Newcastle United (hier Matt Ritchie) ist Testspielgegner von Mainz 05

Fußball | Meinung Mainz 05 testet gegen Newcastle: Am Ende ist es "nur Fußball"

Stand: 02.07.2022 14:59 Uhr

Der 1. FSV Mainz 05 spielt in der Vorbereitung ein Testspiel gegen Newcastle United. Diese Partie ist vielen Fans ein Dorn im Auge, weil der Premier-League-Klub von einem Konsortium übernommen wurde, das zu 80 Prozent aus dem Staatsfonds Saudi-Arabiens und damit unter der Führung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman steht. Dazu die Meinung von SWR Sportredakteur Achim Scheu.

Darf Mainz 05 gegen Newcastle United testen oder nicht? Viele 05-Fans sagen laut: NEIN! Die Reaktionen in den Sozialen Netzwerken fallen teilweise heftig aus. Von Verrat ist da die Rede. Mainz 05 würde mit einem Testspiel gegen Newcastle seine Werte mit Füßen treten. All das, was im Leitbild der Mainzer stehe, welches der Verein mit den Fans in den letzten Jahren mühevoll erarbeitet hatte, könne man "jetzt auch im Mittelkreis in der Mainzer Arena verbrennen", so ein User auf Facebook.

Das Leitbild von Mainz 05

Aber was ist denn passiert? Natürlich hat ein Verein wie Mainz 05 Werte, die der Klub vorleben sollte, wenn er denn schon ein Leitbild entwickelt hat. Dieses Leitbild soll ja auch Nähe zwischen Verein und Anhängern bringen. Und das tut der Klub mit seiner Vereinsführung und seiner engagierten Fanabteilung in meinen Augen auch vorbildlich. Dahinter steckt richtig Arbeit.

Die Menschenrechtsvergehen der saudi-arabischen Staatsführung sollen an dieser Stelle gar nicht tiefergehend aufgelistet und beurteilt werden. Das würde den Rahmen dieser Zeilen sprengen. Ich verurteile in meinem Leben auch Homophobie, Unterdrückung, Rassismus und all das, womit ein Land wie Saudi-Arabien die Menschenrechte missachtet, auf das Schärfste. Und natürlich gehen auch die Werte des 05-Leitbilds und die der Saudis in großen Teilen meilenweit auseinander.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen

Aber es ist nun mal Fakt, dass im Fußball zahlreiche Investoren unterwegs sind, die die Vereine finanzieren. Und ja, dem Sport auch oftmals schaden. In England gibt es in der ersten und zweiten Liga kaum noch einen Verein, der ohne ausländischen Großinvestor existiert. In der Permier League sind es über 75 Prozent. Und ja, ich finde es auch schöner, dass es hier in Deutschland (noch?) nicht so ist. Müsste man dann aber, wenn man dieses Investorentum ablehnt, nicht in letzter Konsequenz gegen einen Großteil der europäischen Klubs gar nicht mehr antreten? Nicht in aller Freundschaft, auch nicht in der Europa- oder Champions League und gegen einige Teams sogar nicht in der Bundesliga? Denn dann sind Spiele schon gegen die Bayern aus München schwierig. Die machen ihre Trainingslager auch in Katar und haben Trikots eines Herstellers an, der seine Shirts billigst in Asien produzieren lässt.

Wie weit soll der Protest gehen?

Diese Frage stellt sich bei vielen anderen Sportevents, wie zm Beispiel der WM 2022 in Katar. Sollten die DFB-Kicker ihre Teilnahme verweigern, obwohl sie nur ihren Beruf ausüben wollen und bestenfalls den Titel gewinnen? Hätten die Athletinnen und Athleten Anfang des Jahres die Olympischen Winterspiele in Peking allesamt boykottieren sollen, weil das IOC die Spiele nach China vergeben hatte? Es bleibt ein schwieriges, brisantes Thema, denn Sportveranstaltungen dieser Art gehören mittlerweile zum Alltag.

Wie weit geht die Verantwortung?

Der Profifußball unterliegt wirtschaftlichen Zwängen, die man in keiner Form wortlos gutheißen muss. Aber Mainz 05 zum Beispiel kann nicht nur gegen Worms, Alzey und Koblenz spielen, weil die drei Städte eben "ums Eck" liegen und frei des Verdachts sind, mit Geldern aus Schurkenstaaten gepampert zu werden.

Man kann einzelne Sportlerinnen und Sportler nicht dafür verantwortlich machen, wohin Sportverbände Großereignisse vergeben oder, wie im Mainzer Fall, gegen wen die Mannschaft ein Testspiel bestreitet. Dann dürften nach meinem Verständnis die harschen Kritiker dieses Fußballspiels gegen Newcastle am 18.Juli in Kufstein (Tirol) in letzter Konsequenz aber auch kein T-Shirt, produziert in Pakistan, tragen. Keine Elektroartikel aus China kaufen und - ganz aktuell - keine einzige Kilowattstunde Gas aus Russland verbrauchen. Wer das schafft, hat meinen vollsten Respekt.

Mein Vorschlag: Im passenden Moment kann der Verein sich entsprechend positionieren, kann es organisieren, dass die kritisierenden Fans ihrem Ärger sachlich rund um das Spiel Luft machen können. Aber bitte lasst die Teams testhalber gegeneinander kicken, denn am Ende ist es "nur Fußball" - und keine Weltpolitik.