abgehakt. Und ich hatte nur im Kopf: Ich möchte beim Speerwerfen vielleicht den Zuschauern oder dem ganzen Publikum, was da hinter einem steht und Stimmung macht, noch mal irgendwie eine Show bieten. Mit der Einstellung bin ich in den Speerwurf reingegangen und habe eigentlich schon im ersten Schritt von dem Anlauf gemerkt: Das passt wieder! Das war so ein bisschen das Gefühl, was ich das ganze letzte Jahr eigentlich gesucht habe und was dann einfach wirklich für mich auch so einen Stein vom Herzen fallen lässt, dass es wieder klappt. Es war jetzt nun doch eine längere Zeit, in der ich mit Speerwurf echt Probleme hatte.

Um halb zehn dann die letzte Disziplin, 1.500 Meter. Und dann diese Situation: Sie stehen ja schon alle an der Linie und werden dann zurückgepfiffen. Irgendwas war mit der Startpistole. Oder wie haben Sie das erlebt?

Kaul: Also offiziell hieß es, dass die Startpistole keinen Ton gibt und deswegen mit der mit der anderen Pistole geschossen werden muss. Man ist davor schon angespannt vor dem normalen Startschuss. Und dann kommt so eine Verzögerung noch einmal. Das macht es dann nicht ganz einfacher. Aber am Ende hat die Technik dann doch funktioniert und wir konnten dann doch laufen.

Wie ist das denn in dem Moment? Denkt man: Das kann jetzt nicht wahr sein oder bleibt man da ruhig?

Kaul: Ja, eigentlich denkt man dann eher: Naja, wir könnten ja jetzt schon fast durch sein, schon fast fertig sein. Aber wir stehen jetzt halt noch herum und müssen warten. Aber es ist jetzt nicht so, dass man sich da groß darüber ärgert, weil es ja nichts bringt. Es ist ja nicht so, dass es irgendwie änderbar wäre in dem Moment. Sondern man muss es akzeptieren und dann eben wieder auf den Punkt fokussiert sein, wenn es dann eben wirklich losgeht.

Dann der Lauf. Sie mussten 27 Sekunden schneller sein als der führende Simon Ehammer aus der Schweiz, so ungefähr 150 Meter Vorsprung. Das weiß man dann. Wie sind Sie da rein?

Kaul: Also ich bin in den 1.500-Meter-Lauf rein mit der Einstellung: Heute musst du alles rausholen, was du irgendwie kannst. Ich sehe ja nicht, wo Simon ist. Und ich kann jetzt auch nicht auf die Leinwand gucken und mir das in etwa ausrechnen, ob das reicht oder nicht. Deswegen musste ich da alles, alles reinlegen, was ich irgendwie konnte. Und am Ende bin ich sehr, sehr froh, dass es gereicht hat. Aber in dem Moment, wo ich über die Ziellinie gelaufen bin und gesehen habe, es ist eine 4:10, hatte ich auch ganz kurz, nur im Kopf. Okay, wenn das für Simon gereicht hat, dann hat er sich es auch wirklich verdient. Denn jetzt habe ich alles getan oder alles gegeben, was ich konnte. Und mehr konnte ich nicht tun an dem Tag. Und dann musste ich halt abwarten.

Der Olympia-Park außer Rand und Band 50.000 Leute. Wie viele Sekunden hat das Publikum gebracht?

Kaul: Kann ich gar nicht so genau sagen. Aber ich glaube auf der letzten Runde sicher noch mal zwei, drei, vier Sekunden. Aber insgesamt über die zwei Tage hat uns das Publikum eigentlich sehr, sehr stark getragen. Und gerade nach dem letzten Speerwurf, das war was, was ich an Stimmung so noch nie erlebt habe und vielleicht auch nie mehr erleben werde. Aber es waren einfach für uns Zehnkämpfer ganz, ganz tolle zwei Tage. Und ich glaube, es war eine Riesenwerbung für die Leichtathletik.

Gestern Abend ja auch noch Silber und Bronze im Diskus, Gold über 100 Meter für Gina Lückenkemper. Also Freude ohne Ende, stehen eigentlich ihre Unterkünfte noch?

Kaul: Ja, so weit sieht es eigentlich ganz gut aus. Es kommen ja auch noch ein paar Tage, und wir wollten jetzt ja nicht jetzt schon die Unterkunft abreißen, wenn die anderen Athleten noch machen müssen. Aber vielleicht machen die das dann am Samstag und am Sonntag (lacht).