Hansi Flick will die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Katar zum Titel führen.

Menschenrechte-Titelträume Kann Flick diese kontroverse WM zu einem Erfolg machen?

Stand: 10.06.2022 08:50 Uhr

Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Größenwahnsinn- derzeit gibt es neben dem Sportlichen viele Themen, wenn es um die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft in Katar geht. In der Sportschau-Dokumentation "Menschenrechte-Titelträume" gibt Bundestrainer Hansi Flick exklusive Einblicke in die außergewöhnliche Turniervorbereitung der deutschen Nationalmannschaft.

Normalerweise haben die Bundesliga-Profis nach einer langen Saison erst einmal einige Tage frei. In diesem Jahr mussten die Nationalspieler allerdings vorerst auf ihren Urlaub verzichten. Denn direkt nach dem DFB-Pokalfinale hatte Bundestrainer Hansi Flick seinen 26-Mann-Kader zum Mini-Trainingslager nach Marbella eingeladen - eine eher ungewöhnliche Maßnahme, knapp sechs Monate vor Beginn der WM (21.11.- 18.12.2022). Doch wegen der kurzen Vorbereitungszeit im November will Flick schon jetzt jede Möglichkeit nutzen, um seine Elf titelreif zu machen.

Bundestrainer Hansi Flick übt den Spagat

Aus sportlicher Sicht scheint ihm das bislang ganz gut zu gelingen: Acht Siege und drei Unentschieden lautet die makellose Bilanz seit seinem Amtsantritt vergangenen August. Doch wegen der schwierigen Verhältnisse vor Ort in Katar muss nicht nur die Einstellung auf dem Platz stimmen. Zusammen mit seinem Team versucht Hansi Flick, den Spagat zwischen einer angemessenen Haltung und sportlichem Erfolg hinzukriegen.

TV-Tipp: Menschenrechte-Titelträume

Die Sportschau-Doku "Menschenrechte-Titelträume" gibt exklusive Einblicke, wie sich die deutsche Fußballnationalmannschaft auf die WM in Katar vorbereitet. Der Film von Philipp Sohmer läuft am Sonntag, 19:15 Uhr, im Ersten. In der Mediathek finden Sie ihn schon jetzt.

Menschenrechtslage in Katar rückt Sportliches bislang meist in Hintergrund

Denn diese Weltmeisterschaft ist jetzt schon denkwürdig. Zum einen, weil sie zum ersten Mal im Winter stattfindet, zum anderen weil die Menschenrechtslage beim Blick auf die WM, das Sportliche, den Fußball, bislang meist in den Hintergrund rückt. Zu heftig ist die Kritik am Gastgeberland Katar und der FIFA, die WM überhaupt erst dorthin vergeben zu haben. Forderungen, Katar die WM zu entziehen oder das Turnier zu boykottieren, wurden früh abgeschmettert.

Hansi Flick lädt Menschenrechtsorganisation Amnesty International ein

Deshalb will sich nun auch das deutsche Team auf eine aus sportlicher Sicht erfolgreiche WM konzentrieren, ohne dabei das Umfeld außer Acht zu lassen. Dafür ist Hansi Flick einen ungewöhnlichen Weg gegangen und hat Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International zur Nationalmannschaft eingeladen. Im Frühjahr informierte sie Spieler und Trainer über die Lage in Katar.

Denn obwohl es teilweise verbesserte Arbeitsbedingungen auf den direkten WM-Baustellen gibt, würden weiterhin Reisepässe konfisziert und Löhne nicht gezahlt werden. Dass sich die Spieler über diese Zustände informieren, sei ein "sehr wichtiger erster Schritt", erklärt Müller-Fahlbusch weiter. Auch Hansi Flick ist froh über diesen Austausch. "Erst einmal glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir solche Veranstaltungen haben, weil natürlich auch für uns eine große Aufgabe bevorsteht in Katar. Nicht nur fußballerisch, sondern natürlich auch die Strahlkraft, die jeder einzelne Spieler hat. Dem auch gerecht zu werden, das ist auch für uns nicht so ganz einfach", so der Bundestrainer.

Amnesty International informiert Nationalmannschaft über Lage in Katar

Flicks Liebe zum Detail soll Deutschland zum WM-Titel verhelfen

Dieser Strahlkraft und medialen Aufmerksamkeit ist sich das ganze Team natürlich bewusst. Die WM in Katar erfordert aber nicht nur aus gesellschaftlicher Sicht außergewöhnliche Wege. Ein Turnier, mitten in der Saison, ist man in der Bundesliga nicht gewohnt. Nur zehn Tage liegen im November zwischen dem letzten Bundesliga-Spieltag und dem ersten WM-Auftritt. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Wer braucht Regeneration und wer muss in Sachen Fitness eher noch zulegen? Wichtige Fragen, die sich Flick gerne von Spezialisten beantworten lässt. „Mein Team drum herum ist mir sehr wichtig. Jeder einzelne hat die Verantwortung, wenn er was sieht, sich einzubringen und zu sagen, da können wir noch besser werden“, sagt Teamplayer Flick und meint damit etwa Pascal Bauer, den Datenanalysten der Nationalmannschaft, oder Mats Buttgereit. Mit dem Dänen Buttgereit hat Flick erstmals einen Co-Trainer für Standardsituationen eingestellt.

Neue DFB-Akademie soll "Maschinenraum" der Nationalmannschaft sein

Mit technischer Unterstützung tüftelt Buttgereit in der neuen DFB-Akademie in Frankfurt am perfekten Freistoß. Über ein halbes Dutzend Standardtore in den ersten Spielen unter Flick sprechen für sich. Und das ist nur ein Beispiel für die neue Detailtiefe unter Bundestrainer Flick, der die Konzepte für die Akademie in seiner Zeit als DFB-Sportdirektor selbst entworfen hatte.

Offiziell eröffnet wird die Akademie zwar erst Ende Juni, aber schon jetzt wird dort für den Titel geschufftet. „Wir sind der Maschinenraum der Nationalmannschaften. Wir bündeln Probleme und Fragen aus den Mannschaften. Die werden in der DFB Akademie gebündelt, dann läuft unser Maschinenraum los und sucht Lösungen. Wir sind kein theoretisches Gebilde wie eine Universität. Wir suchen praktische Lösungen", erklärt der Leiter der Akademie, Tobias Haupt. Diese Lösungen sollen dem deutschen Team nach dem schlechten Abschneiden bei der WM 2018 in Russland und der EM im vergangenen Jahr wieder Leben einhauchen.

Mit Abgeschiedenheit zum Erfolg? Deutsches Quartier an der Nordspitze Katars

Hoffnungsträger Flick setzt dabei nicht nur auf technische Kniffe, auch der Wohlfühl-Faktor während der WM muss stimmen. In Erinnerung an den viel beschworenen Geist von Campo Bahia, dem Quartier während der siegreichen WM 2014 in Brasilien, wählte Flick eine abgeschiedene Bleibe aus. In einem Luxus-Resort an der Nordspitze des Emirats wird die deutsche Mannschaft während der WM wohnen, weit weg von allem. Flick begründet diese Entscheidung vor allem mit den optimalen Trainingsbedingungen im nahegelegenen Stadion. "Das hat uns im Trainerteam imponiert. Du hast dort alles für dich", sagt Flickt. "Da kann niemand groß reinschauen. Von daher: Die Abgeschiedenheit tut uns gut."

Abgeschiedenheit allein bringt aber keinen Erfolg. Das hat die Weltmeisterschaft in Russland gezeigt. Damals war das deutsche Team in Watutinki untergebracht. In der Tristesse vor den Toren Moskaus entstand bei der WM 2018 aber gar nichts, nicht einmal ein Geistchen. Das erste Vorrunden-Aus der deutschen WM-Geschichte war die Folge. Nach dieser Blamage sind der Wunsch nach Wiedergutmachung und der Druck in Katar groß für das gesamte deutsche Team.

Katars rasante Entwicklung der vergangenen Jahren

Und diesem Druck soll Flick, der seit vergangenem August im Amt ist, nun bei dieser denkwürdigen WM in einem denkwürdigen Gastgeberland standhalten. Katar hat sich seit der WM-Vergabe 2010 rasant entwickelt. Das Land ist gewachsen, die Bevölkerungszahl hat sich in zwölf Jahren verdoppelt. Zudem versucht sich das Emirat zu öffnen, um sich westlichen Standards zu nähern. Doch dabei stößt Katar auch an selbstgesetzte Grenzen. Homosexualität etwa ist verboten. Auf die Frage, ob homosexuelle Gäste bei der WM willkommen seien, antwortete der Emir bei seinem Deutschland-Besuch im Mai diplomatisch:

Was das genau bedeutet, bleibt offen. Viele Fans sind wegen solcher Aussage unsicher, ob sie nach Katar reisen sollen. Was passiert, wenn sich ein Fan daneben benimmt? Katar ist kein Rechtsstaat und Anwälte, die nicht Teil des Systems sind, seien schwer zu finden. Zudem könnte der Trip auf die arabische Halbinsel am Persischen Golf ziemlich kostspielig werden. Flüge und Hotels sind teuer, könnten gar knapp werden. Trotzdem erwartet das Land, das gerade einmal halb so groß ist wie Hessen, etwa zwei Millionen Menschen zum Turnier. Die FIFA verspricht volle Stadion und vermeldet eine große Ticket-Nachfrage.

WM-Stimmung im Winter?

Und wie wird der Großteil der Fans, der nicht nach Katar reisen kann oder will, die WM verfolgen? Das ist aktuell noch schwer vorstellbar. Ausgelassene Stimmung beim Public Viewing auf den Weihnachtsmärkten mit großen Leinwänden soll es jedenfalls nicht geben. Aber vielleicht kann die Nationalmannschaft die Menschen ja trotzdem begeistern. Mit Herz und Haltung. Genau wie sie Bundestrainer Hansi Flick einfordert. "Die FIFA, der DFB, die UEFA, alle Vereine haben ihre Werte, die sie immer schön plaktativ nach außen tragen und ich glaube einfach, dass es wichtig ist, dass man auch danach lebt und handelt".

Hansi Flick will nach Wertvorstellungen handeln

Ob Hansi Flick dieser Spagat mit seinem Team gelingt, muss die deutsche Nationalmannschaft vom 23. November an unter Beweis stellen. Dann startet Deutschland gegen Japan ins Turnier. Die Diskussionen über die jetzt schon denkwürdige Weltmeisterschaft werden bis dahin sicher nicht abreißen.