Kaul: "Vom Erfolgsdruck muss man sich frei machen"

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Kaul: "Vom Erfolgsdruck muss man sich frei machen"

Niklas Kaul tritt als Zehnkampf-Weltmeister bei den Olympischen Spielen an. Der Erwartungsdruck ist groß für den 23-jährigen Mainzer. Doch er versucht, möglichst gelassen damit umzugehen.

Gold, Silber oder Bronze? Niklas Kaul wäre wohl eine Medaille in jeder Farbe bei den Olympischen Spielen in Tokio recht. Als Zehnkampf-Weltmeister einen Anspruch darauf zu erheben, verweigert er vehement. Ist die Bürde des WM-Titelgewinns für den erst 23-jährigen Mainzer zu groß? "Teils, teils. Auf der einen Seite ist er Motivation und gibt die Sicherheit, dass man weiß, ich habe das schon mal geschafft, ganz oben bei einer WM auf dem Treppchen zu stehen", sagte er vor seinem Wettkampf.

Vom Erwartungsdruck befreien

Andererseits sei die Situation eine andere, wenn man als Weltmeister und nicht als WM-Sechster anreise. "Die äußere Wahrnehmung ist eine andere, man wird häufiger gefragt, ob man mit einer Medaille schon zufrieden wäre oder es Gold sein müsste", erklärte Kaul. "Davon muss man sich frei machen." Fragen nach dem Olympia-Ziel wich er deshalb aus ("Alle starten mit null Punkten") oder er antworte keck: "Wenn man mich fragt: Was darf es sein? Dann gerne eine Medaille."

Kaul sieht andere als Topfavoriten

Zugleich hebt er den französischen Weltrekordler Kevin Mayer ganz hoch auf das Favoritenschild. Der 9126-Punkte-Modellathlet konnte Kaul bei WM 2019 in Doha nicht stoppen, jüngster Zehnkampf-Champion der Geschichte zu werden, weil er verletzt aufgeben musste. "Er ist Topfavorit auf Gold oder Silber", sagte Kaul. Danach kommt Damian Warner: Im Mai verpasste der Kanadier im österreichischen Götzis die 9000-Punkte-Marke nur um fünf Zähler, während der junge Deutsche zuschaute und mit 8263 Punkten nach der Pandemie-Pause Fünfter wurde.

Bundestrainer von Kauls Verfassung beeindruckt

"Wenn man von Niklas erwartet, in Richtung Bestleistung zu gehen, würde man ihm eine große Bürde auferlegen", meinte Bundestrainer Christopher Hallmann vor dem Olympia-Mehrkampf am Mittwoch und Donnerstag. Allerdings sei er von der körperlichen Verfassung von Kaul und Kai Kazmirek (LG Rhein Wied), dem Olympia-Vierten von 2016, zuletzt beeindruckt gewesen: "Beide haben eine tolle Form." Einen Triumph auf olympischer Ebene traut der Olympia-Dritte von 1996, Frank Busemann, dem jungen Kaul (noch) nicht zu. "Ich gehe aus deutscher Sicht davon aus: Eine Medaille ist außerhalb der Reichweite - und wenn es doch eine wird, umso schöner", sagte der 46 Jahre alte Ex-Zehnkämpfer. "Eine Medaille wäre eine Sensation."

Kaul erwartet schwierige Bedingungen

Trotz der Verunsicherung durch das holprige Zehnkampf-Comeback nach 19-monatiger Corona-Pause in Götzis, schließt Kaul nicht aus, in Tokio seine WM-Punktezahl von 8691 zu übertreffen. "Ich erwarte, dass die äußeren Bedingungen in Tokio schlechter als bei der WM in Doha mit dem klimatisierten Stadion sein werden. Deshalb wäre eine neue Bestleistung auf jeden Fall ein Riesenerfolg", sagte er. Widrigkeiten haben ihn nie entmutigt, eher Ansporn gegeben. "Bei der WM lief in der Woche vor dem Titelkampf überhaupt nichts", sagte Kaul. Der Diskus flog gerade mal 40 Meter und beim Stabhochsprung gelang kein Sprung: "Am Ende waren es gerade diese Disziplinen, in denen ich Bestleistungen geschafft habe." Potenziale für Leistungssteigerungen sieht er im Weitsprung, über 400 Meter, im Hürdensprint und Hochsprung. "Da ist das Training am besten gelaufen", berichtete er.

Kein Lampenfieber

Abgesehen davon, dass er sportlich nicht optimal in die Spur gekommen ist, hat dem WM-Helden die Corona-Pause auch gut getan, wieder runterzukommen. "Ich habe das genossen", bekannte er, fügte aber hinzu: "Man hat sich als Mensch ja nicht in dem zweitägigen Wettkampf verändert. Das wird immer so bleiben." Obwohl er seine Olympia-Premiere am Mittwoch und Donnerstag feiern wird, hat er kein Lampenfieber. Er werde "nicht deutlich nervöser sein, weil es Olympische Spiele" seien. Auf jeden Fall sollen es nicht seine letzten sein. Die Sommerspiele 2024 in Paris und auch 2028 in Los Angeles würden ihn reizen, auch wenn man so lange nicht planen könne. "Dennoch schaut man sich an, wann und wo sind Olympische Spiele. Ganz ausgeschlossen ist das deshalb sicher nicht", sagte Kaul.

SWR | Stand: 04.08.2021, 11:37

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