Die Merlins Crailsheim bejubeln den Halbfinal-Pokalsieg gegen Braunschweig

Teamcheck Merlins Crailsheim Die Zauberer nach ihrem größten Erfolg am Scheideweg?

Stand: 28.09.2022 08:05 Uhr

In der Vorsaison spielten die Basketballer aus Crailsheim ihre vielleicht beste Saison der Vereinsgeschichte. Geht es noch weiter nach oben oder zurück in den Abstiegskampf?

Die HAKRO Merlins Crailsheim haben es von der Schulturnhalle in der Provinz bis in die Arenen Europas geschafft. Der kleinste Standort in der Basketball-Bundesliga (BBL), der 1986 aus einer Schüler-AG gegründet wurde, hat seine vielleicht beste Saison hinter sich. Nach dem Aufstieg 2018 kämpften die Merlins zunächst um den Klassenerhalt. In den vergangenen Saisons erreichte Crailsheim überraschend die Playoffs, den Europapokal und das BBL-Pokalfinale. Zur neuen Saison wissen die Zauberer selbst nicht genau, ob man weiter nach unten oder doch nach oben schauen soll.

In Liga, Europa und Pokal knapp gescheitert - trotzdem voll zufrieden

Die Crailsheimer haben eine lebhafte Saison hinter sich. In der Liga bewegten sich die Merlins ständig um den Playoff-Strich. Im Pokal kamen sie – auch dank leichterer Gegner – bis ins Finale. Dort scheiterten die Hohenloher am späteren Meister aus Berlin. Auch im FIBA-Europe-Cup schlug sich Crailsheim beachtlich. Dort feierte der Verein aus dem Nordosten Baden-Württembergs sein Debüt. Die Merlins konnten beide Gruppenphasen überstehen und unterlagen im Viertelfinale knapp dem damaligen niederländischen Meister ZZ Leiden.

Die Merlins Craislheim sitzen auf dem Parkett nach dem letzten Spiel der Saison

Die Merlins Crailsheim nach dem Sieg im letzen Saisonspiel gegen Chemnitz

Im Rückspiel verloren die Franken allerdings nicht nur das Spiel, sondern auch ihren Star-Spieler. TJ Shorts fiel mit einer Brustmuskelverletzung für den Rest der Saison aus. Der Point-Guard war der beste Scorer im Team und MVP-Kandidat. Außerdem ließen die Merlins Kräfte, als sich die gesamte Mannschaft mit Corona ansteckte. Das konnte der kleine Crailsheimer Kader nicht auffangen, von den letzten 13 Saisonspielen verlor das Team acht. Kurz vor Schluss wurden die Crailsheimer von den Brose Baskets unter den Playoff-Strich verdrängt.

Obwohl die Zauberer in Pokal, Europe-Cup und Liga knapp ausgeschieden sind, ziehen sie dennoch ein positives Fazit. Mit dem Abstieg hatte Crailsheim nichts zu tun und die europäische Bühne sowie das Pokal-Abenteuer waren besondere Erlebnisse für den kleinen Verein aus dem 34.000-Einwohner-Ort. "Das Pokalfinale war ein überragendes Ereignis für uns. Das hätte keiner vorher erträumt", erzählte der Crailsheimer Kapitän Fabian Bleck im Interview mit SWR Sport.

Der beste Mann geht, der Kern bleibt

Nach seiner Verletzung wird TJ Shorts nicht auf das Parkett in der Arena Hohenlohe zurückkehren. Es sei denn im Trikot der Telekom Baskets Bonn, dorthin ist er zu dieser Saison abgewandert. Die Merlins verlieren ihren besten Mann.

Der sportliche Leiter der Zauberer, Ingo Enskat, versucht den Verlust aufzufangen, indem er eine geschlossene Mannschaft zusammenstellt. "Der Hauptfokus bei den Verpflichtungen lag erstmal darauf, dass die Spieler als Mannschaft funktionieren", wird Enskat auf der Homepage des Vereins zitiert.

Als neuer Point-Guard kam der 25-jährige Otis Livingston vom serbischen Verein KK Mladost Zemun. Der US-Amerikaner konnte in der Vorbereitung überzeugen und wird wohl als Starter in die Saison gehen. Ebenfalls als Aufbauspieler verpflichteten die Crailsheimer den finnischen Nationalspieler Edon Maxhuni sowie mit Elias Baggette einen deutschen U20-Nationalspieler. Er gilt als Versprechen an die Zukunft, Enskat traut ihm aber schon diese Saison einige Minuten auf dem Court zu.

Otis Lvingston zieht zum Korb

Crailsheims neuer Point Guard Otis Livingston im Vorbereitungsspiel gegen Ludwigsburg

Vom Europe-Cup-Gegner ZZ Leiden kamen der litauische Small-Forward Arūnas Mikalauskas sowie der dänische Center Asbjørn Midtgaard. Beide überzeugten in den europäischen Duellen und hatten entscheidenden Anteil am Aus der Merlins.

Bruno Vrcic wechselte von den Frankfurt Skyliners nach Crailsheim. Den Shooting-Guard kennt Merlins-Coach Sebastien Gleim noch aus seiner Zeit in Frankfurt. Vrcic hat als Kapitän des FC Bayern die Nachwuchs-Basketball-Bundesliga gewonnen, wurde aber in der vergangenen Saison von einem Kreuzbandriss ausgebremst. Zusätzlich kam aus Belgien der Forward Myles Stephens, der vor allem die Defensive stärken soll.

Abgesehen von Shorts schmerzen die weiteren Abgänge die Zauberer weniger. Die namhaftesten Abgänge heißen Mike Caffey und Terrell Harris. Caffey kam kurzfristig als Ersatz für Shorts und ging genauso schnell wieder. Caffey spielte zuvor in der Ukraine. Nach Kriegsausbruch floh er aus dem Land und konnte kurzfristig verpflichtet werden. Den Shooting-Guard Harris, der den Ausfall von Shorts noch am ehesten auffangen konnte, verlieren die Merlins an den türkischen Erstligisten Büyükçekmece.

Darüber hinaus konnten die Crailsheimer drei Leistungsträger an sich binden. Der erfahrene Co-Kapitän und Dreier-Spezialist Maurice "Moe" Stuckey verlängerte genauso wie Jaren Lewis, einer der besten Rebounder der Liga. Und auch Verteidiger und Guard-Entlastung René Kindzeka wird weiterhin lautstark an der Seite Stimmung machen, wenn er nicht auf dem Parkett steht. "Es ist wichtig, dass wir so einen Kern zusammenhalten können über ein paar Jahre", meint Kapitän Bleck.

Insgesamt sieht sich Enskat mit seinem Zwölf-Mann-Kader breiter aufgestellt als zu Beginn der Vorsaison. Auf fast jeder Position sei man jetzt doppelt besetzt. Deswegen sei auch ohne Shorts eine höhere Qualität im Team. Bleck stimmt seinem sportlichen Leiter zu: "Wir haben keinen überragenden Spieler dabei wie TJ, [...] aber ich glaube, als Team können wir das ganz gut auffangen."

Alter Headcoach mit neuem Team

Auch auf der Trainerbank setzen die Merlins auf Kontinuität. Cheftrainer Sebastian Gleim verlängerte nach der erfolgreichen Debüt-Saison seinen Vertrag vorzeitig bis 2025. Der 38-Jährige war 2021 aus Frankfurt gekommen und ersetzte den langjährigen Erfolgstrainer Tuomas Iisalo. Fabian Bleck freut sich über die weitere Zusammenarbeit: "Er hat sich das letztes Jahr verdient."

Crailsheims Trainer Sebastian Gleim dirigiert an der Seitenlinie

Crailsheims Trainer Sebastian Gleim dirigiert an der Seitenlinie

Headcoach Gleim fehlt die bisherige Unterstützung an der Linie. Die beiden Assistenztrainer Eric Detlev und Marko Stankovic haben sich andere Aufgaben gesucht. Die Neuen neben Gleim an der Linie heißen Nikola Markovic und Daniel Herbert. Letzterer ist der Sohn und Assistent von Nationaltrainer Gordon Herbert. Er kommt aus Frankfurt, wo er bereits eine Saison unter Gleim arbeitete.

Keinen Bock auf Abstiegskampf

Wohin geht die Reise der Zauberer nach dem Erfolg der Vorsaison? In Crailsheim weiß man das selbst nicht so genau und ruft Etappenziele aus: "Unser erstes Ziel ist – und das sage ich auch immer ganz bewusst – der Klassenerhalt. Ja, wir wollen uns auch wieder nach oben orientieren, aber das ist erst das nächste Ziel", sagt der sportliche Leiter Enskat. Es könne ein Kampf bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt oder aber um die Playoffs sein.

Deutlicher wird Fabian Bleck. Er will möglichst schnell den Klassenerhalt mit "zehn, elf Siegen" sicher machen, denn: "Auf Abstiegskampf hab ich gar keinen Bock. Ich gucke lieber nach vorne auf die Playoff-Ränge." Bleck ist optimistisch: "Wir können für die eine oder andere Überraschung sorgen - international oder auch national."

Denn die HAKRO Merlins Crailsheim sind wieder für die Gruppenphase des FIBA-Europe-Cups qualifiziert. Einem erneuten Abenteuer in Europa steht nichts im Wege, dennoch meint der Trainer: "Wichtig ist, dass für uns die BBL klar im Vordergrund steht." Die Belastung werde höher und das Trainerteam müsse sie daher anders steuern.

Ob es für die Zauberer nach unten oder nach oben gehen wird, zeigt sich vielleicht schon zum Saisonbeginn. Die Crailsheimer starten gegen Oldenburg, Bamberg und Göttingen in die Saison. Drei Tabellennachbarn der Merlins in der Vorsaison. Los geht es am 2. Oktober zuhause gegen die Baskets Oldenburg.