Fußball | Nationalmannschaft Bundestrainer Flick: "Gesehen, dass die Mannschaft All In geht"

Stand: 10.12.2021 09:40 Uhr

Seit rund vier Monaten ist Hansi Flick Fußball-Bundestrainer. Im Gespräch mit der Sportschau zieht er eine erste Bilanz, Vergleiche zum Pokern und wagt einen Ausblick auf die WM in Katar.

Ein Spieler ist Hansi Flick schon lange nicht mehr, eine Affinität zu Poker aber hat der Bundestrainer. Zwar soll sich sein Team nicht dem Glücksspiel hingeben, und doch verlangt er nicht weniger, als dass die Mannschaft All In geht. "Das sind die Dinge, die wir vorgegeben haben", sagt Flick im Interview mit der Sportschau. "Das auch auf dem Platz zu spüren, dass die Mannschaft auch in der 89. oder 90. Minute gegen Liechtenstein noch heiß drauf ist, ein Tor zu erzielen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie alles investiert." 

Eben jener Spirit ist es, den Flick schon in seinen ersten vier Monaten als Bundestrainer seinem Team zu vermitteln versuchte. Immer mit der klaren Idee, wie sein Fußball aussehen soll, und immer auch mit dem Anspruch, dass diese Idee auf dem Platz zu sehen ist. "Er ist jemand, der sehr umgänglich ist, die Leute einbindet", betont etwa Oliver Bierhoff, der Direktor Nationalmannschaften und Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Flick sei einer, "der aber auch Dinge, die ihm nicht gefallen, klar anspricht und so auch Teamgeist entwickeln lässt."

Der Teamgeist in der deutschen Nationalmannschaft ist zurück 

Der Teamgeist, er ist zurückgekehrt ins deutsche Team - nach dem Ende der Ära Löw musste Flick diesen allerdings mühsam zusammensuchen wie die letzten Pokerchips kurz vor Ende des Spiels. "Das ist eine Mannschaft, die da auf dem Platz steht, die auch ein Miteinander pflegt. Und vor allen Dingen sind die Qualität, die Intensität und die absolute Konzentration, auf das was wir vorhaben, da", sagt der Bundestrainer. Geholfen haben ihm dabei auch die sportlichen Erfolge in den vergangenen Monaten. Die Bilanz: sieben Spiele, sieben Siege. 

Gegen Gegner wie Armenien, Liechtenstein oder Nordmazedonien gab es für den Neu-Bundestrainer und sein Team nicht den ganz großen Pot zu gewinnen, dafür aber einiges zu verlieren. Das Vertrauen in den Umbruch etwa, der sich unter Flick vollziehen soll. Und so überrascht es nicht, dass der Coach seine Mannschaft in eben jenen Partien gerne noch fokussierter gesehen hätte. "Gerade die Spiele haben gezeigt, dass noch Präzision fehlt", so Flick. Gegen Spitzenteams aber brauche die Mannschaft "absolute Konzentration, Präzision im Passspiel und in den Aktionen."

Bierhoff: Boykott der WM in Katar kommt nicht in Frage

Das soll sich in den kommenden Monaten vor allem mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Katar ändern. "Was ich versprechen kann, ist, dass wir top vorbereitet sind", so Flick. "Nicht nur fußballerisch, sondern auch in allen Themen, die drumherum sind, weil sich einfach auch gezeigt hat, wie sensibel das ist." Die Themen "drumherum", das ist nicht weniger als die Menschenrechtslage im Emirat. Die Diskussionen darum sind in den vergangenen Wochen und Monaten nicht nur, aber auch in Clubs wie dem FC Bayern geführt worden. 

Das hat Flick verfolgt und sich neben dem Austausch mit Experten auch mit der Sicht der Fans beschäftigt. "Das nehmen wir als unsere Pflicht, dass wir top vorbereitet sind." Während der Bundestrainer in seiner Formulierung vage bleibt, betont Bierhoff: "Ein Boykott kommt für uns nicht in Frage. Von den Organisationen ist uns auch mitgegeben worden, dass das nicht gut wäre." In der kommenden Woche reisen Bierhoff und Flick nach Katar, wollen sich ein Bild von der Lage machen. "Ich weiß aber natürlich auch, dass man vor Ort wenig erfahren wird", gibt Flick zu bedenken. 

Es ist also noch einiges zu tun - auch sportlich. "Wenn man ein gutes Team hat - das hat auch Italien gezeigt - wenn man zusammensteht, auf dem Platz auch wirklich alles gibt, dann kann man sehr viel erreichen", so Flick. "Das sind die Voraussetzungen, die wir schaffen wollen, die wir als Basis sehen, dass die Mannschaft vom ersten Spiel an da ist."

Hansi Flick über Corona-Impfung, Booster und Tests

Bis zum ersten Spiel aber kann noch viel passieren, das weiß auch Flick - verletzungsbedingte Ausfälle etwa. Und dann sind da ja auch noch die Corona-Pandemie, und die Diskussionen um ungeimpfte Nationalspieler. Bereits im November hatten nach einem positiven Test fünf Spieler in Quarantäne gemusst. "Ich selbst bin geimpft, jeder weiß, wie ich dazu stehe - und ich bin auch schon geboostert", betont Flick. Er lasse sich etwa bei den Besuchen in Bundesliga-Stadien zudem regelmäßig testen. "Weil es für mich einfach wichtig ist, alle Risiken auszuschließen. Das gibt mir Sicherheit."

Zudem habe er mit vielen Spielern Gespräche geführt. Darauf setzt auch Bierhoff. "Wichtig ist, dass wir ruhigen Kopf bewahren und Strategien entwickeln", betonte der Direktor. "Wir haben uns klar positioniert und als DFB die Impfkampagne unterstützt." Dass die Nationalmannschaft auch da All In geht, scheint aber nicht absehbar. 

Hansi Flick über Ziele: "Liefern dann, wenn es zählt"

Zumindest sportlich soll aber genau das im neuen Jahr unter Flick gelingen: "Wir haben wenig Zeit, um Dinge einzustudieren. Deshalb gilt ein Satz noch: Liefern dann, wenn es zählt." Und wenn das klappt, dann ist es wie beim Pokern kein Bluff, sondern vielleicht sogar der Gewinn des ganz großen Pots.