Hat einiges zu justieren: VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo auf dem Trainingsplatz in Stuttgart.

Fußball | Bundesliga Der VfB Stuttgart und die Suche nach Konstanz

Stand: 28.09.2022 08:58 Uhr

Trotz zweier beachtlicher Remis gegen Leipzig (1:1) und Bayern (2:2) steht der VfB Stuttgart sieglos im Tabellenkeller. Kämpft das Team von Pellegrino Matarazzo wieder bis zum Ende gegen den Abstieg oder gelingt der Umschwung?

Der VfB Stuttgart steht mal wieder schlechter da, als es manche Spiele vermuten lassen. Doch ein Gemisch aus offensiver Fahrlässigkeit und defensiver Nachlässigkeit lässt die Stuttgarter aktuell dort stehen, wo sie sich am liebsten nicht mehr sehen wollten: auf dem Relegationsplatz. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Wie lief der Start?

Wenn man die Tabelle betrachtet, recht bescheiden. Platz 16, nur fünf Punkte und kein Sieg. Schlechter ist der VfB Stuttgart nie in eine Bundesliga-Saison gestartet. Bessere Bundesliga-Auftritte, die es durchaus gab, in denen aber kein Dreier zustande kam, wechseln sich mit schwachen Spielen wie beim 1:3 gegen Frankfurt oder dem 1:1 gegen Aufsteiger Schalke ab.

Mit der statistischen Magerbilanz konfrontiert, antwortet VfB-Sportdirektor Sven Mislintat oft: "Man muss auch die Bilder zu den Ergebnissen sehen." Und er hat ja Recht: Die Bilder waren nicht immer schlecht. In Bremen etwa lagen die ersten drei Punkte quasi schon im VfB-Mannschaftsbus - bis der schlitzohrige Schotte Oliver Burke kam und sie mit seinem Last-Minute-Tor zum 2:2 doch noch stibitze. Oder in Köln, als der VfB Stuttgart furios begann, die Rheinländer förmlich an die Wand spielte, aber speziell Silas das Tore schießen vergaß. Nach Schlusspfiff waren die Schwaben dann sogar froh mit einem Remis die Heimreise anzutreten, als erst Luca Pfeiffer vom Platz gestellt wurde und Florian Müller in überragender Manier das 0:0 festhielt.

Das "Wenn", das "Wäre" oder das "Hätte" hat in der nackten tabellarischen Statistik jedoch keinen Wert. Verständlich, dass sich Sven Mislintat und Trainer Pellegrino Matarazzo bei guten Leistungen, aber mäßigen Ergebnissen vor ihre Mannschaft stellen. Und ja, intern wird es nach dem uninspirierten 1:1 gegen Schalke und der schwachen Abwehrleistung beim 1:3 gegen Eintracht Frankfurt sicherlich gerappelt haben. In der Gesamtbetrachtung aber ist es sicher legitim, den VfB-Verantwortlichen nach sieben sieglosen Spielen auch mal die Qualitätsfrage zu stellen. Ansehnliche Spiele und Kader-Potenzial hin oder her.

Wie schlagen sich die Neuen?

Von den früh verpflichteten Sturm-Neuzugängen Luca Pfeiffer und Juan Perea ist bislang nicht viel zu sehen, was auch an der überschaubaren Einsatzzeit liegt. Während der erste Kolumbianer der VfB-Geschichte in vier Einsätzen nur 50 Minuten Spielzeit bekam, ist von Luca Pfeiffer bislang vor allem sein brutales Foul und damit verbunden der Platzverweis gegen Köln im Gedächtnis geblieben. Danach musste er drei Spiele zuschauen.

Den stärksten Eindruck hinterließ in den ersten Spielen der vom HSV für etwa 3,5 Millionen Euro verpflichtete Josha Vagnoman. Beim Sieg in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Dynamo Dresden bestach der Rechtsverteidiger mit tiefen Läufen und dem Assist zum 1:0-Endstand. Auch danach war er auf der rechten Seite gleich eine feste Größe in der Matarazzo-Elf. Doch nach der gelb-roten Karte gegen Schalke kehrte er nicht mehr auf den Platz zurück: Derzeit plagt ihn ein Knochenödem. Der 21-Jährige fällt erst einmal auf unbestimmte Zeit aus.

Als Sasa Kalajdzic nach Wolverhampton abgewandert war, wurde Serhou Guirassy mit Kaufoption von Stade Rennes ausgeliehen. Und der körperlich robuste Stürmer überzeugte bei seinem Startelf-Debüt gegen in München auf Anhieb - spielerisch, wie nervlich: Gegen Manuel Neuer wuchtete er den Elfmeter zum 2:2-Endstand eiskalt ins Netz. Im Folgespiel gegen Frankfurt wurde der Nationalspieler Guineas zu selten in Szene gesetzt.

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Auf mehr Stabilität und Flexibilität in der Abwehr hoffen sie in Stuttgart durch den nach Transferschluss verpflichteten Dan-Axel Zagadou. Der neue "Big Man", den Sven Mislintat einst zum BVB lotste und der dort als "eines der größten Fußball-Talente Frankreichs" vorgestellt wurde, hat nach verletzungsgeplagten Jahren scheinbar richtig Lust auf die neue Herausforderung in der Bundesliga. Sowohl Zagadou, als auch Guirassy sind keine Neulinge in Deutschlands höchster Spielklasse. Es wird spannend zu sehen sein, ob Matarazzo und sein Trainerteam die beiden Spätverpflichteten zu Höchstleistung trimmen können.

Was muss besser werden?

Offensiv die Chancenverwertung, der Zug zum Tor und die Kreativität. Defensiv die technischen Fehler, die Aufmerksamkeit und damit zusammenhängend die einzelnen Aussetzer, die schon einige Punkte gekostet haben.

Sieben Tore nach sieben Spielen sind dürftig, keine Frage. Eine Mannschaft wie der FC Augsburg beweist jedoch, dass auch fünf Tore für einen Mittelfeld-Platz reichen können. Stuttgarts Problem: Unentschieden in München oder gegen Leipzig sind zwar auf dem Papier nett anzuschauen, bringen aber wenig, da die Mannschaft hinten das eine oder andere Tor zu viel gefangen hat.

Beim 0:1 gegen Freiburg leistete sich Waldemar Anton einen Aufmerksamkeitsfehler, beim 1:1 gegen Schalke fehlten nach Führichs Führungstor weitgehend Zug und Ideen, gegen Frankfurt dürfen drei Gegentore nach Standards in Summe so nicht fallen. Wenn Stuttgart seine Fehler nicht minimiert, werden sie wieder bis zum Ende im Abstiegskampf stecken.

Wo geht es hin für den VfB Stuttgart?

Vieles wird davon abhängen, wann der VfB endlich seinen ersten Saisonsieg einfährt und ob dieser dann das in der Branche gerne gezeichnete Bild des "Brustlösers" darstellt. Das Kellerduell in Wolfsburg (Samstag, 15.30 Uhr) ist für die Weiß-Roten fast schon ein "Must-Win-Game", im folgenden Heimspiel gegen den aktuellen Tabellenführer Union Berlin planen wohl selbst optimistische Brustringträger keine drei Punkte ein.

An der Zeit wäre es trotzdem: Konkurrent Augsburg fuhr - mal wieder - unerwartete Siege gegen Bayern und in Leverkusen ein. Der VfB hat etwa in München bewiesen, dass er die Qualität dazu hat. Bislang mangelt es aber an der Konstanz. Vieles wird letztlich auch an Kleinigkeiten liegen. Als klarer Abstiegskandidat gilt bislang nur der VfL Bochum, VfB-Gegner am 15. Oktober. Dass der VfB das Zeug für einen Mittelfeldplatz mitbringt, hat er schon häufiger bewiesen. Die Zahlen aber sprechen dagegen: Drei Siege aus 24 Ligaspielen im kompletten Kalenderjahr 2022 reichen für einen solchen Tabellenplatz einfach nicht aus.